In­dia­ner­land für die Ewig­keit

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Ein biss­chen mul­mig war ihr schon, dort oben auf der Kan­te der röh­ren­den Gischt. Gorda­na Zeitz-Ce­ko weist mit dem Fin­ger auf die Kr­kaWas­ser­fäl­le. „Da bin ich run­ter ge­sprun­gen“, sagt die 68-Jäh­ri­ge. Und man meint, noch im­mer ein leich­tes Frös­teln in ih­rer Mi­mik er­ken­nen zu kön­nen. Lan­ge schwar­ze Haa­re um­rah­men ihr Ge­sicht, sie hat sie zu zwei Zöp­fen ge­bun­den. Ei­ne gut aus­se­hen­de Frau. Wie hübsch muss sie als 16-Jäh­ri­ge ge­we­sen sein. Die Film­leu­te wa­ren be­geis­tert. Bei den Dreh­ar­bei­ten zu „Old Shat­ter­hand“im Jahr 1964 hat­ten sie das kroa­ti­sche Mäd­chen ent­deckt. Mit­ten auf der Stra­ße in ih­rem Hei­mat­städt­chen Si­benik. Weil Da­liah La­vi krank ge­wor­den war, stock­te die Pro­duk­ti­on. Als Hal­bin­dia­ne­rin Pa­lo­ma Na­k­a­ma soll­te sich die kürz­lich ver­stor­be­ne Schau­spie­le­rin ins Was­ser stür­zen – aus­ge­schlos­sen in ih­rem Zu­stand. Gorda­na schien der idea­le Er­satz.

Sie ließ sich nicht lan­ge über­re­den. „Ich ha­be 1 000 Mark be­kom­men, für die paar Se­kun­den“, sagt sie, noch im­mer ver­wun­dert. Das Pro­blem: Sie soll­te nackt hin­un­ter­sprin­gen. Aber auch das fand sie nicht schlimm. „Man hat mich dick mit brau­ner Far­be ein­ge­schmiert, und vor dem Sprung war­te­te ich, in ei­ne De­cke ge­hüllt aufs Kom­man­do.“Dass das Was­ser emp­find­lich kalt war, nahm sie hin. Es war schließ­lich schon Herbst.

Auch mit dem drän­gen­den Wer­ben der Haupt­dar­stel­ler kam sie zu­recht. Aus Angst, Pier­re Bri­ce oder Lex Bar­ker könn­ten nachts in ihr Ho­tel­zim­mer ein­drin­gen, stell­te sie ei­nen Tisch vor die Tür. Pas­siert ist nichts. Ge­schwärmt hat sie we­der für die­sen Win­ne­tou mit dem mar­kan­ten Grüb­chen am Kinn noch für Old Shat­ter­hand, der so herr­lich mit den Wan­gen­kno­chen mah­len konn­te. „Ich moch­te Rik Batta­glia“, ge­steht sie. Mein Gott, war das nicht der bö­se An­füh­rer der Dexon-Ban­de? Und schlim­mer noch, der wi­der­li­che Rol­lins, der Win­ne­tou im drit­ten Teil in die ewi­gen Jagd­grün­de be­för­der­te? Gorda­na zuckt die Ach­seln. „Er war ein schö­ner Mann, un­ge­heu­er männ­lich“, sagt sie.

Als der Film dann aber in Si­benik ge­zeigt wur­de, be­kam sie es doch mit der Angst. „Vie­le kann­ten mich in der Stadt.“In­stän­dig bat sie den Film­vor­füh­rer, den ent­schei­den­den Zen­ti­me­ter aus der Ko­pie her­aus­zu­schnei­den. Da­bei ging al­les oh­ne­hin so schnell in die­ser Sze­ne – vie­le Zu­schau­er merk­ten gar nicht, dass sie nackt war. Ihr Bru­der al­ler­dings ließ sich nicht täu­schen. „Er gab mir ei­ne schal­len­de Ohr­fei­ge“, sagt Gorda­na. Den Sprung hat sie trotz­dem nicht be­reut. Er half ihr so­gar, in Deutsch­land ei­ne Mo­del-Kar­rie­re zu star­ten.

