„Zeeg Freed“der stäh­ler­ne Co­mic-Held

Am Ba­di­schen Staats­thea­ter Karls­ru­he hat­te Richard Wa­g­ners Oper „Sieg­fried“Pre­mie­re

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - Isa­bel Step­peler

„Brenn ich hier Stahl, braust du dort Su­del?“fragt Sieg­fried Mi­me. Auch im Karls­ru­her „Ring der Viel­falt“braut je­der Re­gis­seur sein ei­ge­nes Süpp­chen in den vier Tei­len von Richard Wa­g­ners „Ring des Ni­be­lun­gen“. Nach Da­vid Her­mann („Rhein­gold“) und Yu­val Sharon („Wal­kü­re“) war jetzt Thor­lei­fur Örn Ar­nars­son an der Rei­he. Sein „Sieg­fried“be­ginnt viel­ver­spre­chend. Der Is­län­der be­schwört mit blü­hen­der Fan­ta­sie die Sa­gen­welt der „Ed­da“und ver­quickt sie mit dem Kon­flikt der Ge­ne­ra­tio­nen. Ei­ne fan­tas­ti­sche Idee. Doch wäh­rend Jus­tin Brown am Pult der Ba­di­schen Staats­ka­pel­le das Pu­bli­kum in ei­ner durch­weg fes­seln­den mu­si­ka­li­schen In­ter­pre­ta­ti­on bannt, geht Ar­nars­son auf hal­ber Stre­cke die Luft aus. Da­für müs­sen er und sein Team bei der Pre­mie­re Buh-Rufe ein­ste­cken. Sän­ger und Orches­ter aber hal­ten das mu­si­ka­li­sche Ni­veau des neu­en Karls­ru­her Rings wei­ter­hin oben.

„Sieg­fried“ist der hei­te­re drit­te Teil des Ring-Zy­klus. Jah­re sind ver­gan­gen, nach­dem Göt­ter­va­ter Wo­tan Al­be­rich den Ring ge­raubt und den Rie­sen als Be­zah­lung für den Bau von Wal­hall ge­ge­ben hat­te. Toch­ter Brünn­hil­de fris­tet des Va­ters Stra­fe und schläft auf ei­nem von Feu­er um­lo­der­ten Fel­sen. Wo­tan selbst will das Trei­ben der Welt nur noch als Zu­schau­er er­le­ben. Jetzt kommt Sieg­fried ins Spiel, der von Mi­me groß­ge­zo­gen wird. Gie­rig nach dem Ring, ver­sucht die­ser ver­geb­lich, dem Zieh­sohn ein Schwert zu schmie­den. Sieg­fried, der nicht weiß, dass er zu Wo­tans Plan ge­hört, die Welt vom Fluch des Rin­ges zu er­lö­sen, schmie­det es selbst, er­schlägt den zum Dra­chen ver­wan­del­ten Faf­ner und nimmt den Ring an sich. Dann be­freit er Brünn­hil­de und über­lässt ihr den Ring als Lie­bes­pfand.

Schau­er­lich und düs­ter be­ginnt „Sieg­fried“un­ter der Last des ver­fluch­ten Rin­ges in Mi­mes Höh­le. Am En­de wird Sieg­frieds Weg die­sen drit­ten Teil der Ring-Te­tra­lo­gie auf son­ni­ge Ber­ges­hö­hen füh­ren. Zwi­schen zwei Ex­tre­men al­so be­wegt sich „Sieg­fried“, und Thor­lei­fur Örn Ar­nars­son hat für den ei­nen, den düs­te­ren Part, auch ei­ne her­vor­ra­gen­de Sze­ne­rie er­son­nen. Er führt den Stoff zu­rück auf die is­län­di­schen Qu­el­len in der „Ed­da“, ei­ner Samm­lung nor­di­scher Dich­tun­gen aus dem 13. Jahr­hun­dert. Zu ihr ge­hört auch das Hel­den­lied „Fáf­nis­mál“, das von der Tö­tung des Dra­chen „Fáf­nir“durch ei­nen Hel­den er­zählt.

Bei Ar­nars­son ist Mi­mes Höh­le ei­ne Rum­pel­kam­mer al­ter Mö­bel und ver­strömt samt Ne­bel den Gru­sel ei­ner Geis­ter­bahn. Rit­ter­rüs­tun­gen, Stand­uhr, Spinn­rad, Vi­tri­nen, Kof­fer, ein Holz­ofen, Ge­mäl­de, an­ti­ke Sta­tu­en, ein Kla­vier mit Wa­g­ners Büs­te, ro­te Le­der­so­fas und ei­ne Ton­ne als Schmelz­tie­gel ge­hö­ren zu den gut 500 Re­qui­si­ten (Büh­ne: Vy­tau­tas Nar­bu­tas, Licht: Björn Berg­steinn Gud­munds­son). Dort liegt Faf­ner als Dra­che, dem Sieg­fried spä­ter den töd­li­chen Stoß ver­set­zen wird. Über die Ko­s­tü­me (Sun­ne­va Ása Weiss­hap­pel) schil­dert Ar­nars­son den Kon­flikt der Jun­gen mit der Vä­ter­ge­ne­ra­ti­on. Mi­me und Al­be­rich sind knub­be­lig-knor­ri­ge Zwer­ge, her­vor­ra­gend dar­ge­stellt von Mat­thi­as Wohl­brecht und Ja­co Ven­ter. Wo­tan sieht aus wie Gan­dalf, wenn er als Wan­de­rer auf der Büh­ne er­scheint. An­sons­ten be­ob­ach­tet er das Ge­sche­hen auf Bild­schir­men von ei­ner Schaltzentrale rechts ne­ben der Büh­ne aus.

