„Trump-Ef­fekt“er­reicht auch Ägyp­ten

Re­gime von Macht­ha­ber al-Si­si zieht die Dau­men­schrau­ben im­mer stär­ker an / Will­kür wird Tür und Tor ge­öff­net

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ben­no Schwing­ham­mer

Kai­ro. Bei ih­rem ers­ten Tref­fen im Amt at­tes­tiert US-Prä­si­dent Do­nald Trump Ägyp­tens Herr­scher Ab­del Fat­tah alSi­si ei­nen „her­vor­ra­gen­den Job“. Beim Tête-à-tête in Ri­ad lobt der Ame­ri­ka­ner nicht nur die „fan­tas­ti­sche Be­zie­hung“zu Ägyp­ten, son­dern auch des Prä­si­den­ten Klei­der: „Ich lie­be Ih­re Schu­he. Jun­ge, die­se Schu­he. Mann ...“. Nichts trübt die gu­te Stim­mung, vor al­lem nicht die – aus Sicht Wa­shing­tons un­nö­ti­ge – Kri­tik an der Men­schen­rechts­la­ge am Nil. Ein gu­ter Tag vor al­lem für den au­to­ri­tä­ren Prä­si­den­ten und Un­ter­drü­cker Al-Si­si. Hin­ter Mosn Has­san da­ge­gen lie­gen „sehr har­te Ta­ge“. We­gen Al-Si­si. Die ägyp­ti­sche Frau­en­recht­le­rin und Trä­ge­rin des al­ter­na­ti­ven No­bel­prei­ses er­zählt mit be­leg­ter Stim­me, dass ih­re Ar­beit bald un­mög­lich wer­den könn­te. Sie re­det von der neu­en Un­ter­drü­ckungs­wel­le der Re­gie­rung. Ex­per­ten spre­chen von ei­ner „Zer­stö­rung der Zi­vil­ge­sell­schaft“, zu der sich Al-Si­si auch durch die Hal­tung Wa­shing­tons er­mu­tigt füh­le. Es ist der „Trump-Ef­fekt“auf den Na­hen Os­ten. Tat­säch­lich zö­ger­te AlSi­si lan­ge, bis er das Ge­setz zur Über­wa­chung von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs) un­ter­schrieb. Es wur­de ihm schon im No­vem­ber vor­ge­legt. Nun aber trat es in Kraft, we­ni­ge Ta­ge nach dem hei­te­ren Tref­fen mit Trump in Ri­ad.

Durch die neue Re­ge­lung wer­den NGO, die Nicht-Re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, kom­plett der Über­wa­chung und Will­kür der Be­hör­den aus­ge­lie­fert. Po­li­ti­sche Ar­beit ist ver­bo­ten, die Stra­fen sind emp­find­lich. Fast zeit­gleich wur­de ei­ne Rei­he von In­ter­net­sei­ten ge­sperrt. Dar­un­ter die Online-Zei­tung Ma­da Masr, ei­ne der letz­ten Bas­tio­nen des kri­ti­schen Jour­na­lis­mus im Land, so­wie an­de­re un­lieb­sa­me Me­di­en. Zu­dem wur­de der pro­mi­nen­te Men­schen­rechts­an­walt Cha­lid Ali an­ge­klagt. Er soll sich „un­mo­ra­lisch“ver­hal­ten ha­ben.

Es könn­te aber noch ei­nen an­de­ren Grund ge­ben: Ali wird als mög­li­cher Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat ge­han­delt. Ei­ne Ver­ur­tei­lung könn­te ihn für die Wahl 2018 aus dem Weg räu­men. Schon seit Jah­ren sperrt Prä­si­dent Al-Si­si miss­lie­bi­ge Ak­teu­re im Land zu Zehn­tau­sen­den ri­go­ros weg. Un­ter­drü­ckungs­maß­nah­men von Re­gie­run­gen wie der in Ägyp­ten wer­den laut der Ex­per­tin Amy Haw­t­hor­ne vom „Pro­ject of Midd­le East De­mo­cra­cy“in Washington durch Trump be­güns­tigt: „In dem Wis­sen, dass die USA und an­de­re west­li­che Re­gie­run­gen ein Au­ge zu­drü­cken, oder sie im Fal­le Trumps so­gar lo­ben wer­den, wird es sie nur noch er­mu­ti­gen.“ So sei es ge­gen­wär­tig eben­falls im Golf­staat Bah­rain zu be­ob­ach­ten. Haw­t­hor­ne glaubt, das An­ti-NGOGe­setz wer­de die ägyp­ti­sche Zi­vil­ge­sell­schaft zer­stö­ren. So ei­nen Ein­griff ha­be es seit dem ers­ten Prä­si­den­ten Ga­mal Ab­del Nas­ser nicht ge­ge­ben, der das Land bis 1970 re­gier­te. Ste­phan Roll, Ägyp­ten-Fach­mann von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Po­li­tik, hebt her­vor, dass die Un­ter­stüt­zung Trumps für Al-Si­si bis­lang nur ei­ne sym­bo­li­sche ge­we­sen sei. Aus Washington kom­me da­bei auch Ge­gen­wind für das „Re­gime“in Kai­ro. So for­der­ten die ein­fluss­rei­chen re­pu­bli­ka­ni­schen Se­na­to­ren John McCain und Lind­sey Gra­ham Al-Si­si in ei­nem deut­li­chen State­ment auf, das An­tiNGO-Ge­setz zu än­dern.

