Je­der Hauch ist hei­kel

Ti­be­ti­sche Mön­che ma­len im Al­fons-Kern-Turm ta­ge­lang ein Man­da­la aus Sand

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Wenn kei­ne Mu­sik im Ca­fé läuft, kann man es fast bis an den Ein­gang hö­ren, das scha­ben­de Ge­räusch. Gibt es Mäu­se im Al­fons-Kern-Turm? Die Ant­wort be­kommt der Be­su­cher, der die Trep­pen­stu­fen bis zum vier­ten Ober­ge­schoss em­por­steigt. Fast syn­chron rei­ben dort drei in dun­kel­ro­te Ge­wän­der ge­hüll­te Män­ner in schnel­ler Ab­fol­ge mit ei­nem Stab auf ei­nem läng­li­chen Me­tall­ge­fäß. Die Köp­fe sind tief über ei­nen Tisch ge­beugt, nur ab und zu mur­melt ei­ner von ih­nen et­was auf dem Weg zu ei­nem Tisch an der Wand. Dort füllt er sein Ge­fäß mit ei­nem far­bi­gen Ma­te­ri­al. Es ist sti­ckig. Die Luft scheint zu ste­hen. Soll­te sie bes­ser auch – denn je­der Hauch, so­gar hör­ba­res Aus­at­men wür­de das fi­gu­ra­le Schau­bild zer­stö­ren: Es sind ti­be­ti­sche Mön­che, die hier ein Sand-Man­da­la er­stel­len.

Es ist ein wah­res Kunst­werk, das in ta­ge­lan­ger Ar­beit von Frei­tag bis Mon­tag ent­steht und in des­sen Zen­trum das Er­leuch­tungs­we­sen Ava­lo­ki­tesh­va­ra steht. Hoch kon­zen­triert ge­hen Ges­he Jam­lo Dhon­dup, Ges­he Kon­chok Mon­lam und Ges­he Lo­sang Ta­shi zu Werk. Sie stam­men aus dem Dar­gye Klos­ter im Os­ten Ti­bets. Der­zeit sind sie in In­di­en im Exil. „Dort hat es der­zeit 46 Grad Cel­si­us“, hat der Pforz­hei­mer Hoch­schul­as­sis­tent Ben­ja­min Voit er­fah­ren, der sich um Be­su­cher in der Ausstellung „Lu­xus?!“, in die das Man­da­la ein­ge­bet­tet ist, und die Mön­che küm­mert. Letz­te­ren hat er zur Küh­lung ei­nen elek­tri­schen Was­ser­kreis­lauf auf den Bo­den ge­stellt – um zu­min­dest ei­ne Ah­nung von Lin­de­rung zu ver­schaf­fen. Die Mön­che las­sen sich je­doch nichts an­mer­ken. Un­ab­läs­sig rie­seln über die Ril­len im In­nern des von ih­nen ge­hal­te­nen Ge­fä­ßes Tau­sen­de von Sand­kör­nern auf die vor­ge­zeich­ne­te Flä­che – Fast vier Ta­ge lang, min­des­tens 30 St­un­den und punkt­ge­nau nach be­stimm­ten Farb- und Mus­ter-Re­geln.

Die Schaf­fung ei­ner „tem­po­rä­ren Heim­statt für Bud­dha“mit me­di­ta­ti­vem Cha­rak­ter ist ei­ne „spi­ri­tu­el­le Hand­lung“, wie Bet­ti­na Schön­fel­der sagt. Für die Mön­che ist sie im wahrs­ten Sinn des Wor­tes ei­ne Ver­beu­gung vor der Gott­heit. Für Be­ob­ach­ter des Ge­sche­hens vi­el­leicht noch mehr. Denn in der ak­tu­el­len Ausstellung „Lu­xus!?“im Turm geht es laut Mit­ku­ra­to­rin Bet­ti­na Schön­fel­der eben auch um den Lu­xus der Zeit. Und die braucht man in der Tat hier­für.

Be­reits in den Abend­stun­den des ers­ten Man­da­la-Ta­ges wird man Zeu­ge, wie zu­min­dest ein Drit­tel des Er­leuch­tungs­we­sens sei­nen Platz ein­nimmt. Dass ih­nen über die Schul­ter ge­schaut wird stört die Mön­che nicht im Ge­rings­ten. „Wie ma­chen Sie das?“, fragt flüs­ternd Bür­ger­meis­te­rin Si­byl­le Schüs­s­ler. Ei­ne Ant­wort be­kommt sie nicht, denn die Mön­che spre­chen so gut wie kein Deutsch und kein Eng­lisch.

Am gest­ri­gen Sonn­tag ist der präch­tig an­zu­schau­en­de Gar­ten um Ava­lo­ki­tesh­va­ra schon ziem­lich ge­wach­sen. Über die Schul­ter schau­en geht nun nicht mehr, mit dem Wach­sen des San­dMan­da­las wird par­al­lel die Zo­ne für die Neu­gie­ri­gen ein­ge­dämmt. Je­des un­be­dach­te Schnau­ben, je­de schnel­le Be­we­gung ist nun hei­kel.

Das Er­leuch­tungs­we­sen thront aber nicht lan­ge. Wenn sich heu­te ge­gen 17.30 Uhr der Pin­sel nä­hert, ver­schwin­det es wie­der und zwar in Plas­tik­tü­ten. Ei­nen Teil da­von streu­en die Mön­che in die Enz.

Nicht je­der kommt da­mit klar, schö­ne Din­ge, die man un­ter Mü­hen in sei­nen „Be­sitz“ge­bracht hat wie­der her­ge­ben zu müs­sen. „Das sieht so toll aus. Scha­de, dass es im nächs­ten Mo­ment null und nich­tig ist“, fin­det Ger­da Wei­sen­ba­cher. Sie ist durch ih­ren Sohn, der in Mont­pel­lier in ei­ner bud­dhis­ti­schen Ein­rich­tung lebt, auf das Pforz­hei­mer San­dMan­da­la auf­merk­sam ge­macht wor­den. „Jetzt muss ich ihm gleich ein Foto schi­cken“, sagt sie.

FLÜCHTIGES KUNST­WERK: Vie­le St­un­den Ar­beit lie­gen zwi­schen den Bil­dern von Frei­tag (links), als die Ar­beit am San­dman­da­la im Al­fons-Kern-Turm be­gann, und Sonn­tag. Lang­sam sieht man nun wie der bun­te Gar­ten um das Er­leuch­tungs­we­sen Ava­lo­ki­tesh­va­ra ge­wach­sen ist. Heu­te wird das Werk fer­tig – und weg­ge­fegt. Fo­tos: Roth

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