Der klei­ne „Di­cke“wird mas­siv ge­gos­sen

In der Gie­ße­rei Rohr wird die Tro­phäe für den KoKi-Wett­be­werb „Selbst­ge­dreh­te“her­ge­stellt

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jür­gen Pe­che

Die Sze­ne mu­tet ge­spens­tisch an: Män­ner in Schutz­klei­dung mit ver­spie­gel­ten Vi­sie­ren be­we­gen sich in schein­bar ge­nau ein­stu­dier­ter Cho­reo­gra­fie vor ei­nem Ofen, der glü­hen­de Hit­ze aus­strahlt. Die­se ist für Zu­schau­er auch noch in zehn Me­tern Ab­stand spür­bar wie ein hei­ßer Wüs­ten­wind. Es ist der Hö­he­punkt der Ar­beit in der Gie­ße­rei Rohr in Nie­fern-Vo­r­ort, auf den al­les zu­strömt – zu­letzt die flüs­si­ge, rot­flam­men­de Bron­ze, die in die be­reit ste­hen­den For­men rinnt. Drei klei­ne­re und ein grö­ße­rer Guss ste­hen an die­sem Mon­tag­mit­tag an und küh­len dann lang­sam über Ta­ge hin­weg ab, da­mit kei­ne Span­nun­gen und Ris­se ent­ste­hen.

Der Mon­tag ist für das Kom­mu­na­le Ki­no ein be­son­de­rer Tag, da ist näm­lich die Sie­ger­Tro­phäe für den Kurz­film­wett­be­werb „Selbst­ge­dreh­te 2017 – Pforz­heim sucht den Di­cken“fer­tig. Der Haupt­preis ist ein ver­klei­ner­ter Ab­guss des „Di­cken“in der Fuß­gän­ger­zo­ne, der von dem Bild­hau­er Kar­lHen­ning See­mann stammt. Be­reits seit 2013 ist die Mi­nia­tur die Aus­zeich­nung für den bes­ten „Strei­fen“des Pforz­hei­mer Film­wett­be­werbs und wird von See­mann da­für ex­klu­siv zur Ver­fü­gung ge­stellt. „Ganz so be­kannt wie der Bam­bi ist er noch nicht“, sagt Gie­ße­rei-Chef Jörg Rohr, der die mit Si­li­kon aus­ge­klei­de­te Form je­des Jahr wie­der her­aus­holt. Se­bas­ti­an Hil­scher or­ga­ni­siert beim Kom­mu­na­len Ki­no die „Selbst­ge­dreh­ten“und holt die 15 Zen­ti­me­ter ho­he und ein hal­bes Ki­lo schwe­re Fi­gur bei Rohr ab. Da­bei führt die­ser durch sei­ne „Skulp­tur Ma­nu­fak­tur“, die Kund­schaft in der gan­zen Welt hat. „Im Prin­zip ar­bei­ten wir noch so, wie vor 3 000 Jah­ren“, sagt Rohr, der 2007 den Be­trieb über­nom­men hat. Al­ler­dings mit mo­der­nen Ma­schi­nen und Ma­te­ria­li­en. Zu­vor hat er bei Ber­lin ge­ar­bei­tet, wo auch sein größ­tes Werk ent­stand: Das Thäl­mann Denk­mal vom Prenz­lau­er Berg. 15 Me­ter hoch, aus 273 Tei­len und 53 Ton­nen schwer. Da­ne­ben mu­tet der klei­ne „Di­cke“win­zig an und ist auch et­was ein­fa­cher her­zu­stel­len, weil mas­siv ge­gos­sen. Gro­ße Plas­ti­ken sind hohl und be­dür­fen da­für ne­ben der Au­ßen- auch noch ei­ne In­nen­form. Wer den klei­nen Di­cken sieht, merkt gleich, dass die Fuß­stel­lung ei­ne an­de­re ist als bei sei­nem gro­ßen Pen­dant. „Das ist Ab­sicht“, weiß Rohr von See­mann, denn er soll schon un­ter­scheid­bar sein. Das Wachs­aus­schmelz­ver­fah­ren ist kom­pli­ziert und dau­ert vier Wo­chen mit vie­len Zwi­schen­stu­fen des Trock­nens und Ab­küh­lens. Ef­fek­tiv brauch­te der Di­cke nur fünf St­un­den Ar­beit bis die Form schließ­lich vor dem elf Ta­ge an­ge­feu­er­ten Brenn­ofen steht, und mit der 620 Grad hei­ßen Schmel­ze be­füllt wird.

Ein hal­bes Dut­zend Ar­bei­ter, aus­ge­bil­de­te Me­tall­bild­ner oder Me­tall­zi­se­lie­re, ma­chen sich be­reit zum Guss. Schlüp­fen in Alu­mi­ni­um be­schich­te­te An­zü­ge. Ho­len den Kran her, um den Ti­gel aus dem Schmelz­ofen zu he­ben. „Wir müs­sen viel Trin­ken“, sagt Rohr, der kaum noch von sei­nen Ar­bei­tern zu un­ter­schei­den ist, un­ter de­nen auch sein Sohn Paul ist. „Wir sind jetzt in der drit­ten Ge­ne­ra­ti­on Kunst­gie­ßer“, sagt Rohr nicht oh­ne Stolz. Für die In­dus­trie stellt er ab und zu mal ei­nen Pro­to­typ her und dann na­tür­lich ein paar ei­ge­ne Ex­pe­ri­men­te, „für Zu­hau­se“.

Den klei­nen „Di­cken“, nimmt Se­bas­ti­an Hil­scher lo­cker in der Hand mit. 350 Eu­ro ist die Tro­phäe wert. Die Kos­ten tra­gen größ­ten­teils Spon­so­ren. Es dau­ert noch et­was, bis er den Sie­ger­bei­trag schmückt: „Die Ein­reich­frist läuft am 1. Ju­li ab.“Mehr als zehn Bei­trä­ge sind schon ein­ge­gan­gen. „Beim letz­ten Wett­be­werb wa­ren es 20“, so Hil­scher. Die Ju­ry tagt schließ­lich am 15. Ju­li, an des­sen Abend um 19 Uhr im Kom­mu­na­len Ki­no dann die Preis­ver­lei­hung statt­fin­den wird.

DIE BRON­ZE ho­len Mit­ar­bei­ter der Gie­ße­rei Rohr ges­tern aus dem elf Ta­ge an­ge­feu­er­ten Ofen, um an­schlie­ßend den klei­nen „Di­cken“her­zu­stel­len. Fo­tos: Pe­che

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