Front­be­richt vom Schlacht­feld Schu­le

Ge­sell­schafts­ko­mö­die „Frau Mül­ler muss weg“im Po­di­um des Thea­ters Pforz­heim

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Un­ter Leh­rern kur­siert seit ei­ni­ger Zeit das Bon­mot, das Schlimms­te an den Schü­lern sei­en de­ren El­tern. Tat­säch­lich hat sich der ge­sell­schaft­li­che Druck auf die Schu­len er­höht. Und weil dort die Schü­ler un­be­dingt et­was „leis­ten“müs­sen, um es spä­ter im Le­ben „zu et­was zu brin­gen“, müs­sen auch die Leh­rer in die­sem Sin­ne funk­tio­nie­ren.

Wenn das aber nicht klappt, stellt sich rasch die Fra­ge nach den Ur­sa­chen – und da­mit be­ginnt die Su­che nach den Schul­di­gen. Klar ist: Mut­ti und Va­ti, die sich doch sol­che Sor­gen um ih­re (al­le­mal hoch­be­gab­ten) Lieb­lin­ge ma­chen, kön­nen es nicht sein. Blei­ben die Leh­rer. Al­le al­ten Vor­ur­tei­le über sie wer­den nun be­lebt. Pa­ni­sche „He­li­ko­pter-El­tern“um­krei­sen die Päd­ago­gen, in de­nen sie die ei­gent­li­chen Fein­de ih­rer Kin­der er­kannt ha­ben und auf die sie nun den ei­ge­nen Leis­tungs­druck wei­ter­rei­chen. Mit psy­cho­lo­gi­schen, bis­wei­len gar auch ju­ris­ti­schen Maß­nah­men be­drän­gen sie die Leh­rer, um sie zu nö­ti­gen, wenn schon nicht die Leis­tun­gen, so doch we­nigs­tens die No­ten der Kin­der zu he­ben. Die bil­li­ge Me­tho­de, Pau­ker zu Sün­den­bö­cken für das Ver­sa­gen der El­tern zu ma­chen, hat den er­folg­rei­chen Au­tor Lutz Hüb­ner 2010 be­wo­gen, zu­sam­men mit Sa­rah Nie­metz un­ter dem la­ko­ni­schen Ti­tel „Frau Mül­ler muss weg“ei­nen Front­be­richt vom Schlacht­feld Schu­le zu schrei­ben. Die Ge­sell­schafts­ko­mö­die nimmt mit Witz und Biss die nach­drück­li­chen Ver­su­che ei­ni­ger El­tern aufs Korn, ih­re (neun­jäh­ri­gen!) Spröss­lin­ge, de­ren ab­sa­cken­de No­ten ihr schu­li­sches – und dann wo­mög­lich auch so­zia­les – Fort­kom­men in Fra­ge stel­len, auf ei­ner ei­gens ein­be­ru­fe­nen El­tern­sprech­stun­de in Schutz zu neh­men.

Al­ler­dings tar­nen die Ver­schwö­rer ih­re Initia­ti­ve, die un­ge­lieb­te Frau Mül­ler ab­zu­sä­gen, heuch­le­risch mit der an­geb­li­chen Ab­sicht, de­ren ur­ei­ge­nes In­ter­es­se zu ver­fol­gen. Es folgt ein fin­ten­rei­ches Schar­müt­zel mit heik­len Miss­ver­ständ­nis­sen, bis am En­de durch ein fol­gen­rei­ches Ver­se­hen die Leh­re­rin doch wie­der die Ober­hand ge­winnt und die neue De­vi­se heißt: Frau Mül­ler muss blei­ben. Ein har­mo­ni­scher Aus­gang? Eher ein of­fe­nes En­de, denn der Klas­sen-Kampf geht wohl wei­ter.