Die Schau­spie­ler der Kar­lMay-Fil­me sind das ei­ne. Doch dass die Strei­fen um ed­le In­dia­ner, mie­se Schur­ken, ga­lop­pie­ren­de Pfer­de und bren­nen­de Post­kut­schen im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis ei­ner Ge­ne­ra­ti­on ver­an­kert sind, liegt an den atem­be­rau­ben­den Ku­lis­sen: Kroa­ti­en. „Die­se Land­schaf­ten wa­ren den ame­ri­ka­ni­schen nicht nur ähn­lich, son­dern so­gar viel schö­ner“, ist Vla­di­mir Ta­dej über­zeugt. Schon für den ers­ten Film, den 1962 ge­dreh­ten „Schatz im Sil­ber­see“, war er Sze­nen­bild­ner. Der „Sil­ber­see“war in Wirk­lich­keit der Ka­lu­de­ro­va­cSee, ei­ner von 16 in­ein­an­der­flie­ßen­den Ge­wäs­sern im Na­tio­nal­park Plit­vicer Se­en. Als Win­ne­tou hier im drit­ten Teil be­ein­dru­ckend vor ei­nem Was­ser­fall po­siert, war Plit­vice schon Na­tio­nal­park. 1979 wur­de das ein­zig­ar­ti­ge Ge­biet dann zum Unesco-Welt­na­tur­er­be er­ho­ben. „Hier darf nichts mehr ver­än­dert, ge­schwei­ge denn ein Film ge­dreht wer­den“, sagt Frem­den­füh­re­rin He­le­na Pe­tro­vic. Sie hat gut zu tun. 1,3 Mil­lio­nen Be­su­cher kom­men je­des Jahr. In der Haupt­sai­son, im Au­gust, drän­geln sich täg­lich rund 13 000 Be­su­cher auf den Pfa­den ent­lang der Se­en.

Die Be­su­cher, vor­nehm­lich Asia­ten, wis­sen nichts von Win­ne­tou. Aber in Stari­grad-Pak­le­ni­ca, gleich an der Adria ge­le­gen, ist er all­ge­gen­wär­tig. Das Mo­tel Alan, in dem die Dar­stel­ler oft wohn­ten, ist heu­te ein Mu­se­um. Schlich­te, klei­ne Zim­mer sind zu be­sich­ti­gen, ein Ori­gi­nal-Ka­nu, ein paar Ko­s­tü­me, ein gro­ßer Plas­tik­kak­tus.„Kak­te­en ha­ben wir ja nicht in Kroa­ti­en“, er­klärt Zvon­i­mir Cu­be­lic. Statt­des­sen wur­den die Plas­tik­tei­le in der Land­schaft dra­piert. Der 40-Jäh­ri­ge Cu­be­lic ist ge­frag­ter Füh­rer zu den Dreh­or­ten. „Ich hat­te nie ei­nen Karl-May-Film ge­se­hen, bis im­mer mehr Deut­sche hier­her ka­men und Fra­gen nach den Schau­plät­zen stell­ten.“Er mach­te sich schlau und kann nun zu fast je­dem St­ein­hau­fen ei­ne In­dia­ner-Ge­schich­te er­zäh­len.

