70. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Über Jahr­zehn­te konn­te man an die­sem Ort den Jah­res­lauf, ja, den Lauf des Le­bens ab­le­sen, bis die Tra­gö­die auf dem Meer und Le­roux’ Ma­nö­ver da­für ge­sorgt ha­ben, dass al­les in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten ist. Ho­len wir es uns eben zu­rück. Ge­ben wir die­sem Fle­cken Er­de sein Herz zu­rück. Das ver­ges­se­ne, mit Fü­ßen ge­tre­te­ne, vom Salz zer­fres­se­ne Herz des Klos­ters schlägt noch, und dar­um ist es un­se­re Pflicht, es der In­sel wie­der­zu­ge­ben.“

Sie hielt in­ne, um Luft zu ho­len, und just in die­sem Mo­ment brei­te­te sich wie ei­ne sanf­te Lieb­ko­sung un­ver­kenn­bar der Duft von Anis aus. Ni­co­le hat­te ein biss­chen von dem Ge­würz in den Zu­cker für die Sand­plätz­chen ge­ge­ben, die sie für Isa­bel­le ge­ba­cken hat­te. Doch Elet­t­ra ver­spür­te auf ein­mal ei­ne der­ar­tig un­bän­di­ge Kraft, dass sie ei­ne Ein­wir­kung ganz an­de­rer Art ver­mu­te­te. Ei­ne Hoff­nung, die ihr die Knie zit­tern ließ.

„Mit ei­ge­nen Au­gen ha­be ich all die ehe­ma­li­gen Weih­ga­ben zu Fü­ßen der Hei­li­gen ge­se­hen und die Glau­bens­be­wei­se der Men­schen be­rührt“, fuhr sie fort und zeig­te ih­re von ver­schlun­ge­nen Li­ni­en ge­zeich­ne­ten Hand­flä­chen.

„Die In­sel­be­woh­ner ha­ben nicht ver­ges­sen, was die Hei­li­ge für sie ge­tan hat. Das gilt auch für die Non­nen, die über die Flie­sen hier ge­lau­fen sind und Not lei­den­den Fa­mi­li­en zu es­sen und ih­ren Schutz ge­ge­ben ha­ben. Die Leu­te ha­ben nicht ver­ges­sen, wie das Le­ben hier war, als die Back­stu­be noch ge­nutzt wur­de und in den Stra­ßen der Duft von Brot hing. Und die Hei­li­ge Eli­sa­beth war der Leucht­turm der ge­sam­ten Ge­mein­de. Ge­nau des­halb glau­be ich, dass sie es nie­mals hin­neh­men wer­den, wenn die Sta­tue an ei­nen an­de­ren Ort ge­bracht wird, denn sie ist im Klos­ter zu Hau­se. Sie muss hier­blei­ben. Und das wird sie auch“, schloss Elet­t­ra, die Faust fest auf den Tisch ge­stützt. Sie hat­te ge­tan, was ihr mög­lich war, jetzt war es an Lea und den an­de­ren, über ihr Schick­sal zu ent­schei­den.

Stil­le senk­te sich über die Tisch­ge­sell­schaft.

Lea neig­te den Kopf, das Kinn auf die ge­fal­te­ten Hän­de ge­stützt. Sie muss­te nach­den­ken über die Wor­te, aus de­nen so viel Hoff­nung sprach, Hoff­nung, die die Stim­me ih­rer Schwes­ter zit­tern ließ. Die Ant­wort fand sie in dem Kreuz, das Ni­co­le um den Hals trug. Es war der un­er­schüt­ter­li­che Glau­be der Freun­din, ihr tief emp­fun­de­ner Wunsch, al­lem zum Trotz an das Gu­te zu glau­ben, in dem die Kraft des Klos­ters und der In­sel selbst lag. „Ein­ver­stan­den“, sag­te Ni­co­le. „Lea?“, riss Elett­ras Stim­me sie aus den trau­ri­gen Ge­dan­ken an den Som­mer 1952.

Elet­t­ra hat­te sie bei ih­rem Na­men ge­nannt, zum ers­ten Mal seit dem Brand. Sie war noch im­mer ver­letzt, trotz­dem war sie in der dun­kels­ten St­un­de, in der die Zu­kunft nur düs­ter schien, an ih­rer Seite, um ihr ih­re Hil­fe an­zu­bie­ten.

„Ich bin da­bei“, flüs­ter­te Lea.

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