Das sa­ti­ri­sche Stim­mungs­bild aus dem Bil­dungs­we­sen traf den Nerv der Zeit und wur­de 2015 sehr er­folg­reich ver­filmt. Grund ge­nug für vie­le Thea­ter, sich an die­sen Kas­sen­hit an­zu­hän­gen und das Werk auf die Büh­ne zu brin­gen – et­wa im Karls­ru­her „Sand­korn“und jetzt auch am Pforz­hei­mer Thea­ter, wo Swent­ja Krum­scheidt das un­ter­halt­sa­me, aber durch­aus auch kri­ti­sche Stück im „Po­di­um“in­sze­nier­te. Dirk Stef­fen Göp­fert hat da­zu mit ei­nem be­klem­mend au­then­ti­schen Schul­zim­mer ei­nen Raum ge­schaf­fen, in dem die strei­ten­den Par­tei­en aus­gie­big ih­re Mes­ser wi­der wech­seln­de Geg­ner wet­zen.

Hüb­ner, der mit sei­nen dop­pel­bö­di­gen Ko­mö­di­en nach dem Strick­mus­ter der fran­zö­si­schen Dra­ma­ti­ke­rin Yas­mi­na Re­za auch am Karls­ru­her Staats­thea­ter ge­spielt wur­de (und üb­ri­gens das Li­bret­to für die Wa­gner-Oper „Wahn­fried“ schrieb), ist ein viel zu er­fah­re­ner Au­tor, um sich mit plat­ten Kli­schees zu be­gnü­gen. Sei­ne Fi­gu­ren müs­sen bei al­ler sub­ti­len Po­in­tie­rung ernst ge­nom­men wer­den; als blo­ße Ka­ri­ka­tu­ren tau­gen sie nicht. Wer da auf ei­nen Schelm an­dert­hal­be set­zen will, läuft Ge­fahr, dass die Sa­ti­re zur Kla­mot­te ver­kommt. Die­ser Ge­fahr ist die Pforz­hei­mer Ein­stu­die­rung lei­der all­zu oft er­le­gen. Die Re­gie hat es zu­ge­las­sen oder zu­min­dest nicht ver­hin­dern kön­nen, dass die Darstel­ler ih­rem ko­mö­di­an­ti­schen Af­fen über­reich­lich Zu­cker ge­ben. Da­durch ver­leug­nen sie nicht sel­ten ihr Ta­lent für Bes­se­res – Mar­kus Lö­sch­ner als pol­tern­der Wolf Hai­der et­wa, der sich als dröh­nen­der Proll mit wei­ner­li­cher Kitsch­see­le durch die 100-mi­nü­ti­ge Auf­füh­rung kra­keelt und gar auch noch ei­ne pein­lich aus­ge­flipp­te, ob­schon vir­tu­os ge­mach­te Ka­rao­keEin­la­ge ab­sol­viert, oder Jens Pe­ter als halb­ge­schei­ter, über­for­der­ter Va­ter Jes­kow, der auch sich selbst ver­geb­lich zur Ver­nunft ruft. Im wei­te­ren En­sem­ble lie­fert Kat­ja Thie­le als Frau Mül­ler ei­ne schil­lern­de Stu­die zwi­schen Be­tu­lich­keit und Ar­ro­ganz, Anne-Kath­rin ist ei­ne zi­ckig über­dreh­te Grup­pen­spre­che­rin Hö­fel, Kon­stan­ze Fi­scher ein drol­lig ent­hemm­tes Mut­ter­tier Jes­kow und Ja­sa­man Rous­ha­na­ei ein an­ge­pass­tes Ha­scherl Gr­a­bow­ski, das in ei­nem quä­len­den Po­le-Dan­ce ih­re gut ver­bor­ge­ne Sinn­lich­keit of­fen­ba­ren darf, weil dem Hick­hack um Frau Mül­ler auch noch ei­ne ver­klemm­te Lie­bes­ge­schich­te ein­ge­strickt ist.

Am En­de gab es dank­ba­ren Bei­fall des Pu­bli­kums, das den ho­hen bur­les­ken Ein­satz der Darstel­ler ho­no­rier­te und auf den kri­ti­schen Hin­ter­sinn des Stü­ckes ger­ne ver­zich­te­te.

Ser­vice

Nächs­te Vor­stel­lun­gen: 14., 17., 23., 25. und 30. Ju­ni, je­weils 20 Uhr.

FATALER STUHLKREIS: In Lutz Hüb­ners Stück „Frau Mül­ler muss weg“ge­rät ei­ni­ges aus den Fu­gen. Foto: Hay­mann

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