Der nass­for­sche Sieg­fried springt ver­gnügt von ei­nem Co­mic-Kos­tüm ins nächs­te und lässt sich im drit­ten Akt vom Wald­vo­gel (Ulia­na Ale­xyuk) per Han­dy da­bei fil­men, wie er bar je­den Re­spekts den Wan­de­rer (Wo­tan) foppt. Auf sei­nem pop­pi­gen Lo­go-Shirt steht „Zeeg Freed“. Erik Fen­ton blüht auf in der Rol­le des nie­mals er­wach­sen wer­den­den Rotz­ben­gels. Ein als Har­le­kin ver­klei­de­ter Hor­nist und ein ver­stimm­tes Kla­vier sind Ver­su­che, Wa­g­ners Ver­ständ­nis „Sieg­frieds“als Ko­mö­die ge­recht zu wer­den. Das zün­det nicht, wie über­haupt vie­le wich­ti­ge Hand­lun­gen im Über­an­ge­bot der is­län­di­schen Fan­ta­sie­welt un­ter­ge­hen. Lei­der fin­det Ar­nars­son aus die­ser Welt nicht her­aus und bleibt ei­ne zün­den­de Idee für das hel­le Ge­gen­stück im drit­ten Auf­zug schul­dig. Zwar schiebt Sieg­fried die al­te Rum­pel­kam­mer zur Seite und macht den Blick frei auf ei­ne neue Welt, in der er die Lie­be fin­den wird. Die­se Welt aber ist nichts wei­ter als ei­ne Lein­wand, von der her­ab Frau­en Sieg­fried sprich­wört­lich schö­ne Au­gen ma­chen. Vi­deo­pro­jek­tio­nen hübsch ge­schmink­ter Au­gen il­lus­trie­ren fort­an das Ge­sche­hen. Brünn­hil­de, das Feu­er, der Fel­sen sind nicht zu se­hen. Sie gibt es qua­si nur ei­nen gold ge­pu­der­ten Li­dschlag von Sieg­fried ent­fernt als Au­ge (Sau­ron lässt grü­ßen) auf der Lein­wand. Der aber sitzt nur am Tisch und singt starr vor sich hin. Bis Brünn­hil­de end­lich er­scheint – und auch an­schlie­ßend – hat man vor lau­ter Au­gen Mü­he, die ei­ge­nen Au­gen of­fen zu hal­ten. Die Pro­jek­tio­nen do­mi­nie­ren die Drei­vier­tel­stun­de der Lie­bes­sze­ne, die Lie­ben­den spie­len kaum mehr ei­ne Rol­le und ver­har­ren im Ram­pen­sin­gen. Scha­de.

Zum Glück ist den Prot­ago­nis­ten die Luft nicht aus­ge­gan­gen. In dem mu­si­ka­li­schen Meer aus The­men und Mo­ti­ven, das Jus­tin Brown sän­ger­freund­lich und fa­cet­ten­reich ver­wal­tet, kön­nen sich die Sän­ger wie Fi­sche im Was­ser be­we­gen. Mat­thi­as Wohl­brecht ist ein vor­züg­lich si­nis­trer Mi­me, Erik Fen­ton auch stimm­lich ein strah­len­der Held, Hei­di Mel­ton ei­ne ihm eben­bür­ti­ge Brünn­hil­de, die je­doch nicht ih­ren bes­ten Tag hat­te. Ih­re Aus­spra­che ist ver­wa­schen, ih­re Hö­hen ge­ra­ten über­dreht. Re­na­tus Mes­zar ge­fällt mit war­mem Aus­druck als Wan­de­rer (Wo­tan). Ja­co Ven­ter (Al­be­rich), Avtan­dil Kas­pe­li (Faf­ner), Kat­ha­ri­ne Tier (Er­da) und Ulia­na Ale­xyuk (Wald­vo­gel) run­den das En­sem­ble über­zeu­gend ab. Jus­tin Brown lässt je­des Leit­mo­tiv und sei­ne Va­ri­an­ten zu wir­kungs­vol­len Cha­rak­ter­stü­cken ge­ra­ten und fin­det die schil­lernds­ten Far­ben so­wohl für die düs­te­ren wie für die strah­len­den Mo­men­te.

Ser­vice

Nächs­te Auf­füh­run­gen: 25. Ju­ni und 2. Ju­li ab 16 Uhr je­weils 16 Uhr.

IN DER SCHALTZENTRALE DER WA­GNER-MACHT: Re­na­tus Mes­zar gibt den Wan­de­rer/Wo­tan und ver­folgt in Thor­lei­fur Örn Ar­nars­sons „Sieg­fried“-Ins­ze­nie­rung das Ge­sche­hen vom Bild­schirm aus. Foto: Falk von Trau­ben­berg

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