Vom Ho­tel Alan, das 1968 ne­ben dem al­ten Mo­tel er­öff­ne­te, ist es zu Fuß nicht weit in den Ve­li­ka Pak­le­ni­ca-Can­yon. Sze­nen für sa­ge und schrei­be zehn Win­ne­tou-Fil­me wur­den hier ge­dreht. Je wei­ter man in den Na­tio­nal­park ein­dringt, um­so hö­her wach­sen rechts und links die Fels­wän­de des Ve­le­bit-Ge­bir­ges. Fast 150 Ki­lo­me­ter zieht es sich par­al­lel zur Küs­te ent­lang. Bleich und rau ist das Gestein, ge­krönt von un­ge­zähl­ten wil­den Za­cken. „Die Grie­chen ha­ben den Olymp, die Ja­pa­ner den Fu­ji, wir ha­ben den Ve­le­bit“, sagt Zvon­i­mir stolz. Man schaut hin­auf und ist si­cher, dass sich gleich ein paar In­dia­ner hin­ter den Fel­sen auf­rich­ten wer­den. Zu ebe­ner Er­de braucht man mehr Fan­ta­sie. „Lei­der ha­ben sie die Stra­ße asphal­tiert“, be­dau­ert Zvon­i­mir. Zu­dem ist viel Grün ge­wach­sen in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten. „Im Na­tio­nal­park darf nichts mehr ge­ro­det wer­den“, er­klärt Zvon­i­mir. Or­dent­lich Wild­west ver­birgt sich dort trotz­dem noch, wenn man nur ge­nau hin­schaut. Die­ser über­hän­gen­de Fel­sen et­wa, auf dem sich zum Bei­spiel Win­ne­tou und Old Shat­ter­hand ver­steck­ten. Et­li­che Fil­me spä­ter such­te hier Old Shu­re­hand De­ckung vor ei­ner St­ein­la­wi­ne. Auf Old Shu­re­hand be­zie­hungs­wei­se Ste­wart Gran­ger wa­ren die Film­leu­te nicht gut zu spre­chen. Dem Bri­ten miss­fiel es, dass ein „un­be­kann­ter“Fran­zo­se die Haupt­rol­le spiel­te. Er war doch der Star – und be­nahm sich auch so. Da­mals wa­ren die We­ge zu den Dreh­or­ten, et­wa hin­auf zum Gip­fel des Tul­ove gre­de, schwie­rig zu be­fah­ren. Die Stra­ße war vol­ler Ge­röll und mit Schlag­lö­chern über­sät. Gran­ger wur­de im Mer­ce­des hin­ge­bracht. Vla­di­mir Ta­dej be­haup­tet, dass er sich über die „har­te Fe­de­rung“be­schwert ha­be. Erst als man ihm ei­ne Ci­tro­ën DS zur Ver­fü­gung stell­te, war er halb­wegs zu­frie­den.

Die Kroa­ten läs­ter­ten über die Deut­schen, „die jetzt In­dia­ner spiel­ten“. Aber mit­ma­chen woll­ten sie den­noch. Die Fir­ma Ri­al­to Film aus Ber­lin zahl­te pünkt­lich und gut. Für den „Schatz im Sil­ber­see“wur­den zwei Dut­zend jun­ge Zagre­ber Schau­spie­ler en­ga­giert. Sie ver­si­cher­ten, gut rei­ten zu kön­nen. Doch als Ban­di­ten hat­ten sie wie die Teu­fel zu ga­lop­pie­ren – ein Fi­as­ko. Die meis­ten konn­ten sich kaum auf den Tie­ren hal­ten. Am En­de der Sze­ne sa­ßen noch zwei Rei­ter im Sat­tel.

Dass die Pfer­de nicht eben pfleg­lich be­han­delt wur­den, ahnt man schon, wenn man

die wil­den Epi­so­den im Film sieht. Blickt man auf das fel­si­ge, un­ebe­ne Ge­län­de am Fu­ße des Tul­ove gre­de, glaubt man nicht, dass hier über­haupt ga­lop­piert wer­den kann. „Dort hin­ten“, sagt Zvon­i­mir und weist auf ei­nen St­ein­hau­fen, „ist das Gr­ab von Nschot­schi.“Ihr Bru­der Win­ne­tou war hier für ins­ge­samt elf Fil­me in Ac­tion. Dort hat die Wit­we von Pier­re Bri­ce an ei­nem Fel­sen – ge­mein­sam mit Mar­tin Bött­cher, dem Kom­po­nis­ten der Film­mu­sik – ei­ne Ge­denk­ta­fel für ih­ren Mann ent­hüllt. Im Ju­ni 2015 ist der Mi­me ge­stor­ben. Or­ga­ni­siert hat­te die Ze­re­mo­nie Uli Wir­sing, der in Pak­le­ni­ca in je­dem Jahr ein ein­wö­chi­ges Fan­tref­fen auf die Bei­ne stellt. Wir­sing, ein Flug­zeug­me­cha­ni­ker aus Nürn­berg, hat sich ei­ne Ko­pie des Win­ne­tou-Ko­s­tüms aus Hir­sch­le­der ge­schnei­dert. Auch den Schmuck aus 200 000 Per­len hat er ei­gen­hän­dig auf­ge­näht.

