Re­li­gi­on und an­de­re Heils­ver­spre­chen

ARD-The­men­wo­che

Pforzheimer Kurier - - FILM UND TV-SZENE -

The­ma Glau­be ist wie­der wich­ti­ger ge­wor­den in un­se­rer Ge­sell­schaft. Al­lein schon we­gen des Ter­rors, der vom ra­di­ka­len Is­lam aus­geht und Dis­kus­sio­nen um re­li­giö­sen Fa­na­tis­mus nach sich zieht. Die ARD-The­men­wo­che „Wor­an glaubst du?“setzt bis Sams­tag al­ler­dings an­de­re Schwer­punk­te als den Is­lam. „Die Mo­der­ne hat den Men­schen von sehr vie­len Zwän­gen be­freit und ihm gleich­zei­tig die enor­me Last der In­di­vi­dua­li­tät auf­er­legt“, sagt der Dresd­ner Phi­lo­soph Mar­kus Tie­de­mann. Weil man sich in im­mer kom­ple­xe­ren Räu­men ei­gen­ver­ant­wort­lich be­we­gen müs­se, wach­se der Druck auf den Men­schen. „Mün­dig zu sein, ist un­sag­bar an­stren­gend“, ana­ly­siert Tie­de­mann und lie­fert da­mit die Er­klä­rung für die wach­sen­de Be­deu­tung von Heils­ver­spre­chen in Deutsch­land.

Drei ei­gens für die The­men­wo­che pro­du­zier­te Fern­seh­fil­me hat das Ers­te zur Fra­ge „Wor­an glaubst du?“in Auf­trag ge­ge­ben. In­ter­es­san­ter­wei­se geht es in kei­nem der drei Dreh­bü­cher kon­kret um Re­li­gi­on. Im in­ter­es­sant ge­dach­ten, aber mit­tel­mä­ßig um­ge­setz­ten Dresd­ner „Tat­ort: Le­vel X“(mor­gen, 20.15 Uhr) steht die Glau­bens­ge­mein­de des So­ci­al Web im Mit­tel­punkt. Ein jun­ger „Pranks­ter“– so nen­nen sich Men­schen, die an­de­ren dreis­te Strei­che spie­len – wur­de er­mor­det – nach­dem der jun­ge Held auf sei­nem Live-Chan­nel gera­de ei­ne Ro­cker­ban­de är­ger­te. Als die Er­mitt­ler in die Welt der In­ter­net-Gu­rus ein­tau­chen, tref­fen sie un­ter an­de­rem auf ei­nen Web-Un­ter­neh­mer, der sei­nen – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – Jün­gern wie ein „Deng­lisch“spre­chen­der Mes­si­as ge­gen­über­tritt.

Durch­aus be­ein­dru­ckend ist hin­ge­gen das Dra­ma „Atem­pau­se“(Mitt­woch, 20.15 Uhr) ge­ra­ten. Ra­di­kal-Fil­me­ma­che­rin Ael­run Goet­te („Kei­ne Angst“) be­glei­tet die El­tern ei­nes klei­nen Jun­gen, bei dem nach ei­nem harm­los er­schei­nen­den Un­fall beim Fuß­ball der Hirn­tod fest­ge­stellt wird. Sel­ten hat man die ers­ten Ta­ge ei­nes Schocks und bo­den­lo­ser Trau­er in­ten­si­ver in ei­nem Fern­seh­film dar­ge­stellt ge­se­hen. Bis auf ei­ne kur­ze Sze­ne, in der sich der Va­ter in die Kran­ken­haus­ka­pel­le zu­rück­zieht, fehlt aber auch hier der kon­kre­te Be­zug zu Kir­che und Re­li­gi­on.

Die­ser müss­te, im tra­di­tio­nell leich­ter ge­dach­ten Frei­tags­film „Die Kon­fir­ma­ti­on“(20.15 Uhr) doch ge­ge­ben sein? Der mit lei­sem Hu­mor un­ter­füt­ter­te Fa­mi­li­en­film stellt ei­nen Halb­wüch­si­gen in den Mit­tel­punkt, der sich zur Über­ra­schung sei­ner glau­bens­fer­nen El­tern, heim­lich tau­fen lässt und nun zur Kon­fir­ma­ti­on ge­hen will. Ein recht or­dent­li­cher Strei­fen des viel­fach preis­ge­krön­ten Re­gis­seurs Ste­fan Kroh­mer („Dutsch­ke“). Un­term Strich ist er je­doch mehr ein au­gen­zwin­kern­des Co­m­ing-of-Age-Dra­ma, auch ei­nes der El­tern, als dass er wirk­lich die Fra­ge stel­len wür­de: Wie sehr be­ein­flusst Re­li­gi­on das Le­ben in Deutsch­land heu­te noch?

Die Su­che nach Ant­wor­ten fin­det vor al­lem in non-fik­tio­na­len For­ma­ten statt. Der Film „Wenn Ge­walt das Le­ben ver­än­dert“aus der Rei­he „Gott und die Welt“(mor­gen, 17.20 Uhr) be­glei­tet Al­bi Ro­eb­ke auf ei­ner sen­si­blen Mis­si­on. Et­wa 80-mal pro Jahr steht der Pfar­rer vor der Tür von Men­schen, de­nen er ei­ne schreck­li­che Bot­schaft über­brin­gen muss. Ro­eb­ke ist Seel­sor­ger und be­glei­tet Hin­ter­blie­be­ne von Un­fall­op­fern, Fa­mi­li­en­dra­men oder Selbst­mör­dern.

