Die Auf­pas­se­rin

Kri­mi der Wo­che

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

Es war ein be­schau­li­ches, ru­hi­ges Wohn­vier­tel, in dem sie wohn­te. Sie kann­te fast al­le Nach­barn mehr oder we­ni­ger gut, leb­te aber ziem­lich zu­rück­ge­zo­gen. Die Ru­he wur­de nur manch­mal durch schrei­en­de Kin­der ge­stört, die den jün­ge­ren Paa­ren ge­hör­ten, die in­zwi­schen in man­chen Häu­sern wohn­ten.

Um­so mehr fiel ihr ei­nes Ta­ges auf, dass ein riesiger Mö­bel­wa­gen vor dem Haus der ver­stor­be­nen Fa­mi­lie Kra­mer stand. Sie ver­folg­te das Aus- und Ein­räu­men ge­spannt hin­ter der Gar­di­ne. Was mö­gen das für Leu­te sein? Sie glaub­te ei­nen dun­kel­haa­ri­gen Mann mit schwar­zem Bart zu er­ken­nen, und ab und zu er­schien auch ei­ne eben­falls dun­kel­haa­ri­ge, jun­ge Frau vor dem Haus.

„Ich muss un­be­dingt schau­en, ob ich Karls Fern­glas noch im Schreib­tisch fin­de“, dach­te sie bei sich.

Dort fand sie tat­säch­lich den al­ten Feld­ste­cher. Von nun an be­ob­ach­te­te sie re­gel­mä­ßig das Ge­sche­hen in ih­rer Stra­ße und bei den neu­en Nach­barn.

Ab und zu fuh­ren Au­tos zu den neu­en Nach­barn, dun­kel­haa­ri­ge Män­ner stie­gen aus, tru­gen et­was ins Haus und fuh­ren we­nig spä­ter wie­der fort. Tags­über schien al­les in Ord­nung zu sein. Am Ta­ge nach dem Ein­zug war sie selbst an dem Haus vor­bei­ge­lau­fen, um es zu in­spi­zie­ren. Na­tür­lich be­tont un­auf­fäl­lig auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te, ob­wohl es ein klei­ner Um­weg zum Su­per­markt war. Ein un­be­hag­li­ches Ge­fühl war in ihr auf­ge­stie­gen. „Ich muss wei­ter auf­pas­sen“, sag­te sie zu sich.

Ei­ni­ge Ta­ge nach dem Um­zug – nach An­bruch der Dun­kel­heit – sah sie, dass zwei Män­ner grö­ße­re Be­häl­ter zu ei­nem Trans­por­ter tru­gen. „Das ist vi­el­leicht Schmugg­ler­wa­re! Was soll­te es sonst sein?“dach­te sie. Das Licht der Stra­ßen­la­ter­ne war lei­der nicht hell ge­nug. Scha­de, dass Ot­to sein Nacht­sicht­ge­rät da­mals ver­kauft hat­te. Das hät­te sie jetzt gut ge­brau­chen kön­nen. Plötz­lich schrak sie auf. Die Män­ner tru­gen auf ih­ren Schul­tern ei­nen läng­li­chen Ge­gen­stand, der of­fen­sicht­lich schwer war, zu dem Au­to und lu­den ihn ein. Ganz auf­ge­regt über­leg­te sie: „War das nicht ein ein­ge­wi­ckel­ter mensch­li­cher Kör­per? Ich muss das mor­gen gleich bei der Po­li­zei mel­den.“

In der Nacht schlief sie sehr un­ru­hig. Noch vor dem Früh­stück eil­te sie zu der Po­li­zei­sta­ti­on drei Stra­ßen ent­fernt und gab dem dienst­ha­ben­den Wacht­meis­ter ih­re Be­ob­ach­tun­gen zu Pro­to­koll. Sie war al­ler­dings et­was ir­ri­tiert, dass nicht gleich ein Wa­gen los­braus­te, um der Sa­che auf den Grund zu ge­hen. Den­noch ging sie zu­frie­den nach Hau­se. Sie hat­te ih­re Bür­ger­pflicht ge­tan und be­ob­ach­te­te wei­ter das Ge­sche­hen. Er­leich­tert sah sie we­nig spä­ter ei­nen Strei­fen­wa­gen vor dem Nach­bar­haus, der al­ler­dings kurz dar­auf schon wie­der weg fuhr. Er hielt vor ih­rem Grund­stück. Ein Po­li­zist stieg aus und klin­gel­te an der Haus­tür. Vor Auf­re­gung muss­te sie sich zwin­gen, lang­sam zu ge­hen. „Siehst du, ich ha­be Recht ge-habt“, mur­mel­te sie, als sie die Tür öff­ne­te.

„Gu­ten Tag Frau Pe­ters, ich möch­te mich bei ih­nen be­dan­ken. Es war tat­säch­lich et­was faul bei den neu­en Nach­barn. Sie hat­ten ei­nen grö­ße­ren Was­ser­scha­den und ha­ben lei­der den Bau­schutt nachts im Stadt­wald ab­ge­la­den. Und au­ßer­dem noch ei­nen zu­sam­men­ge­roll­ten ver­dor­be­nen Tep­pich. Dank ih­rer In­for­ma­ti­on ha­ben wir den Ver­ur­sa­cher schnell ge­fun­den. Es war aber kein Ka­pi­tal­ver­bre­chen, wie sie dach­ten. Schö­nen Tag noch! „Ach so nur ei­ne Tep­pich­rol­le“, sag­te sie, „trotz­dem vie­len Dank für die In­for­ma­ti­on“, und schloss ent­täuscht die Haus­tür.

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