Über den Mil­li­ar­den­be­trag, den die USA Ägyp­ten jähr­lich an Mi­li­tär­hil­fe zur Ver­fü­gung stel­len, kann der Prä­si­dent üb­ri­gens nicht al­lein ent­schei­den. Doch es ist of­fen­sicht­lich, dass AlSi­si – stark un­ter Druck durch Ter­ror­an­schlä­ge und ei­ne schwe­re Wirt­schafts­kri­se – den Weg der Un­ter­drü­ckung wei­ter­ge­hen will. Die neu­en bes­ten Freun­de in Nord­ame­ri­ka und Nah­ost we­cken da­bei auch in Deutsch­land Ängs­te um den ei­ge­nen Ein­fluss auf Kai­ro. „Im Mo­ment schwin­det un­ser Ein­fluss“, meint Ka­rin Maag (CDU), die Vor­sit­zen­de der Deutsch-Ägyp­ti­schen Par­la­men­ta­ri­er­grup­pe im Bun­des­tag. Es lie­ge aber an Al-Si­si zu be­mer­ken, wer ein dau­er­haf­ter Part­ner sei – auch im Lich­te der in­nen­po­li­ti­schen Pro­ble­me Trumps. Al­ler­dings han­del­te sich ge­ra­de die Bun­des­re­gie­rung mit ih­rer nach­gie­bi­gen Hal­tung ge­gen­über Ägyp­ten viel Kri­tik ein. So nann­te Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) in sei­nem vo­ri­gen Amt als Wirt­schafts­mi­nis­ter Al-Si­si noch ei­nen „be­ein­dru­cken­den Prä­si­den­ten“. Grü­neAu­ßen­po­li­ti­ke­rin Fran­zis­ka Brant­ner for­dert des­halb: „Mit der Schon­be­hand­lung für den ver­meint­li­chen Sta­bi­li­täts­part­ner in Kai­ro muss Schluss sein.“

Auch nach der Ver­öf­fent­li­chung des An­ti-NGO-Ge­set­zes fällt die Re­ak­ti­on der Bun­des­re­gie­rung ver­hält­nis­mä­ßig sanft aus: „Sehr be­sorgt“äu­ßer­te sich die Men­schen­rechts­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Bär­bel Kof­ler. Wenn Al-Si­si je­doch kei­ne Gren­zen auf­ge­zeigt wer­den, da sind sich die Be­ob­ach­ter ei­nig, wird die Men­schen­rechts­la­ge am Nil nicht bes­ser. Im Ge­gen­teil: Es gä­be so­gar noch ei­ni­ge Es­ka­la­ti­ons­stu­fen, wie zum Bei­spiel die Hin­rich­tung ver­folg­ter Mus­lim­brü­der, sagt Ex­per­te Roll. Al-Si­si hat­te 2013 als da­ma­li­ger Ar­mee­chef den aus den Rei­hen der Is­la­mis­ten stam­men­den Prä­si­den­ten Mo­ham­med Mur­si nach Mas­sen­pro­tes­ten ge­stürzt. Mosn Has­san hat für ihr ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment be­reits be­zahlt. Zur Ver­lei­hung des al­ter­na­ti­ven No­bel­prei­ses durf­te sie nicht, die Be­hör­den be­leg­ten sie mit ei­nem Rei­se­ver­bot. Die Kon­ten ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on Nas­ra sind ein­ge­fro­ren. Has­san er­zählt, an­de­re NGO sei­en schon ein­be­stellt wor­den.

Foto: AFP

DIE POLIZEIPRÄSENZ wur­de mas­siv ver­stärkt: Nach dem jüngs­ten An­griff auf kop­ti­sche Chris­ten be­wa­chen ägyp­ti­sche Po­li­zei­be­am­te ein Kran­ken­haus in Kai­ro.

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