Heik­ler Fall

Ei­zell­spen­de: BGH be­fasst sich mit Kos­ten­er­stat­tung

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Karls­ru­he/Lu­xem­burg. Zwei Müt­ter fürs Ba­by: Wer sich in Prag, War­schau oder Bu­da­pest mit der – in Deutsch­land ver­bo­te­nen – Ei­zell­spen­de ei­ner an­de­ren Frau zum Kind ver­hel­fen lässt, soll die Kos­ten für sol­che Frucht­bar­keits­be­hand­lung von sei­ner deut­schen Kran­ken­kas­se ver­lan­gen kön­nen. Die­se For­de­rung liegt der Kla­ge zu­grun­de, über die der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) in Karls­ru­he mor­gen ver­han­delt und gibt der recht­li­chen und ethi­schen Dis­kus­si­on über die Fort­pflan­zungs­me­di­zin neu­en Schub.

Münch­ner Ehe­leu­te wol­len vom BGH so ge­stellt wer­den wie et­wa Pa­ti­en­ten mit Ge­biss­lü­cken, die die Rech­nung un­ga­ri­scher oder tsche­chi­scher Zahn­ärz­te für Brü­cken und Im­plan­ta­te ih­rer deut­schen Ver­si­che­rung prä­sen­tie­ren kön­nen. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof in Lu­xem­burg und die eu­ro­päi­sche Di­enst­leis­tungs­richt­li­nie mach­ten Kos­ten­er­stat­tung für Heil­be­hand­lung in ganz Eu­ro­pa schon vor Jah­ren prin­zi­pi­ell mög­lich.

Die Vor­in­stanz, das Münch­ner Ober­lan­des­ge­richt lässt auch kei­nen Zweifel dar­an, dass die Me­tho­de der Ei­zell­spen­de als Heil­be­hand­lung gilt. Auch wenn die Pa­ti­en­tin da­durch nicht ge­sun­den kann, son­dern sie nur ei­ne be­fruch­te­te Ei­zel­le aus­trägt, die nicht von ihr, son­dern von ei­ner an­de­ren Frau stammt. Der me­di­zi­ni­sche Kunst­griff er­set­ze ei­ne feh­len­de Kör­per­funk­ti­on und ver­hel­fe zur ei­ge­nen Schwan­ger­schaft. Und je­den­falls recht­lich auch zur Mut­ter­schaft. Denn da hält sich das Bür­ger­li­che Recht an die al­te rö­mi­sche For­mel: die Frau, die ein Kind ge­bo­ren hat, steht als Mut­ter fest: Ma­ter cer­ta est. Auch wenn die bio­lo­gi­schen Tat­sa­chen ge­gen die so­zia­le Rea­li­tät ste­hen. Aber das Ver­bot der Ei­zell­spen­de in Deutsch­land ste­he letzt­lich auch der Er­stat­tung der Arzt­kos­ten in Tsche­chi­en, hier in Hö­he von 11 000 Eu­ro, ent­ge­gen. Die an­onym blei­ben­de Spen­de­rin wur­de mit ei­nem Bruch­teil der Sum­me ab­ge­speist.

Das deut­sche Em­bryo­nen­schutz­ge­setz aus den Neun­zi­ger­jah­ren be­droht mit Straf­an­dro­hung Ärz­te, die in Deutsch­land bei ei­ner Ei­zell­spen­de mit­wir­ken. Der Ge­setz­ge­ber woll­te so ge­spal­te­ne Mut­ter­schaft ver­hin­dern, bei der die aus­tra­gen­de Mut­ter mit der ge­ne­ti­schen Mut­ter nicht iden­tisch ist. Man hat­te da­mals die Sor­ge, dass für Kin­der die ei­ge­ne Iden­ti­täts­fin­dung we­sent­lich er­schwert und da­durch de­ren see­li­sche Ent­wick­lung be­ein­träch­tigt wer­de. Zum Schutz die­ses Ge­set­zes­ziels gel­ten ent­spre­chen­de Be­hand­lungs­ver­trä­ge als null und nich­tig.

Das kann zwar Ei­zell­spen­den im Aus­land nicht ver­hin­dern. Aber der Um­fang des deut­schen Kran­ken­ver­si­che­rungs­schut­zes wird nach An­sicht des Münch­ner Ober­lan­des­ge­richts durch das deut­sche Ver­bot der Ei­zell­spen­de eben­falls ein­ge­schränkt. Die­ses Hin­der­nis für die Er­stat­tung der Ei­zell­be­hand­lung kön­ne nicht durch den Weg über die Gren­ze um­gan­gen wer­den. Auch das EU-Recht än­de­re dar­an nichts. Klar ist: Das kom­men­de BGHUr­teil wird die Dis­kus­si­on von Ge­setz­ge­bern, Ethi­kern und Ver­fas­sungs­rechts­ex­per­ten über ein Re­form­ge­setz zu den vie­len neu­en Fra­gen der Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin be­le­ben.

Micha­el Reis­sen­ber­ger

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