Bom­ben im Meer auf der Spur

Sen­sor­sys­tem sucht nach mi­li­tä­ri­schen Alt­las­ten in der Nord- und Ost­see

Pforzheimer Kurier - - WISSENSCHAFT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bet­ti­na Hah­ne-Wald­scheck

Pfinz­tal. In Nord- und Ost­see „schlum­mern“noch hun­dert­tau­sen­de Ton­nen Bom­ben, Gra­na­ten und See­mi­nen aus der Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges. Be­son­de­re Ge­fahr geht von che­mi­schen Kampf­stof­fen wie Ta­bun oder Senf­gas in Gra­na­ten aus, die von den Kriegs­par­tei­en nach Kriegs­en­de ein­fach im Meer ver­klappt wur­den. Aus die­sen mi­li­tä­ri­schen Alt­las­ten tre­ten per­ma­nent Schad­stof­fe aus. Das ist nicht nur für die Um­welt und Fi­sche schäd­lich, son­dern im­mer wie­der The­ma, wenn ein Off­s­hore-Wind­park ge­baut wird. Dann muss die Mu­ni­ti­on in die­sem Ge­biet ge­räumt wer­den, da­mit Ka­bel­tras­sen und Wind­rä­der oh­ne Ex­plo­si­ons­ge­fahr in den Mee­res­bo­den ge­baut wer­den kön­nen.

Die In­ge­nieu­re Pe­ter Ra­ben­ecker und Se­bas­ti­an Gei­ger vom Fraun­ho­fer In­sti­tut für Che­mi­sche Tech­no­lo­gie (ICT) in Pfinz­tal ha­ben un­ter ih­rem Chef, Kars­ten Pink­wart, ein Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, das mi­li­tä­ri­sche Alt­las­ten im Meer elek­tro­che­misch aus­ma­chen kann. „Das von uns ent­wi­ckel­te Sen­sor­sys­tem re­agiert be­son­ders auf den Spreng­stoff TNT. Der fin­det sich näm­lich zu 80 bis 90 Pro­zent in den mi­li­tä­ri­schen Alt­las­ten“, sagt Pro­jekt­lei­ter Ra­ben­ecker. Das Be­son­de­re an ih­rem Ver­fah­ren: Der Sen­sor er­mit­telt nur die Bom­ben und Mi­nen, aus de­nen im­mer noch ge­fähr­li­che Stof­fe aus­tre­ten. Ein Ber­gungs­tau­cher muss al­so nicht mehr wie her­kömm­lich, al­le bei ei­nem So­n­arS­cree­ning ent­deck­ten Ver­for­mun­gen dar­auf­hin un­ter­su­chen, ob es sich um ge­fähr­li­che Mu­ni­ti­on han­delt oder nicht. Welch Un­sum­men an Kos­ten das ver­ur­sacht, zeigt das Bei­spiel vom Wind­park Riff­gat bei der In­sel Bor­kum. Hier fie­len 100 Mil­lio­nen Eu­ro nur für die Aus­ma­chung, Un­ter­su­chung und Ber­gung der Mu­ni­ti­ons-Alt­las­ten an.

„Un­ser Sen­sor­sys­tem ist da we­sent­lich kos­ten­güns­ti­ger“, sagt Ra­ben­ecker und zeigt stolz auf ih­re Er­fin­dung, die aus­sieht wie ei­ne gro­ße wei­ße Tup­per­box. Dar­in be­fin­den sich ein klei­ner Com­pu­ter und ein Ak­ku. Au­ßen an ei­nem Ka­bel hängt ein klei­ner durch­sich­ti­ger Würfel. Gei­ger: „In die­sem Würfel, der durch ei­ne Pum­pe Was­ser ein­saugt, be­fin­det sich der ei­gent­li­che Sen­sor.“Die­ser be­steht aus zwei win­zi­gen Me­tall­plätt­chen. Ra­ben­ecker er­klärt: „Wir er­zeu­gen zwi­schen die­sen Me­tall­plätt­chen ei­ne sich än­dern­de Span­nung und mes­sen den re­sul­tie­ren­den Strom. Kom­men TNT-Mo­le­kü­le da­zwi­schen, ver­än­dert sich der Elek­tro­nen­fluss; wir se­hen die­se Än­de­rung am Com­pu­ter­bild­schirm an­hand stark nach un­ten aus­schla­gen­der Kur­ven.“

Da­mit ihr Sys­tem durchs Meer glei­ten kann, wird es an ein un­be­mann­tes Un­ter­was­ser­fahr­zeug an­ge­dockt. „Wir ha­ben drei er­folg­rei­che ein­wö­chi­ge Ver­suchs­rei­hen mit dem Un­ter­was­ser­fahr­zeug SeeKat­ze der Fir­ma At­las in der Ost­see ge­macht und ei­nen Ver­such mit dem See­fuchs an der Nord­see“, er­klärt Ra­ben­ecker. Sie sel­ber be­fan­den sich da­bei je­weils auf den Schif­fen der Bun­des­wehr (Stol­ler­grund, Krons­ort und Mit­tel­grund), da ihr Pro­jekt durch die Wehr­tech­ni­sche Di­enst­stel­le für Schif­fe und Ma­ri­ne­waf­fen der Bun­des­wehr ge­för­dert wird. „Vom Schiff aus ha­ben wir die Seekat­ze los­ge­schickt, die über ein Ka­bel mit ei­nem Lap­top ver­bun­den war und per Joy­stick ge­lenkt wur­de.“Der See­fuchs, den sie an der Nord­see tes­te­ten, ar­bei­tet selbst­stän­dig oh­ne mensch­li­che Len­kung. Gei­ger: „Der Vor­teil vom See­fuchs: er kann wie ein selbst­fah­ren­der Ro­bo­ter erst mal al­le Da­ten sam­meln, be­vor man ei­nen Spreng­stoff-Tau­cher zur Ent­schär­fung der Mu­ni­ti­on auf dem Schiff los­schickt.“

Fünf Jah­re ha­ben Ra­ben­ecker und Gei­ger für die Ent­wick­lung ih­res elek­tro­che­mi­schen De­tek­ti­ons-Sys­tems ge­braucht.

SPE­ZI­AL-TUPPERDOSE: Pe­ter Ra­ben­ecker und Se­bas­ti­an Gei­ger (von links) ha­ben ein Sen­sor­sys­tem zum Auf­spü­ren von Bom­ben und Mi­nen im Meer ent­wi­ckelt. Fo­to: HW

SEEKAT­ZE: An solch ei­nem Un­ter­was­ser­fahr­zeug der Fir­ma At­las Elek­tro­nik wird das De­tek­ti­ons-Sys­tem an­ge­bracht. Fo­to: pr

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.