69. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - Fort­set­zung folgt

Ganz zu schwei­gen da­von, dass das Klos­ter da­mit für die ge­sam­te In­sel wie­der zu ei­nem wich­ti­gen Be­zugs­punkt wer­den wür­de, so wie frü­her. Wenn wir wie­der hier ba­cken, kann uns nie­mand mehr ver­ja­gen, nicht ein­mal Le­roux.“

„Wo­her nimmst du bloß die­se Ge­wiss­heit?“, frag­te Do­mi­ni­que zwei­felnd.

„Ganz ein­fach, ich bin mir si­cher, dass sich nie­mand von sei­ner ei­ge­nen Ge­schich­te be­freit. Das kön­nen wir uns zu­nut­ze ma­chen. Lasst uns die tra­di­tio­nel­len Re­zep­te ver­wen­den, so ge­ben wir der In­sel ih­ren al­ten Zau­ber zu­rück“, er­wi­der­te Elet­t­ra mit Feu­erei­fer. In ih­rem Blick lag der fes­te Wil­le, al­les auf ei­ne Kar­te zu set­zen und so die Gier ei­nes Man­nes zu be­sie­gen, der das Ge­dächt­nis der In­sel ei­nem Frem­den über­las­sen woll­te. So viel Dreis­tig­keit wür­de sie nicht hin­neh­men, nicht auf die­sem Ei­land.

„Du willst die Back­stu­be wie­der­er­öff­nen?“, wie­der­hol­te Lea.

„Das ist der ein­zi­ge Weg, die­sen Ort zu ret­ten“, be­stä­tig­te Elet­t­ra, und sie konn­te se­hen, wie der be­sorg­te Blick ih­rer Schwes­ter sich auf­hell­te. „Wir könn­ten die Er­öff­nung auf den Sieb­zehn­ten die­ses Mo­nats le­gen, schließ­lich ist die Hei­li­ge Eli­sa­beth von Un­garn die Schutz­her­rin der Bä­cker. Es wä­re doch per­fekt, die al­te Back­stu­be ihr zu Eh­ren wie­der zu be­wirt­schaf­ten.“

„Das ist ei­ne her­vor­ra­gen­de Idee“, pflich­te­te Ni­co­le ihr bei und klatsch­te be­geis­tert in die Hän­de. „Die Back­stu­be“, flüs­ter­te Lea. „Nur so wer­den wir an das nö­ti­ge Geld für die Sa­nie­rung kom­men und sor­gen oben­drein für re­gel­mä­ßi­ge Ein­nah­men, da­mit du end­lich zur Ru­he kommst. Wir müs­sen die Sta­tue und das Klos­ter un­be­dingt re­no­vie­ren, be­vor Le­roux Ernst macht. Wenn wir an­fan­gen, Brot zu ba­cken, ha­ben wir die Al­ten ganz be­stimmt auf un­se­rer Sei­te. Der Bür­ger­meis­ter hat selbst ge­sagt, dass sie die Mehr­heit auf der In­sel bil­den. In­dem wir ih­re Ju­gend wie­der her­auf­be­schwö­ren, in der die Back­stu­be noch in Be­trieb und das Le­ben ein bes­se­res war, si­chern wir uns ih­re Un­ter­stüt­zung“, er­klär­te Elet­t­ra. „Adri­an könn­te uns bei der Re­no­vie­rung hel­fen. Die Öfen sind bei dem Brand nicht be­schä­digt wor­den. Für den An­fang wür­de es rei­chen, die am stärks­ten in Mit­lei­den­schaft ge­zo­ge­nen Ge­bäu­de­tei­le in Ord­nung zu brin­gen, al­les an­de­re be­zah­len wir dann mit den Ein­nah­men aus dem Ver­kauf. So könn­te es klap­pen.“

Do­mi­ni­que, die auf ei­nem Sal­bei­blatt kau­te, ver­schränk­te die Ar­me. „Ich weiß nicht, ob das ei­ne so gu­te Idee ist. Un­ser Ver­such, auf dem Markt Plätz­chen zu ver­kau­fen, war ein De­sas­ter.“

„Im­mer musst du al­les ne­ga­tiv se­hen“, mur­mel­te Ni­co­le.

„Du irrst dich, Do­mi­ni­que, dies­mal ist es an­ders. Es geht nicht bloß dar­um, ein paar Lai­be Brot zu ba­cken, son­dern die­sen Men­schen ei­nen Traum zu­rück­zu­ge­ben“, sag­te Elet­t­ra.

