Das Le­ben ist schön

Rap­per Mar­te­ria

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE -

Mit der Au­ßer­ir­di­schen-Me­ta­pher und hoch­kna­cki­gen Beats plä­diert Ros­tocks Rap­per auf sei­nem neu­en Al­bum „Ros­well“für mehr Men­sch­lich­keit. „Ich bin ein sehr neu­gie­ri­ger Mensch“, sagt Mar­ten La­c­i­ny ali­as Mar­te­ria, „und ich ver­su­che, die­se Neu­gier in mei­ner Mu­sik zu trans­por­tie­ren.“Al­so sau­ge er Im­pres­sio­nen auf, die er dann in sei­nen Lie­dern ver­wer­te. „Es gibt für mich kaum et­was Schö­ne­res, als an­de­re Län­der, an­de­re Spra­chen, an­de­re Kul­tu­ren ken­nen­zu­ler­nen“, sagt Mar­ten. Oder gleich an­de­re Ga­la­xi­en. In­halt­lich und vi­su­ell ist „Ros­well“von je­nem Ort na­mens „Area 51“in der Wüs­te New Me­xi­cos in­spi­riert, an dem die USA an­geb­lich seit 1947 ein dort, eben bei „Ros­well“, ab­ge­stürz­tes Ufo ver­ste­cken.

Lo­gisch, dass eng­stir­ni­ge, in­to­le­ran­te, mit Scheu­klap­pen durchs Le­ben schlur­fen­de Men­schen dem 34-jäh­ri­gen Ros­to­cker, der be­reits frü­he Kar­rie­ren als Bei­na­he-Fuß­ball­pro­fi bei Han­sa Ros­tock und als Mo­del in New York hin­ter sich hat­te, be­vor die Lei­den­schaft fürs Mu­sik­ma­chen über­hand­nahm, nichts ab­ge­win­nen kann. In „Ali­ens“, der ers­ten Sing­le aus „Ros­well“rappt er dar­über, wie al­lein er sich oft füh­le, wenn er mit sei­nen An­sich­ten, men­schen­freund­lich zu sein und po­li­ti­sche Rat­ten­fän­ger zu be­kämp­fen, durch die Stra­ßen ge­he. „Es geht mir nicht dar­um, die har­te Po­lit­keu­le zu schwin­gen, ich be­ob­ach­te lie- ber und ma­che mir Ge­dan­ken. Manch­mal hast du Angst, du stehst al­lei­ne mit dei­nen Wer­ten da, aber wenn du ge­nau hin­guckst, dann siehst du, wie vie­le Men­schen sie tei­len.“Wel­che Wer­te das sind, ver­rät er im Stück „Links“mit der Zei­le „Wenn du nicht mehr weißt, wo­hin, dann geh links“. „Mei­ne Mut­ter hat mich schon als klei­nes Kind mit­ge­nom­men auf Frie­dens­de­mos, die Welt ist ein­fach bes- wenn die Men­schen sich ver­bin­den, an­statt ei­n­an­der aus­zu­gren­zen. Aber die Haupt­sa­che ist: Nicht rechts.“Mu­sik, so Mar­te­ri­as tie­fe Über­zeu­gung, brau­che Mes­sa­ge. „Mu­sik darf nicht seicht und ecken- und kan­ten­los sein. Es muss ein biss­chen knal­len, und da­für ste­hen wir.“

Und auf „Ros­well“, das wie­der von Mar­te­ri­as Stamm­pro­du­zen­ten­t­rio The Krauts pro­du­ziert wur­de, knallt es ganz ge­hö­rig. Die Beats sind su­per­fett und knusp­rig, und wie im­mer spricht die­se Mu­sik auch Men­schen an, die mit deut­schem HipHop sonst nicht so viel an­fan­gen kön­nen. Mar­tens Tex­te sind cle­ver, wit­zig, tief­sin­nig und poe­tisch, die Stü­cke ha­ben Tie­fe und bis­wei­len auch mäch­tig hym­ni­sche Ener­gie.

