Stress in der Stadt

Bau­boom und die zu­neh­men­de Ver­dich­tung ner­ven die Be­woh­ner

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Chris­ti­ne Schult­ze

Mün­chen. Park­platz­man­gel, über­füll­te Bus­se und Bah­nen, knap­pe Ki­ta-Plät­ze: Der mas­si­ve Zu­zug wird für vie­le Städ­te in Deutsch­land zur Be­las­tungs­pro­be. Sie müs­sen kräf­tig Wohn­raum schaf­fen und die In­fra­struk­tur rasch aus­bau­en – und sto­ßen da­bei zu­se­hends an ih­re Gren­zen. Weil ge­eig­ne­tes Bau­land Man­gel­wa­re ist, wird auf „Nach­ver­dich­tung“ge­setzt. Das nervt vie­le An­woh­ner. Sie füh­len sich ge­stört von Bau­lärm, Sper­run­gen und an­de­ren Ne­ben­wir­kun­gen und ge­hen ge­gen Neu­bau­pro­jek­te auf die Bar­ri­ka­den.

Bei­spiel Mün­chen: Zu­neh­mend for­mie­ren sich Bür­ger­initia­ti­ven ge­gen Neu­bau­pro­jek­te in der Isar-Me­tro­po­le, wie der Ver­band baye­ri­scher Woh­nungs­un­ter­neh­men erst kürz­lich mit­teil­te. Wenn das letz­te Stück Wie­se oder der letz­te Bolz­platz in der Um­ge­bung auch noch für Woh­nun­gen ver­ein­nahmt wird, sor­ge das für Un­mut in der Nach­bar­schaft. Da­bei bräuch­te ge­ra­de Mün­chen mehr be­zahl­ba­re Woh­nun­gen für Men­schen mit nied­ri­gen und mitt­le­ren Ein­kom­men, wie auch der Chef der städ­ti­schen Woh­nungs­ge­sell­schaft Ge­wo­fag, KlausMicha­el Deng­ler, sagt. Zu durch­schnitt­lich 15 Eu­ro auf­wärts pro Qua­drat­me­ter wur­den Miet­woh­nun­gen in Mün­chen nach Er­he­bun­gen des Im­mo­bi­li­en­ver­ban­des IVD Süd im ver­gan­ge­nen Jahr bei Neu­ver­trä­gen an­ge­bo­ten. Da­mit liegt Mün­chen deutsch­land­weit mit Ab­stand an der Spit­ze, und Ent­span­nung ist an­ge­sichts der wei­ter wach­sen­den Ein­woh­ner­zahl nicht in Sicht.

Oft aber sind es ge­ra­de Pro­jek­te für ein­fa­che Woh­nun­gen, die bei den An­woh­nern auf Ab­leh­nung sto­ßen. Denn nach der Fer­tig­stel­lung wird teils auch der Ein­zug schwie­ri­ger Kli­en­tel be­fürch­tet. Die Woh­nungs­un­ter­neh­men stellt der nach­bar­schaft­li­che Wi­der­stand vor zu­sätz­li­che Pro­ble­me. Schon seit Jah­ren kla­gen sie über ho­he Bau­kos­ten, Flä­chen­man­gel und aus­ufern­de Bau­vor­schrif­ten. Nun kom­men noch teils län­ge­re Ver­zö­ge­run­gen durch den Bür­ger­wi­der­stand als wei­te­re Hür­de hin­zu.

Was al­so tun? „Kom­mu­ni­ka­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on!“, sagt Deng­ler. „So­bald wie mög­lich tau­schen wir uns mit dem je­weils zu­stän­di­gen Be­zirks­aus­schuss zu den Pla­nun­gen aus und la­den die An­woh­ner zu In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen über das Bau­vor­ha­ben ein. Da­bei ver­su­chen wir auch, Vor­be­hal­te aus­zu­räu­men.“In ei­ni­gen Fäl­len ge­be es auch die Mög­lich­keit, dass An­woh­ner über De­tails der Be­bau­ung mit­ent­schei­den könn­ten.

Um­ge­kehrt sind auch schi­cke Lu­xusNeu­bau­ten und Edel-Sa­nie­run­gen bei wei­tem nicht über­all will­kom­men: Al­te Bau­sub­stanz kau­fen, sanieren und zu deut­lich hö­he­ren Prei­sen wei­ter­ver­kau­fen, die­ses Vor­ge­hen von In­ves­to­ren heizt die Gen­tri­fi­zie­rung selbst in Pro­blem-Stadt­tei­len wie dem Frank­fur­ter Bahn­hofs­vier­tel oder im Ham­bur­ger Schan­zen­vier­tel seit Jah­ren an. Frü­her und noch ra­san­ter schritt der Wan­del in Mün­chen vor­an – und trotz­dem will sich man­cher bis heu­te nicht da­mit ab­fin­den: „Yup­pies aus dem Stadt­vier­tel ja­gen“, hat ein Un­be­kann­ter an die Rei­chen­bach­brü­cke in der Münch­ner In­nen­stadt ge­sprüht – in di­rek­ter Nach­bar­schaft zu den Glo­cken­bach-Sui­ten, ei­nem lu­xu­riö­sen Neu­bau mit Blick auf die Isar, der lan­ge um­strit­ten war, auch weil für ihn ein klei­ner Bier­gar­ten mit Baum wei­chen muss­te. Für ei­ni­ge der Woh­nun­gen in dem Neu­bau sol­len Mil­lio­nen-Prei­se auf­ge­ru­fen wor­den sein – und die Glo­cken­bachSui­ten sind nur ei­nes von zahl­rei­chen Lu­xus-Pro­jek­ten auf dem en­gen Münch­ner Im­mo­bi­li­en­markt. Men­schen mit schma­le­rem Geld­beu­tel kön­nen da na­tür­lich nicht mit­hal­ten. Um sich ge­gen den Kos­ten­an­stieg zu stem­men, tun sich im­mer mehr Be­woh­ner in den Groß­städ­ten zu­sam­men: Woh­nungs­ge­nos­sen­schaf­ten er­freu­en sich wach­sen­der Be­liebt­heit. Die An­teils­eig­ner wol­len sich da­mit ver­gleichs­wei­se güns­ti­gen Wohn­raum si­chern und ha­ben zugleich Mit­spra­che­rech­te, aber auch die Pflicht zur Mit­wir­kung an ge­mein­schaft­li­chen Zie­len. Al­ler­dings ist die Nach­fra­ge bei be­reits be­ste­hen­den Ge­nos­sen­schaf­ten oft weit grö­ßer als das An­ge­bot.

Bür­ger­initia­ti­ven for­mie­ren sich

AN JE­DER ECKE WIRD GE­BAUT: Das gilt in­zwi­schen in vie­len grö­ße­ren Städ­ten. Da­durch nimmt die Ver­dich­tung zu – zum Leid­we­sen der Be­woh­ner. Fo­to: dpa

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