Glet­scher­schau­en in tag­hel­ler Nacht

Mit his­to­ri­schem Schiff rund um Spitz­ber­gen

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Andre­as He­ger­mann Riis braut Bier mit Glet­scher­was­ser: Po­lar-Bier. Mit­ten in der arktischen Wüs­te. Im ent­le­gens­ten Win­kel Eu­ro­pas. Dort, wo mehr Eis­bä­ren als Men­schen le­ben. Sval­bard („küh­le Küs­te“) heißt der Ar­chi­pel, zu dem über 400 In­seln zwi­schen dem 74. und 81. Grad nörd­li­cher Brei­te ge­hö­ren. 600 Ki­lo­me­ter vom nor­we­gi­schen Fest­land und ge­nau­so weit von Grön­land ent­fernt. Das größ­te Ei­land ist Spitz­ber­gen, wo Ro­bert Jo­han­sen zu­sam­men mit sei­ner Frau An­ne Gre­te im Haupt­ort Lon­gye­ar­by­en 2015 die Sval­bard Bryg­ge­ri er­öff­ne­te. Au­to­di­dakt Andre­as sam­mel­te zehn Jah­re lang in ver­schie­de­nen nor­we­gi­schen Braue­rei­en Er­fah­run­gen und lebt nun sei­ne Krea­ti­vi­tät zwi­schen „Spitz­ber­gen Weiß­bier, Pil­se­ner und Stout“aus. „Bis der Hopf­en­trop­fen flie­ßen konn­te, be­durf­te es über fünf Jah­re in­ten­si­ven Schrift­wech­sels, um ein 1928 ver­ab­schie­de­tes Ge­setz zu än­dern“, er­zählt Ro­bert Jo­han­sen. Dies be­sag­te, dass auf Spitz­ber­gen nicht ge­braut wer­den durf­te. Jo­han­sen schuf­te­te bis zur Schlie­ßung der „Gruve 3“im Jahr 1996 als Berg­ar­bei­ter. Spä­ter war er als Luft­trans­port­pi­lot zwi­schen Schwe­den und Grön­land un­ter­wegs. Nun, mit En­de 50 hat er sich dem Gers­ten­saft ver­schrie­ben.

Der Koh­le­ab­bau ren­tiert sich nicht mehr

1906 wur­de der Ort vom ame­ri­ka­ni­schen Un­ter­neh­mer John Mun­roe Lon­gye­ar als Berg­ar­bei­ter­stadt ge­grün­det.

Doch die St­ein­koh­le be­stimmt längst nicht mehr das Le­ben in den bun­ten hin­ge­wür­fel­ten Holz­häus­chen im 2 000 Ein­woh­ner-Ort. Ei­ne Mi­ne hält die Ver­sor­gung des ei­ge­nen Kraft­werks noch auf­recht. An­sons­ten zeu­gen aus­ge­dien­te Seil­bah­nen und Lo­ren vom eins­ti­gen Koh­le­ab­bau. 20 Jah­re nach ih­rer Still­le­gung wur­de ein Teil der „Gruve 3“als Mu­se­um er­öff­net. Werk­statt und Bü­ros wir­ken, als hät­ten die Ar­bei­ter da­mals flucht­ar­tig den Schacht ver­las­sen. „Aus der Berg­bau­zeit stammt die Sit­te, dass man auch heu­te beim Be­tre­ten von Ge­bäu­den auf Spitz­ber­gen die Schu­he aus­zieht, au­ßer im Su­per­markt und in ei­ni­gen an­de­ren klei­nen Ge­schäf­ten“, er­läu­tert Füh­re­rin Ra­kel Hau­ka­lid. So blieb frü­her der Koh­len­staub vor der Tür.

Wenn der Schnee ge­schmol­zen ist und die Tem­pe­ra­tu­ren an­stei­gen, sprie­ßen ein paar Flech­ten und Grä­ser, Sil­ber­wurz oder St­ein­brech aus dem kar­gen Bo­den und ge­ben der ber­gi­gen Land­schaft ein grau-braun-grü­nes Ge­sicht. Längst lebt Lon­gye­ar­by­en vom Tou­ris­mus und von der For­schung. Ne­ben dem Uni­ver­si­täts­zen­trum, an dem in eng­li­scher Spra­che Ark­ti­sche Wis­sen­schaf­ten ge­lehrt wer­den, be­fin­det sich das Sval­bard Mu­se­um. Es in­for­miert über Fau­na und Flo­ra und die eins­ti­ge Le­bens­wei­se der Wal­fän­ger, Pelz­tier- und Wal­ross­jä­ger.

Die Sval­bard Bryg­ge­ri liegt nicht weit ent­fernt vom An­lie­ger am Ad­ventfjord, an dem im Som­mer zwei­mal pro Wo­che die MS „Nord­stjer­nen“fest macht. Vor 61 Jah­ren lief der Damp­fer bei der Werft „Blohm & Voss“in Ham­burg vom Sta­pel, um als Post- und Pas­sa­gier­schiff ent­lang der nor­we­gi­schen Küs­te un­ter­wegs zu sein. Nach meh­re­ren Ei­gen­tü­mer­wech­seln un­ter­nimmt die al­te Da­me heu­te im Auf­trag von Hur­tig­ru­ten wäh­rend der Som­mer­mo­na­te tou­ris­ti­sche Ex­pe­di­ti­ons­fahr­ten durch die Sval­bar­dIn­sel­welt.