Zum Al­bum hat La­c­i­ny auch ei­nen Film ge­dreht. Das, Zi­tat Plat­ten­fir­ma, „bom­bas­ti­sche Be­wegt­bild­spek­ta­kel“mit dem Ti­tel „an­tiMARTERIA“ent­stand zu­sam­ser, men mit dem Re­gis­seur Spec­ter Ber­lin und be­kann­ten Schau­spie­lern wie Fre­de­rick Lau und Emi­lia Schü­le in Kap­stadt (zu se­hen auf www.an­timarteria.com). „Ich ma­che Mu­sik, die Spaß bringt, zu der man tan­zen, schrei­en, fei­ern und durch­dre­hen kann“, so Mar­te­ria. Sei­ne Ein­flüs­se auf Num­mern wie „Das Geld muss weg“, „Scot­ty beam mich hoch“oder „Sy­kli­ne mit zwei Tür­men“(„in New York wohn­te ich di­rekt ne­ben dem Trump To­wer“) sei­en nicht nur ame­ri­ka­ni­sche Rap­per, son­dern vor al­lem „an­de­re Ali­ens. Künst­ler, die ich sehr ver­eh­re, wie Udo Lin­den­berg, Da­vid Bo­wie, Micha­el Jack­son oder Björk.“In der Mu­sik sei es wie im Fuß­ball, so Mar­te­ria. „Ech­te Ori­gi­na­le wie ein Ma­rio Bas­ler, die ster­ben lang­sam aus. Da muss man ge­gen­hal­ten.“Er tut, was er kann.

Wie vor je­der neu­en Al­bum­pro­duk­ti­on pack­te Mar­ten La­c­i­ny sei­ne ge­lieb­te An­gel ein und ging auf gro­ße Rei­se, Zweck: aus­span­nen und neue Ein­drü­cke sam­meln. Er war un­ter an­de­rem auf den Sey­chel­len, auf Ja­mai­ka, auf Cu­ra­çao, in Ugan­da und An­go­la, „ei­nem Ge­heim­tipp in der An­gel­sze­ne“. „Ich hat­te da­vor jah­re­lang durch­ge­ackert, und es war schön, ei­ne Pau­se zu ha­ben. Al­ler­dings bin ich nicht der Typ, der die Bei­ne hoch­legt, nur am Strand zu sein ist lang­wei­lig.“Mar­ten ist Raub­fisch­ang­ler. Al­so kei­ner die­ser tie­fen­ent­spann­ten Ty­pen, die da­sit­zen und war­ten. „Ich fah­re mit dem Boot raus, bin sehr ak­tiv, wer­fe, wer­fe, wer­fe. Trotz­dem fin­de ich beim An­geln zur Ru­he, ich spü­re, wie sehr mir das kör­per­lich gut tut.“

Das An­geln sei für Mar­te­ria auch zum Teil Er­satz für sei­ne frü­he­ren Aus­ge­he­x­zes­se. Seit er vor zwei Jah­ren mit aku­tem Nie­ren­ver­sa­gen im Kran­ken­haus lan­de­te, trinkt er kei­nen Al­ko­hol mehr und lässt die Dro­gen weg, im Song „Tauch­sta­ti­on“er­zählt er von die­ser ein­schnei­den­den Er­fah­rung. „Ich war we­der Jun­kie noch Al­ko­ho­li­ker, aber ich war ge­fan­gen in mei­ner Sucht nach der Nacht. Dass die Nie­ren streik­ten und wie­der an­spran­gen, ha­be ich als letz­te War­nung mei­nes Kör­pers ver­stan­den.“

In­zwi­schen ist La­c­i­ny, der vor zwei Jah­ren ge­hei­ra­tet und ei­nen Sohn mit ei­ner frü­he­ren Part­ne­rin hat, von Ber­lin raus aufs Land ge­zo­gen, der Ros­to­cker wohnt jetzt di­rekt an der Ost­see, wo ge­nau, möch­te er al­ler­dings nicht in der Zei­tung le­sen. „Ich kann an­geln und ha­be ei­ne klei­ne Farm“, sagt er nur. „Mein Le­ben ist schön.“Stef­fen Rüth

Fo­to: Paul Ripp­ke

VON WE­GEN SAND IM GE­TRIE­BE: Für Mar­te­ria läuft’s rund wie nie.

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