Durch ih­re Hän­de, die sie nicht still­zu­hal­ten ver­moch­te, pul­sier­te die gan­ze Ener­gie, die das neue Pro­jekt ent­ste­hen ließ, ei­ne aus den Trüm­mern ei­ner Ka­ta­stro­phe ge­bo­re­ne Hoff­nung. „Da­mit zei­gen wir den In­sel­be­woh­nern, dass die In­sel lebt und ih­re Be­woh­ner sich nicht un­ter­krie­gen las­sen. Wir wer­den auch den Fi­schern Mut ma­chen. Das Klos­ter und die Back­stu­be sind nicht nur ei­ne Ein­nah­me­quel­le, son­dern vor al­lem auch ein Sym­bol für die gan­ze Ge­mein­de. Wenn wir das in die Tat um­set­zen, zei­gen wir ih­nen, dass die Men­schen den Un­ter­schied ma­chen, zu­min­dest wenn al­le zu­sam­men­hal­ten, und dass die Ge­mein­de der Iso­la del Ti­ta­no exis­tiert und stark ist. Dies­mal wird uns Syl­vies Gift nicht auf­hal­ten“, ver­si­cher­te sie den an­de­ren.

„War­um glaubst du, dass es dies­mal an­ders lau­fen wird?“Do­mi­ni­que ließ nicht lo­cker.

Elet­t­ra wand­te sich zum Kreuz­gang um und deu­te­te auf die er­leuch­te­te Ni­sche hin­ter dem Fens­ters. „Ih­ret­we­gen“, sag­te sie. „Mit­hil­fe der Hei­li­gen Eli­sa­beth wer­den wir all die Kun­den zu­rück­ho­len, die wir we­gen Syl­vie und Kon­sor­ten beim ers­ten Mal ver­lo­ren ha­ben.“Sie zeig­te auf die Stel­le, an der noch we­ni­ge Ta­ge zu­vor die Schutz­hei­li­ge ge­stan­den hat­te. Es gab so viel zu tun, ei­ne Men­ge Bo­den muss­te zu­rück­ge­won­nen wer­den, doch Elet­t­ra war fest ent­schlos­sen zu kämp­fen, für das Klos­ter, die Hei­li­ge Eli­sa­beth und all die Frau­en, die in die­sen Mau­ern ih­re ver­wun­de­ten See­len ge­heilt hat­ten. „Wenn je­de von uns ih­ren Teil bei­trägt, kommt der Rest ganz von al­lei­ne. Wir müs­sen nur un­se­ren Wil­len zei­gen und recht­zei­tig vor dem Fest mit den Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten an­fan­gen. Ni­co­le und ich könn­ten den Putz an­rüh­ren, Teig kne­ten ist schließ­lich mei­ne Spe­zia­li­tät, und Ni­co­le ist ei­ne her­vor­ra­gen­de Schü­le­rin. Zu­sam­men wer­den wir gu­te Ar­beit leis­ten“, er­gänz­te sie und zwin­ker­te ih­rer Freun­din zu, die mit ei­nem brei­ten Lä­cheln ant­wor­te­te.

Lea, die sich bis­her zu­rück­ge­hal­ten hat­te, war im­mer noch blass. „Glaubst du wirk­lich, dass das funk­tio­niert? Ich mei­ne, glaubst du wirk­lich, dass wir das Wohl­wol­len der In­sel­be­woh­ner zu­rück­ge­win­nen kön­nen?“

„War­um denn nicht?“, frag­te Elet­t­ra zu­rück. „Wenn das, was Vin­cent über die Leu­te ge­sagt hat, auch nur halb­wegs stimmt, ha­ben wir ei­ne re­el­le Chan­ce. Wir müs­sen nur die Al­ten und ih­re Ehe­frau­en über­zeu­gen. Wie vie­le von ih­nen ha­ben zu Fü­ßen der Hei­li­gen Eli­sa­beth ge­be­tet, da­mit sie ih­re Liebs­ten heil aus den Stür­men zu­rück­bringt? Wie vie­len Söh­nen, Brü­dern, Ehe­män­nern und Ge­lieb­ten ha­ben die Non­nen hier im Klos­ter ge­hol­fen? Auch die Hei­li­ge Eli­sa­beth selbst? Wie vie­le Weih­bro­te sind als Für­bit­te für die vom Meer ge­raub­ten See­len in die­sen Öfen ge­ba­cken, wie vie­le Hoch­zeits­ban­ketts hier aus­ge­rich­tet wor­den?“, frag­te sie die an­de­ren, die sie nun ver­blüfft an­sa­hen. „Ich bit­te euch, nur ei­nen Mo­ment lang dar­über nach­zu­den­ken. Über Jahr­zehn­te war das Klos­ter das Herz der In­sel. Das gilt auch für die Ku­chen und Plätz­chen mei­ner Mut­ter, im­mer­hin er­in­nern sich bis heu­te al­le noch da­ran.

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