Über ge­leb­te Kli­schees

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT - von Mar­tha St­ein­feld

Es gibt et­was, was ich au­ßer­or­dent­lich un­gern tue: Kli­schees be­die­nen. Tra­di­tio­nel­le Rol­len­bil­der, ty­pi­sches Ver­hal­ten und vor­ge­zeich­ne­te We­ge mei­de ich wie die Pest. Doch soll ich Ih­nen ein Ge­heim­nis ver­ra­ten? Ich glau­be, Kli­schees kann man nie­mals ganz ent­kom­men.

Die hys­te­ri­sche Schwan­ge­re, die vor je­dem Es­sen ängst­lich über­leg­te, ob sie das nun zu sich neh­men darf oder nicht? Das war ich. Die Mut­ter, die ihr zen­ti­me­ter­dick mit 50erSon­nen­creme ein­ge­fet­te­tes Ba­by beim ers­ten Son­nen­strahl pa­nisch un­ter ei­nem Tuch ver­steck­te? Auch ich. Die El­tern, die plötz­lich 75 Pro­zent ih­rer Zeit mit Ge­sprä­chen über die kör­per­li­chen Aus­schei­dun­gen ih­res Nach­wuch­ses ver­brin­gen? Ma­chen wir bis heu­te. Die Mut­ter, die im Su­per­markt ob zwei­er nicht ko­ope­rie­ren­der Kin­der die Fas­sung ver­liert? Ist mir auch schon pas­siert.

Auch Va­ter-Mut­ter-Rol­len­kli­schees las­sen sich nicht ver­mei­den. Ich fin­de, der Kinds­va­ter sieht er­zie­hungs­tech­nisch man­ches viel zu lo­cker. Er fin­det, ich könn­te mal ent­span­nen.

Und wir le­ben Kli­schees nicht nur im Klei­nen: So mach­te die Erst­ge­bo­re­ne vom ers­ten Tag an un­miss­ver­ständ­lich klar, dass es der Va­ter ist, den sie sich als Le­bens­ver­bün­de­ten ge­wählt hat. Bis heu­te kann nur er sie – wie durch Zau­ber­hand – in­ner­halb von Se­kun­den zur Ru­he brin­gen. Und bis heu­te ist in fast al­len Be­lan­gen er ih­re ers­te An­lauf­stel­le – ei­ne Pa­pa­toch­ter, wie sie im Bu­che steht. Erst war ich trau­rig, haupt­säch­lich als Nah­rungs­quel­le mit we­nig dar­über hin­aus­ge­hen­den Funk­tio­nen an­ge­se­hen zu wer­den. Spä­ter wur­de klar, dass auf­grund ih­rer Prä­fe­ren­zen auch Din­ge wie ins Bett brin­gen und st­un­den­lan­ges Her­um­tra­gen nicht in mei­nen Zu­stän­dig­keits­be­reich fie­len. Das fand ich we­ni­ger schlimm. Lei­der hat­te ich die Rech­nung oh­ne den Zweit­ge­bo­re­nen ge­macht, der sich mit An­kunft auf der Welt so­fort als Ma­masöhn­chen po­si­tio­nier­te. Für ihn bin ich bis heu­te al­les: Be­zugs­per­son, Trost­pflas­ter und ger­ne auch Schlaf­platz. Aber soll ich Ih­nen noch ein Ge­heim­nis ver­ra­ten? Ir­gend­wie sind Kli­schees manch­mal ja auch ganz nett.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.