Ei­ne pu­re Lust

Dirk Lau­ckes Stück „Kar­ni­ckel“hat­te am Ba­di­schen Staats­thea­ter Pre­mie­re

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Viel­leicht ist es bei all dem zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Tu­mult un­se­rer Zeit ja tat­säch­lich ei­ne der bes­se­ren Ide­en, wenn dar­über zu­min­dest ein­mal über gu­te 90 Mi­nu­ten hin­weg ge­lacht wer­den kann. Der Dra­ma­ti­ker Dirk Lau­cke hat sich die­ser Her­aus­for­de­rung mit sei­nem erst im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber im Schau­spiel Köln ur­auf­ge­führ­ten Stück „Kar­ni­ckel“an­ge­nom­men und nun fei­er­te die Ko­mö­die auch im Ba­di­schen Staats­thea­ter un­ter der Re­gie von Flo­ri­an Hert­weck sei­ne Pre­mie­re.

Der im mit­tel­deut­schen Sch­keu­ditz ge­bo­re­ne Lau­cke ver­sucht sich hier­in mit­tels ei­ner Mi­lieu­stu­die über drei Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg an ei­ner Ent­blö­ßung des heu­te al­le re­le­van­ten Ent­schei­dungs­ebe­nen be­stim­men­den, auf­ge­klärt li­be­ra­len Bil­dungs­bür­ger­tums. Und al­les kul­mi­niert in ei­ner ba­na­len Fa­mi­li­en­sze­ne – der de­men­te Alt-68er Groß­va­ter mit flir­ren­den Er­in­ne­rungs­fet­zen an den fest ge­glaub­ten Ver­such an ei­ner bes­se­ren Welt („So­li­da­ri­tät ist ei­ne Zärt­lich­keit“), das sich längst ent­frem­de­te Aka­de­mi­ker-Ehe­paar und der zum über­heb­li­chen Zy­nis­mus nei­gen­de Sohn mit sei­ner un­ste­ten Bio­gra­phie des Ver­suchs und fürs Ers­te doch nur Irr­tums.

Dass sich Kar­ni­ckel aus die­sen eher schlich­ten Ver­satz­stü­cken ei­nes lau­en Kam­mer­thea­ter­abends her­aus­wuch­ten kann, ist ei­ner­seits si­cher­lich Lau­ckes si­che­rer Ken­nung von Ha­bi­tus und Spra­che des ak­tu­el­len Bür­ger­tums zu ver­dan­ken, an­de­rer­seits aber auch das Er­geb­nis von Hert­wecks be­acht­li­cher Re­gie­ar­beit. Ei­ne Hand­ka­me­ra schafft neue Hand­lungs­und Si­tua­ti­ons­räu­me, die live und zen­tral auf der Büh­ne ge­spiel­te Mu­sik wird selbst Ak­teur, und sein En­sem­ble lässt er nicht in den oft ge­nug na­hen Ab­grund des Al­ber­nen fal­len.

Klaus Co­fal­ka-Ada­mi (Opa Her­mann), An­dré Wa­gner (Va­ter Ro­bert), Sven-Da­ni­el Büh­ler (Sohn Ju­ri) und im be­son­de­ren Li­sa Schle­gel (Mut­ter Ina) agie­ren al­ler­dings auch der­ma­ßen hin­rei­ßend, dass es ei­ne pu­re Lust sein muss, mit sol­chen Schau­spie­lern zu­sam­men­ar­bei­ten zu dür­fen. Nicht selbst­ver­ständ­lich ist es auch, wie Kim Schnit­zer, mit Be­ginn der Spiel­zeit 2017/18 fes­tes En­sem­ble­Mit­glied am Staats­thea­ter, der Bläs­se von Ju­ris Freun­din Nad­ja Struk­tur ge­ben kann. Scha­de nur, dass sich die Text-Vor­la­ge ge­ra­de das Ex­em­pla­ri­sche der von Ute Bag­ge­röhr den­noch fein ge­spiel­ten So­zi­al­ar­bei­te­rin Mu­ri­el so ent­ge­hen lässt. Zeit und For­mat hät­ten hier zwin­gend mehr her­ge­ge­ben.

Kar­ni­ckel ist ein se­hens­wer­tes Stück Zeit­dia­gno­se, dem nicht nur zur Pre­mie­re ein vol­les Stu­dio zu wün­schen ist. Düs­ter ver­weist der Ti­tel dar­auf, dass die „Acht­und­sech­zi­ger“ab­seits ih­rer ein­ge­hegt schö­nen klei­nen Welt ge­fres­sen wer­den. Doch hei­ter reift die Selbst­er­kennt­nis, dass nun schon wirk­lich je­de Ge­ne­ra­ti­on von den ihr Nach­fol­gen­den für al­les und je­des nur im Schlech­ten ver­ant­wort­lich ge­macht wur­de. Der Weg vom An­klä­ger zum An­ge­klag­ten ist und bleibt ein je­der vor­be­stimmt. dreis

Ser­vice

„KAR­NI­CKEL“IN KARLS­RU­HE: Sze­ne mit Sven Da­ni­el Büh­ler, Klaus Co­fal­ka-Ada­mi, An­dré Wa­gner, Kim Schnit­zer, Li­sa Schle­gel und Ute Bag­ge­röhr. Fo­to: Grün­schloß

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