Kroa­ti­en freut sich über die Win­ne­touFans. „Sie wer­den zu Hau­se auch er­zäh­len, wie schön un­se­re Land­schaft ist“, hofft Mir­na Ben­der von der Kroa­ti­schen Frem­den­ver­kehrs­zen­tra­le. Das Land

ha­be ja viel mehr als nur die Adria. In­zwi­schen wird der Ve­le­bit zu­neh­mend von Wan­de­rern ent­deckt. Der kroa­ti­sche Schrift­stel­ler Edo Po­po­vic hat in sei­nem Buch „An­lei­tung zum Ge­hen“aus­führ­lich über sei­ne Wan­de­run­gen in die­sem Ge­biet be­rich­tet – und dem Ve­le­bit ei­ne Lie­bes­er­klä­rung ge­macht. Aber im süd­li­chen Teil, dort wo die Win­ne­tou-Fil­me einst ge­dreht wur­den, muss man auf­pas­sen. Noch im­mer lie­gen dort Mi­nen aus dem Kroa­ti­en­krieg. „Das meis­te ist ge­räumt, aber man muss un­be­dingt auf den aus­ge­wie­se­nen We­gen blei­ben“, warnt Znov­i­mir.

Ob die ge­wöhn­li­chen Ur­lau­ber auch die­sen sa­gen­haf­ten Aus­sichts­punkt fin­den, den Film­fans so­fort als „Pue­b­loPla­teau“iden­ti­fi­zie­ren? Hoch er­hebt es sich über dem sich durch ei­ne Schlucht win­den­den Fluss Zr­man­ja. Die Zel­te der In­dia­ner sind na­tür­lich längst ver­schwun­den. Was soll’s. Der Ken­ner hat die Bil­der im Kopf. Zr­man­ja-Fluss? „Quatsch“, ruft ei­ner, „das ist doch der Rio Pe­cos.“Im Karl-May-Buch wie in der Wirk­lich­keit fließt er durch New Me­xi­ko. Auf dem Pla­teau be­frei­te Old Shat­ter­hand die an Mar­ter­pfäh­le ge­bun­de­nen In­dia­ner, hier voll­zog er die Bluts­brü­der­schaft mit Win­ne­tou. Ein Ort zum Nie­der­kni­en.

Ver­son­nen steht ein Be­su­cher dort. Auf sei­nem oran­ge­far­be­nen T-Shirt prangt das Kon­ter­fei des In­dia­ner­häupt­lings. Ge­kauft hat er es im Sou­ve­nir­shop von Pak­le­ni­ca. „Es muss­te ein­fach sein.“Post­kar­ten mit den le­gen­dä­ren Film­sze­nen wer­den dut­zend­wei­se feil­ge­bo­ten. Wie schön, wie edel, wie tap­fer er war, die­ser Win­ne­tou! Ein In­dia­ner für die Ewig­keit. Hel­la Kai­ser

WELT­NA­TUR­ER­BE DER UNESCO: Die tür­kis­far­be­nen Was­ser­fäl­le im Na­tio­nal­park Plit­vicer Se­en bie­ten ein spek­ta­ku­lä­res Schau­spiel: Als 16-Jäh­ri­ge spiel­te Gorda­na Zeitz-Ce­ko in den Win­ne­tou-Fil­men mit. Fo­tos: dpa / Kai­ser

IMAGETRÄGER IN­DIA­NER: Kroa­ti­en lebt gut von den al­ten Win­ne­tou-Fil­men aus den 60er Jah­ren. Die Schlucht über dem Fluss Zr­man­ja heißt bei den Fans „Pue­b­lo-Pla­teau“. Fo­tos: Kai­ser

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