Apps auf Ret­tungs­mis­si­on

Smart­pho­ne-An­wen­dun­gen sol­len noch ge­nieß­ba­re Le­bens­mit­tel vor dem Müll­ei­mer be­wah­ren / Auch Re­stau­rants be­tei­ligt

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­ren Re­dak­ti­ons­mit­glie­dern Do­mi­nik Schnei­der und Chris­to­pher Tön­gi

Karls­ru­he. Im Kühl­schrank sta­peln sich die an­ge­bro­che­nen Wurst- und Kä­se­pa­ckun­gen. Und auch das Obst hat schon bes­se­re Ta­ge er­lebt. Häu­fig lan­den die Le­bens­mit­tel dann ein­fach in der Ton­ne – ob­wohl sie ei­gent­lich noch ge­nieß­bar wä­ren. Die nack­ten Zah­len sind er­schre­ckend: Al­lein in deut­schen Pri­vat­haus­hal­ten wer­den laut dem For­schungs­pro­jekt Re­fo­was (Re­du­ce Food Was­te) pro Jahr et­wa 3,5 Mil­lio­nen Ton­nen Le­bens­mit­tel ver­schwen­det. Und auch in der Gas­tro­no­mie lan­den in der glei­chen Zeit­span­ne et­wa ei­ne Mil­li­on Ton­nen Le­bens­mit­tel im Müll, die noch be­den­ken­los ge­ges­sen wer­den könn­ten. Da­mit soll jetzt Schluss sein. Po­li­ti­ker über­le­gen sich im­mer wie­der neue An­sät­ze, Smart­pho­ne-Apps ge­ben gleich­zei­tig Tipps zur rich­ti­gen Auf­be­wah­rung und Res­te­ver­wer­tung oder ani­mie­ren zum Tei­len.

Der Kampf ge­gen die Ver­schwen­dung kann aber auch ein lohn­brin­gen­des Ge­schäfts­mo­dell wer­den. Mit der App „Too Good to Go“(Zu gut zum Weg­schmei­ßen) soll jetzt je­der zum Le­bens­mit­tel­ret­ter wer­den. Kein Zweifel, die App ei­nes dä­ni­schen Start-Up-Un­ter­neh­mens ist ge­fragt. „Welt­weit ha­ben wir 1,3 Mil­lio­nen re­gis­trier­te Be­nut­zer“, sagt Chris Kersch­baum, Pres­se­spre­cher von „Too Good To Go“. Das Kon­zept, das hin­ter der App steckt, klingt sim­pel: Re­gis­trier­te Gas­tro­no­men mel­den auf dem Por­tal über­schüs­si­ges Es­sen. Nut­zer der App se­hen dann an­hand ei­ner Kar­te oder Lis­te die teil­neh­men­den Re­stau­rants und Bä­cker in ih­rer Stadt. Dort kön­nen ein­zel­ne Por­tio­nen ab drei bis fünf Eu­ro be­stellt wer­den. Die Rech­nung wird an­schlie­ßend be­quem on­li­ne be­zahlt. Dann heißt es meist war­ten. Denn die Ab­hol­zei­ten sind von den Gas­tro­no­men klar fest­ge­legt. Das kann mit­un­ter sehr spät wer­den, weil mit der Ab­ho­lung bis kurz vor La­den- oder Buf­fet­schluss ge­war­tet wer­den muss. Die aus­ge­druck­te Quit­tung dient als Ab­hol­schein für das ge­kauf­te Es­sen – so­weit die Theo­rie. Und in der Pra­xis? Klappt zu­min­dest beim Test der BNN in ei­nem Re­stau­rant in Ba­den-Würt­tem­berg al­les pro­blem­los. Auf dem Smart­pho­ne wird der Ab­hol­schein im Re­stau­rant vor­ge­zeigt, da­nach darf man sich mit ei­ner Es­sens­box am Buf­fet be­die­nen. Und dort ist die Aus­wahl noch mehr als reich­lich.

Öff­net man die App in der Re­gi­on Karls­ru­he, fin­det man bis­lang al­ler­dings nur das Ca­fé „Tan­te Em­ma“: „Ich ha­be von der App in ei­nem Magazin ge­le­sen und fand die Idee auf An­hieb sehr gut“, er­zählt Ge­schäfts­füh­re­rin El­len Reinold. Bis­lang bie­tet sie drei Por­tio­nen pro Tag an, die ei­gent­lich im­mer ih­ren Käu­fer fin­den. Angst vor rei­nen Schnäpp­chen­jä­ger hat Reinold je­doch nicht: „Das sind im­mer an­de­re Leu­te die über die App zu uns kom­men“, sagt sie. Oft sei es tat­säch­lich so ge­we­sen, dass die Leu­te noch et­was Zu­sätz­li­ches ge­kauft hät­ten. „Bis­lang macht die App ei­nen or­dent­li­chen Ein­druck auf mich“, so Reinold.