„Die Sto­ry im Ers­ten: Land oh­ne Glau­ben“(Mon­tag, 22.45 Uhr) un­ter­sucht den Os­ten Deutsch­lands, wo sich 20 Pro­zent der Be­völ­ke­rung als At­he­is­ten be­zeich­nen und in „Spit­zen­län­dern“wie Meck­len­burg-Vor­pom­mern so­gar 80 Pro­zent der Be­völ­ke­rung of­fi­zi­ell kon­fes­si­ons­los ist. Hier ha­ben 40 Jah­re So­zia­lis­mus gan­ze Ar­beit ge­leis­tet. Wäh­rend sich in der al­ten Bun­des­re­pu­blik trotz mas­si­ver Kir­chen­aus­trit­te christ­li­che Tra­di­tio­nen wie Tau­fe oder Kon­firDas ge­hal­ten ha­ben, le­ben die Men­schen im Os­ten oh­ne re­li­giö­se Bin­dung. Wie sie das tun und ob sie et­was ver­mis­sen, will der Film von Kai Voigt­län­der wis­sen.

Im Do­ku­men­tar­film „Er­leuch­te uns – Vom Auf­stieg und Fall ei­nes Selbst­hil­feGu­rus“(Di­ens­tag, 22.30 Uhr, Baye­ri­sches Fernsehen) be­glei­tet Fil­me­ma­che­rin Jen­ny Carch­man den New-Age-Gu­ru Ar­thur Ray nach des­sen Ent­las­sung aus dem Knast. Als Su­per­star der US-Re­li­gi­ons­sze­ne, Oprah Win­frey ge­hör­te zu sei­nen An­hän­gern, ver­kauf­te er sechs Mil­lio­nen Ex­em­pla­re sei­nes Bu­ches „The Se­cret“. Dann je­doch star­ben wäh­rend ei­nes von ihm in­iti­ier­ten Schwitz­hüt­ten-Ri­tu­als drei Men­schen. Ray wur­de zu zwei Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt. Der Film zeigt den Gu­ru nach sei­ner Haft­ent­las­sung. Hat er sich ver­än­dert?

Und noch ein Film, der sich mit Heils­brin­gern au­ßer­halb der eta­blier­ten Welt­re­li­gio­nen be­schäf­tigt. Die lan­ge Do­ku­men­ta­ti­on „Gu­ru: Bhag­wan, His Sec­tre­ta­ry & His Bo­dy­guard“(Di­ens­tag, 22.25 Uhr), lief 2010 im Ki­no, zeich­net den Weg ei­nes schil­lern­den Re­li­gi­ons­füh­rers nach, der vor al­lem in den 70erJah­ren die jun­ge Welt be­geis­ter­te. Pas­sen­der­wei­se läuft zu­vor Mar­cus H. Ro­sen­mül­lers Cul­tu­re-Clash-Ko­mö­die „Som­mer in Oran­ge“(20.15 Uhr). Den Weg von See­len­hü­tern, die uns ver­trau­ter schei­nen, zeich­net die MDR-Do­ku­men­ta­ti­on „Pfar­rer wer­den“(mor­gen., 22.45 Uhr) nach. Die Fil­me­ma­cher, die selbst nicht glau­ben, be­glei­te­ten ei­ne Grup­pe von an­ge­hen­den Pfar­re­rin­nen und Pfar­rern über das letz­te Jahr ih­rer Aus­bil­dung. Es geht um En­thu­si­as­mus, aber auch um Zwei­fel der an­ge­hen­den Seel­sor­ger.

Die Au­to­ren Ka­trin Bau­er­feind und vor al­lem Ralf Husmann („Strom­berg“) las­sen die im Nacht­pro­gramm ver­steck­te Re­por­ta­ge „Bau­er­feind re­cher­chiert: Wor­an glaubst du?“(Mitt­woch, null Uhr) in­ter­es­sant er­schei­nen. Hoch­gra­ma­ti­on dig sub­jek­tiv rei­sen die bei­den Fern­seh­schaf­fen­den durch Deutsch­land, um Ge­schich­ten über Men­schen und ih­ren Glau­ben zu er­zäh­len. Iro­nie und Hu­mor, da darf man si­cher sein, wer­den da­bei nicht feh­len. Erns­ter da­ge­gen ist die Re­por­ta­ge „Ein neu­es Herz für Jas­min – Der lan­ge Weg zum Spen­der­or­gan“(Frei­tag, 21.15 Uhr, NDR) des preis­ge­krön­ten Au­tors Micha­el Heuer. Er be­glei­te­te ein schwer herz­kran­kes Mäd­chen und sei­ne El­tern über vier Jah­re, in de­nen das War­ten auf ein Spen­der-Or­gan das Le­ben der Fa­mi­lie be­stimm­te.

Selbst die eher „So­ap“-ori­en­tier­ten Pro­gram­me der ARD ge­hen die The­men­wo­che mit. So han­delt die mor­gi­ge Fol­ge der „Lin­den­stra­ße“von der Ent­schei­dung der halb­wüch­si­gen An­to­nia, Toch­ter von If­fi und Mo­mo, sich kon­fir­mie­ren zu las­sen. Fans der „Lin­den­stra­ße“konn­ten seit 1. Mai auf dem On­line-Por­tal der Dau­er­se­rie über drei mög­li­che (Dreh­buch) Ent­schei­dun­gen ab­stim­men. Eric Lei­mann

BE­EIN­DRU­CKEN­DES TRAUERDRAMA: im Fern­seh­film „Atem­pau­se“hofft Mut­ter Es­t­her (Kat­ha­ri­na Ma­rie Schu­bert), dass sich Sohn Han­nes (Mik­ke Rasch) doch noch er­ho­len wird. Fo­to: MDR / Vol­ker Ro­loff

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