Schwe­di­sches Pil­ger­ziel für Kri­mi­fans

Sand­hamn im Stock­hol­mer Schä­ren­gar­ten

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Schwe­dens In­sel Sand­hamn gibt sich ganz un­schul­dig, als die „As­kun­gen“, ein Fähr­schiff der Wax­holm Ree­de­rei, mit lang­sa­mer Fahrt durch ei­ne Meer­enge zum Ha­fen schip­pert. Die Son­ne scheint vom wol­ken­lo­sen Him­mel auf gut ge­laun­te Schwe­den, die vom Schiff auf die be­lieb­te In­sel am äu­ßers­ten Rand des aus­ge­dehn­ten Schä­ren­gar­tens vor Stockholm strö­men. Die Küs­ten­ge­wäs­ser zwi­schen der Schwe­di­schen Haupt­stadt und der Ost­see sind mit rund 24000 In­seln, Ei­lan­den und Fels­kup­pen ge­spren­kelt, ein La­by­rinth, in dem orts­un­kun­di­ge Seg­ler oh­ne ge­naue See­kar­ten ver­lo­ren wä­ren. Sand­hamn mit sei­nem Na­tur­ha­fen wur­de schon vor mehr als 200 Jah­ren erst als kö­nig­li­che Zoll­sta­ti­on, dann als Stand­ort von Lot­sen­schif­fen groß. Da­bei ist „groß“vi­el­leicht et­was über­trie­ben, schließ- le­ben nur we­nig mehr als 100 In­su­la­ner ganz­jäh­rig auf dem über­schau­ba­ren Ei­land. Au­to­ver­kehr gibt es nicht, auch kei­ne Stra­ßen, nur We­ge und schma­le Stei­ge. Im Som­mer schwillt die Ein­woh­ner­zahl auf rund 3 000 an; hin­zu kom­men Tau­sen­de Ta­ges­aus­flüg­ler mit den Fäh­ren oder Frei­zeit­boo­ten, die Strän­de, ei­ne ent­spannt-ma­ri­ti­me At­mo­sphä­re und die In­sel­re­stau­rants ge­nie­ßen.

Ei­gent­lich soll­ten sie et­was vor­sich­ti­ger sein, denn Sand­hamn – glaubt man den Ro­ma­nen von Vi­ve­ca Sten – hat so­gar Hen­ning Man­kells Ystad in Süd­schwe­den bei der Mor­d­ra­te pro Ein­woh­ner­zahl über­flü­gelt und dürf­te in­zwi­schen zu den le­bens­ge­fähr­lichs­ten Or­ten auf der Welt ge­hö­ren. Die Ge­fahr, dass ihr lang­sam die Mord­op­fer aus­ge­hen könn­ten, sieht auch Vi­ve­ca Sten, die sich mit dunk­ler Fan­ta­sie of­fen­bar mü­he­los im­mer neue Mor­de auf der In­sel aus­denkt, auf der ih­re Fa­mi­lie seit rund 100 Jah­ren ein Fe­ri­en­haus be­sitzt. Da­bei sieht sie ganz fried­lich aus und macht ei­nen ge­ra­de­zu fröh­li­chen Ein­lich druck, wenn sie bei der Ma­ri­na vor dem „Se­glar­ho­tel“– na­tür­lich auch Schau­platz ei­nes Mor­des – auf­taucht.

Die schwe­di­sche Schrift­stel­le­rin, de­ren Ro­ma­ne mit gro­ßem Er­folg fürs Fernsehen ver­filmt wur­den, strickt ih­re Kri­mis um Tho­mas Andre­as­son von der Po­li­zei­dienst­stel­le Na­cka und sei­ne frü­he­re Schul­ka­me­ra­din No­ra Lin­de, ei­ne le­bens­fro­he Ju­ris­tin und Mut­ter. Ist sie sich ih­rer Ver­ant­wor­tung be­wusst, dass sie die In­sel­be­völ­ke­rung im­mer wei­ter de­zi­miert? Schon, doch sie gibt zu be­den­ken, dass auch ei­ni­ge Zu­ge­reis­te und Be­su­cher dran glau­ben müs­sen. Zu­dem spie­len die neue­ren Ro­ma­ne nicht mehr nur auf Sand­hamn, son­dern auch in Stockholm oder Upp­sa­la. Die In­su­la­ner schät­zen ih­re Kri­mi-Schrift­stel­le­rin, die Le­ser ih­rer Bü­cher aus Schwe­den und ganz Eu­ro­pa nach Sand­hamn lockt. In­zwi­schen gibt es so­gar ei­ne In­sel­kar­te, auf der die ver­schie­de­nen Schau­plät­ze von Ver­bre­chen auf­ge­lis­tet sind.

Vi­ve­ca Stens Er­folg ist selbst für schwe­di­sche Ver­hält­nis­se atem­be­rau­bend. Die ehe­ma­li­ge Chef­ju­ris­tin der schwe­disch-dä­ni­schen Post hat frü­her nur ju­ris­ti­sche Fach­bü­cher ver­fasst. Ihr ers­ter Kri­mi, noch ne­ben Job und Fa­mi­lie in der knap­pen Frei­zeit ge­schrie­ben, fand zu ih­rer Über­ra­schung 2008 gleich ei­nen Ver­lag. Die recht mu­ti­ge Start­auf­la­ge von zu­nächst 3 000 Ex­em­pla­ren wur­de in kür­zes­ter Zeit auf sen­sa­tio­nel­le 250 000 ver­kauf­te Bü­cher ge­stei­gert. Ih­re Ro­ma­ne ha­ben die Mar­ke von vier Mil­lio­nen Käu­fer lo­cker hin­ter sich ge­las­sen. Mit gut durch­dach­ten Fäl­len, ver­bun­den mit be­schau­li­cher Schä­ren­idyl­le ist Vi­ve­ca Sten of­fen­bar ein li­te­ra­ri­scher Cock­tail ge­lun­gen, der über­all an­kommt. Axel Pinck

MA­RI­TI­ME AT­MO­SPHÄ­RE: Die klei­ne In­sel Sand­hamn im Schä­ren­gar­ten von Stockholm ist ein be­lieb­tes Ziel der Haupt­städ­ter. Hier spie­len die blut­rüns­ti­gen Kri­mis von Vi­ve­ca Sten (klei­nes Bild). Fo­tos: Frischmuth

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