Ers­ter Stopp ist die rus­si­sche Berg­bau­sied­lung Ba­r­ents­burg. Frisch re­no­viert leuch­ten die Plat­ten­bau­ten in Bon­bon­far­ben in der Mit­ter­nachts­son­ne. 500 Rus­sen und Ukrai­ner le­ben hier. 1596 wur­de Sval­bard vom nie­der­län­di­schen See­fah­rer Willem Ba­r­ents ent­deckt. Erst der Spitz­ber­gen­ver­trag von 1920 ga­ran­tier­te Nor­we­gen Sou­ve­rä­ni­tät über den bis da­hin staa­ten­lo­sen Ar­chi­pel und si­chert den mitt­ler­wei­le über 40 Un­ter­zeich­ner­län­dern das Recht zu, dort Roh­stof­fe zu för­dern. Ih­re Bür­ger dür­fen auf den In­seln woh­nen und ar­bei­ten. Der rus­si­sche Staats­be­trieb Ark­ti­ku­gol be­treibt in Ba­r­ents­burg seit Jah­ren un­ren­ta­blen Berg­bau. „120000 Ton­nen Koh­le för­dern wir der­zeit“, er­läu­tert Gäs­te­füh­rer Kon­sta­tin: „Doch die Vor­rä­te er­schöp­fen sich. Des­halb möch­ten wir auch in Ba­r­ents­burg zu­künf­tig auf Tou­ris­mus set­zen und den Ort nicht auf- ge­ben wie die frü­he­ren rus­si­schen Gru­ben Py­ra­mi­den und Gru­mant.“

Durch die tag­hel­le Nacht ma­nö­vriert Ka­pi­tän Tor­mod Karl­sen das Schiff Rich­tung Nor­den, vor­bei an der lang ge­streck­ten In­sel Prins Karls For­land. Am nächs­ten Mor­gen säu­men schnee­be­deck­te Ber­ge erst den Mag­da­le­nen-, spä­ter den Smee­ren­burgfjord. „Auch wenn wir bis­her noch kei­nen Eis­bä­ren ge­se­hen ha­ben, kann die­ser über­all auf­tau­chen“, er­klärt Ex­pe­di­ti­ons­füh­rer Ré­my Bi­sch­off, der vor acht Jah­ren aus dem El­sass nach Spitz­ber­gen kam und blieb. Al­le Gui­des ha­ben des­halb ein Ge­wehr da­bei. Die Zo­di­acs fah­ren so nah wie mög­lich an die gi­gan­ti­sche, tür­kis bis hell­blau schim­mern­de Glet­scher­ab­bruch­kan­te des Smee­ren­burgg­let­schers her­an. Viel zu schnell geht es zu­rück zur „Nord­stjer­nen“, auf der die nächs­te Grup­pe schon die ro­ten Ret­tungs­wes­ten an­ge­legt hat.

Am Bock­fjord sich­tet Ré­my ers­te Bä­ren­spu­ren, aber es ver­ge­hen noch St­un­den, be­vor ei­ne Stim­me aus dem Bord­laut­spre­cher die er­sehn­te Nach­richt „Po­lar­be­ar, Eis­bär!“ver­kün­det und al­le Gäs­te mit Fern­glä­sern und Ka­me­ras be­waff­net aufs Vor­der­deck stür­men. Tat­säch­lich: Ein ziem­lich ha­ge­rer Petz streift am Ufer des Woodfjords ent­lang, schließ­lich ver­schwin­det er hin­ter ei­ner grau­en Fels­kup­pe. Auf dem Weg zum 80.

Brei­ten­grad be­glei­ten zwei Bu­ckel­wa­le die „Nord­stjer­nen“ein kur­zes Stück. Die Wal­ross-In­sel Mof­fen, 1 000 Ki­lo­me­ter vom Nord­pol ent­fernt, ist der Wen­de­punkt der „Sehrei­se“. Am fol­gen­den Mor­gen nimmt Ka­pi­tän Karl­sen im Kongs­fjord be­reits Kurs auf die For­schungs­sta­ti­on Ny-Åle­sund, der nörd­lichs­ten Sied­lung Sval­bards. Cir­ca 35 Ein­woh­ner le­ben hier. Im Som­mer kom­men noch ein­mal 150 in­ter­na­tio­na­le Wis­sen­schaft­ler hin­zu, um sich mit Po­lar­for­schung, Mee­resöko­lo­gie und Um­welt­über­wa­chung aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Der letz­te Aus­flug führt zur na­hen Geis­ter­sied­lung Ny-London. „Der bri­ti­sche Ge­schäfts­mann Er­nest Mans­field, der in Aus­tra­li­en und Ka­na­da wäh­rend des Gold­rau­sches reich ge­wor­den war, ver­such­te An­fang des 20. Jahr­hun­derts sein Glück auf Spitz­ber­gen“, be­rich­tet Ré­my: „Er er­rich­te­te das Camp Mans­field und be­gann, Mar­mor ab­zu­bau­en.“Doch als die ers­te Schiffs­la­dung in Groß­bri­tan­ni­en an­kam, zer­brö­sel­te das Gestein. Der Per­ma­frost räch­te sich und so en­de­te Mans­fiel­ds Spitz­ber­genAben­teu­er ab­rupt. Dag­mar Krap­pe

HIN­AUF ZUR KÜH­LEN KÜS­TE: 400 In­seln zwi­schen dem 74. und 81. Grad nörd­li­cher Brei­te bil­den den Ar­chi­pel Sval­bard. In den Som­mer­mo­na­ten ist die In­sel­grup­pe ein be­lieb­tes Ziel von Kreuz­fahrt­schif­fen – auch we­gen der gro­ßen Eis­bä­ren­po­pu­la­ti­on. Fo­to: Krap­pe

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