Fi­ga­ro in den USA

Im Thea­ter Ba­den-Ba­den

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - Si­byl­le Or­gel­din­ger

Auf­ge­bla­se­nes Plas­tik über­all: rie­si­ge Schwimm­tie­re, pral­le Pal­men, ein arg ge­knautsch­ter und ge­tre­te­ner Glo­bus. Da­zwi­schen Men­schen, die sich mit „Mis­ter“, „Ma­dam“oder ame­ri­ka­nisch aus­ge­spro­che­nem Vor­na­men an­spre­chen. Sie lie­ben sich, strei­ten sich und spin­nen In­tri­gen, die wie Epi­so­den ei­ner end­lo­sen TV-Se­rie wir­ken. Sie quet­schen sich zu meh­re­ren ne­ben­ein­an­der durch Tü­ren, stür­zen aus Fens­tern und ver­ste­cken sich in Schrän­ken: Am Thea­ter Ba­den-Ba­den be­wegt sich „Der tol­le Tag oder Fi­ga­ros Hochzeit“in der Ins­ze­nie­rung von Tho­mas Höh­ne zwi­schen So­ap und Bou­le­vard­ko­mö­die. Das Stück von Pier­re-Au­gus­tin Ca­ron de Beau­m­ar­chais, das als Vor­la­ge für die Oper von Mo­zart dien­te, bil­det tat­säch­lich den zwei­ten Teil ei­ner Tri­lo­gie und setzt den „Bar­bier von Se­vil­la“fort.

Einst half Fi­ga­ro dem Gra­fen Al­ma­vi­va, sei­ne An­ge­be­te­te Ro­si­ne von ih­rem geld­gie­ri­gen Vor­mund Dok­tor Bar­tho­lo zu be­frei­en, um sie zu hei­ra­ten. Nun steht Fi­ga­ro (Patrick Wudt­ke) selbst vor der Hochzeit mit Su­zan­ne (Ma­ria Tho­mas). Der Graf (Oli­ver Ja­cobs), erst we­ni­ge Jah­re ver­hei­ra­tet, be­gehrt Su­zan­ne je­doch eben­falls und will ih­ret­we­gen das ei­gent­lich ab­ge­schaff­te „Recht der ers­ten Nacht“wie­der ein­füh­ren – ein IchMensch, der nur sich selbst liebt, sei­ne ei­ge­nen Re­geln auf­stellt und nach Be­lie­ben bricht. Bei der Pre­mie­re in Ba­den-Ba­den ern­te­te der Graf die ers­ten La­cher, noch be­vor er die Büh­ne rich­tig be­tre­ten hat­te. Der oran­ge­far­be­ne Teint, die gel­be Föhn­fri­sur und die ver­knif­fe­nen Lip­pen sind ziem­lich gut ge­trof­fen. „Wir bil­den uns ein, et­was von Po­li­tik zu ver­ste­hen, und sind doch nur Stüm­per“, er­klärt der Graf, fron­tal zum Pu­bli­kum ge­wandt, in un­ver­hoh­le­ner Selbst­er­kennt­nis. Mit ei­ner Hand­pup­pe als Rich­ter maßt er sich an, Recht zu spre­chen.

„Der tol­le Tag“bringt vie­le Ir­run­gen und Wir­run­gen, in wel­che die Grä­fin (Sonja Deng­ler), die äl­te­re Mar­ce­li­ne (Con­stan­ze Wei­nig), der al­ko­ho­li­sier­te An­to­nio (Hen­drik Pa­pe), die jun­ge Fan­chet­te (Lil­li Fee Schulz), der Pa­ge Che­ru­bim (Simon Ma­zou­ri) so­wie Bar­tho­lo (Berth Wes­sel­mann) und Ba­zi­le (Di­me­trio-Gio­van­ni Rupp) ver­wi­ckelt sind. Mit den Ko­s­tü­men von Ilo­na Lenk und dem Büh­nen­bild von Ste­ven Ko­op ver­setzt Re­gis­seur Tho­mas Höh­ne das Ge­sche­hen nicht nur aus dem An­ci­en Ré­gime vor der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on in das Am­bi­en­te ei­nes Ur­laubs­klubs in den USA, son­dern fügt auch zahl­rei­che Zi­ta­te ein: Mu­sik von Mo­zart (mu­si­ka­li­sche Gestal­tung: Hans-Ge­org Wil­helm), Sound­ef­fek­te aus Hol­ly­wood, An­spie­lun­gen auf ak­tu­el­le Me­dien­be­rich­te. Über all dem bun­ten Ge­sche­hen hängt die Er­war­tung, dass die Na­del, die ei­nen fal­schen Lie­bes­brief zu­sam­men­ge­hal­ten und sich dann selbst­stän­dig ge­macht hat, ir­gend­wann ei­nem der auf­ge­bla­se­nen Plas­tik­ge­bil­de zu na­he kommt. Der gro­ße Knall bleibt al­ler­dings aus.

Ser­vice

Nächs­te Vor­stel­lun­gen: 16. Ju­ni, 1. und 7. Ju­li, je­weils 20 Uhr, 2. Ju­li, 19 Uhr.

„Der tol­le Tag“war die Vor­la­ge für Mo­zarts Oper

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