Der Zau­ber des Neu­en

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - CHRIS­TI­NE LON­GIN

Für al­le, die von ei­ner Er­neue­rung Frank­reichs ge­träumt ha­ben, ist ein Traum in Er­fül­lung ge­gan­gen. All die Ge­sich­ter, die seit Jahr­zehn­ten das po­li­ti­sche Le­ben in Frank­reich do­mi­niert ha­ben, wur­den mit ei­nem Wisch von der po­li­ti­schen Büh­ne ge­fegt. Den so­zia­lis­ti­schen Par­tei­chef Je­an-Chris­to­phe Cam­ba­dé­lis traf es eben­so wie Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat Be­noît Ha­mon. Die Ap­pa­rat­schiks, die sich auf ih­ren Pf­rün­den aus­ruh­ten, sind Ge­schich­te. Statt­des­sen zieht ei­ne jun­ge Trup­pe Ab­ge­ord­ne­ter tri­um­phal in die alt­ehr­wür­di­ge Na­tio­nal­ver­samm­lung ein, von der die Hälf­te noch nie Po­li­tik ge­macht hat. An­wäl­te, Ma­the­ma­ti­ker und so­gar ei­ne ehe­ma­li­ge Stier­kämp­fe­rin sind wo­mög­lich un­ter den neu­en Par­la­men­ta­ri­ern.

Si­cher bil­den die neu­en Par­la­men­ta­ri­er nicht die Ge­sell­schaft ab. Da­für sind sie zu sehr in der aka­de­mi­schen Mit­tel­schicht ver­an­kert. Doch sie ver­kör­pern ei­nen Neu­an­fang. Ei­ne neue Art, Po­li­tik zu ma­chen. Wie ein Start-up hat Em­ma­nu­el Ma­cron sei­ne Be­we­gung En Mar­che vor gut ei­nem Jahr ge­grün­det und das En­ga­ge­ment der Grün­der­sze­ne trug ihn bis zum Wahl­sieg im Mai. Nun setzt der 39-Jäh­ri­ge sei­nen un­glaub­li­chen Sie­ges­zug in der Na­tio­nal­ver­samm­lung

fort. Doch die gu­te Nach­richt hat auch ei­ne Schat­ten­sei­te. Denn jetzt muss der Prä­si­dent be­wei­sen, dass die Neu­lin­ge bes­ser sind als die al­ten Ha­sen. Dass er die po­li­ti­sche Land­schaft Frank­reichs nicht nur zer­stö­ren, son­dern auch wie­der auf­bau­en kann. Und zwar so, dass sich das Le­ben der Fran­zo­sen ver­bes­sert.

Nach Jahr­zehn­ten der Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit sind die Wäh­ler der Si­tua­ti­on über­drüs­sig. Das hat auch die ge­rin­ge Wahl­be­tei­li­gung am ver­gan­ge­nen Sonn­tag ge­zeigt. Noch pro­fi­tiert Ma­cron vom Zau­ber des Neu­en, doch der wird in ein paar Mo­na­ten ver­blasst sein. Dann reicht es nicht mehr, auf in­ter­na­tio­na­lem Parkett ei­ne gu­te Fi­gur zu ma­chen. Dann wol­len die Fran­zo­sen Er­geb­nis­se se­hen – vor al­lem auf dem Arbeitsmarkt. Der Prä­si­dent hofft, dass ihm das mit sei­ner Re­form des Ar­beits­rechts ge­lingt. Doch si­cher ist das nicht. Sein Vor­gän­ger François Hol­lan­de hat fünf Jah­re lang ver­geb­lich ge­gen die Ar­beits­lo­sig­keit ge­kämpft, die Frank­reich wie ein Krebs­ge­schwür zer­frisst. Auch mit Hol­lan­des Wahl wa­ren gro­ße Hoff­nun­gen ver­bun­den, die schnell zu gro­ßen Ent­täu­schun­gen wur­den. Ma­cron könn­te es ge­nau­so er­ge­hen.

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