Das nur ei­ne Lo­ka­li­tät in Karls­ru­he mit­macht, ist für Le­bens­mit­tel­ret­ter scha­de, hat aber gu­te Grün­de: „Die Gas­tro­no­mie ist ei­ne der Bran­chen, die es sich gar nicht leis­ten kann, Le­bens­mit­tel zu ver­schwen­den“, sagt et­wa der Ge­schäfts­füh­rer des Ho­tel- und Gast­stät­ten­ver­bands (De­ho­ga) Ba­den-Würt­tem­berg, Han­sChris­toph Bruß. Der Markt sei hart um­kämpft. Lo­gisch, wer da nicht al­les macht, um mög­lichst al­le Le­bens­mit­tel bis zum La­den­schluss zu ver­kau­fen, fährt Ver­lust ein. „So je­mand wird in der Re­gel nicht lan­ge über­le­ben“, weiß Bruß. Ähn­lich sieht man es auch bei Vi­va, ei­nem ve­ge­ta­ri­schen Re­stau­rant in Karls­ru­he. „Wir bie­ten seit Jahr­zehn­ten ab 18 Uhr 40 Pro­zent Ra­batt auf un­se­re Tel­ler an“, er­klärt die Ge­schäfts­lei­tung ge­gen­über den BNN. Dem­ent­spre­chend ist dort die Er­fin­dung der Dä­nen nicht son­der­lich in­ter­es­sant. Fer­ner „kann bei uns das Per­so­nal nach Ge­schäfts­schluss er­mä­ßigt Üb­rig­ge­blie­be­nes kau­fen“, er­klärt die Vi­va-Ge­schäfts­füh­rung. Auch in an­de­ren Re­stau­rants in der Re­gi­on ist die­ses Ver­fah­ren gang und gä­be: „Das, was bei uns vom Buf­fet üb­rig bleibt, neh­men die Fa­mi­lie oder un­se­re Mit­ar­bei­ter mit nach Hau­se“, er­zählt Ivica Bo­ba­no­vic, der mit sei­nem Bru­der Ni­ko­la das Me­di­ter­ra­ne in Karls­ru­he und Dur­lach be­treibt. „Als Gas­tro­nom ver­sucht man wirt­schaft­lich im Ein­kauf zu sein. Das was letzt­lich weg geht, hat aber viel mit Er­fah­rung zu tun“, meint Bo­ba­no­vic, der die Idee der App grund­sätz­lich gut fin­det.

Das dä­ni­sche Start-up trifft mit sei­ner App in Deutsch­land durch­aus den Zeit­geist: Nach ei­ner Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts GfK im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Er­näh­rung und Land­wirt­schaft ist der An­teil der Deut­schen, die be­wusst ge­gen Le­bens­mit­tel­ver­schwen­dung han­deln, ge­stie­gen: von 72 Pro­zent im Jahr 2015 auf ak­tu­ell 77,8 Pro­zent. Der An­teil der Frau­en über­wiegt da­bei deut­lich (83,9 Pro­zent). Die Be­frag­ten ga­ben an, vor al­lem be­wuss­ter ein­zu­kau­fen, auch die Res­te zu ver­wer­ten und die Le­bens­mit­tel rich­tig zu la­gern. Ins­ge­samt war neun von zehn Be­frag­ten be­wusst, dass mit der Le­bens­mit­tel­ver­schwen­dung auch Res­sour­cen wie Was­ser und Ener­gie ver­geu­det wer­den.

Die Deut­schen sind sen­si­bel für Le­bens­mit­tel­ver­schwen­dung. „Wir ha­ben ak­tu­ell 500 000 Down­loads in Deutsch­land“, sagt Kersch­baum. Das Un­ter­neh­men, das 2015 in Dä­ne­mark ge­grün­det wur­de, ist seit April 2016 auch in der Bun­des­re­pu­blik an­säs­sig. Bis­lang ma­chen deutsch­land­weit knapp 250 Re­stau­rants und Bä­cker mit. Wie das Bei­spiel Karls­ru­he zeigt, ist die App aber noch nicht so po­pu­lär, wie es sich die Be­trei­bern wün­schen. Es gibt noch nicht in je­der Stadt Re­stau­rants oder Bä­cker, die über die App Üb­rig­ge­blie­be­nes an­bie­ten. „Das ist na­tür­lich un­ser gro­ßes Ziel“, heißt es von „Too Good To Go“. Ge­naue Vor­ga­ben ge­be es je­doch nicht. Na­tur­ge­mäß gibt es laut Kersch­baum in Bal­lungs­zen­tren ten­den­zi­ell mehr Gas­tro­no­men die mit­ma­chen als auf dem Land. Ein Blick nach Ber­lin, Ham­burg oder ins Ruhr­ge­biet zeigt, dass die App Po­ten­zi­al und ih­re Da­seins­be­rech­ti­gung hat. Für die Re­kru­tie­rung von Gas­tro­no­men und Bä­cker un­ter­hält das dä­ni­sche Un­ter­neh­men ei­gens ein „Sa­les Team“, das in ver­schie­de­nen Städ­ten nach ge­eig­ne­ten Mit­strei­tern sucht. „Na­tür­lich kom­men Gas­tro­no­men auch ei­gen­stän­dig auf uns zu“, meint Kersch­baum. Knapp 500 Gas­tro­no­men und Bä­cker sind welt­weit bis­lang bei „Too Good to Go“re­gis­triert.

Dass sich das Mo­dell auch wirt­schaft­lich ren­tie­ren soll­te, ist klar: En­de 2016 steck­te ein In­ves­tor ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen Be­trag in Kro­nen in das Un­ter­neh­men. „Mit je­der Trans­ak­ti­on ver­die­nen wir ei­nen Eu­ro“, sagt Kersch­baum. Das gro­ße Ziel sei die Le­bens­mit­tel­ver­schwen­dung zu be­kämp­fen und nach­hal­tig zu wirt­schaf­ten.

Der Markt ist heiß um­kämpft Wir­te in der Re­gi­on sind eher zu­rück­hal­tend

KAMPF GE­GEN DIE VER­SCHWEN­DUNG: Al­lein in deut­schen Pri­vat­haus­hal­ten wer­den laut dem For­schungs­pro­jekt Re­fo­was pro Jahr et­wa 3,5 Mil­lio­nen Ton­nen Le­bens­mit­tel ver­schwen­det. Fo­to: dpa

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