„Ich brau­che Hil­fe“

37-Jäh­ri­ger ge­steht Han­del mit Be­täu­bungs­mit­teln

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

vie. „Ich will wie­der nor­mal sein!“sag­te der An­ge­klag­te un­ter Trä­nen. „Ich dach­te, ich bin nicht ab­hän­gig, ich bin stark, aber es hat mich be­siegt.“Mit „es“mein­te der 37-Jäh­ri­ge Ko­ka­in. In der Ver­hand­lung vor der Aus­wär­ti­gen Gro­ßen Straf­kam­mer we­gen Han­dels mit Be­täu­bungs­mit­teln hat­te er in den ers­ten bei­den Pro­zess­ta­gen tat­säch­lich „stark“ge­wirkt. Ges­tern brö­kel­te die Fas­sa­de. 1999 war er nach Deutsch­land ge­kom­men, ge­flüch­tet vor sei­nem sa­dis­tisch-ge­walt­tä­ti­gen Va­ter. „Er ist tief de­pres­siv bei der Er­in­ne­rung an sei­ne Kind­heit und sei­ne Fa­mi­lie“, er­klär­te der psych­ia­tri­sche Sach­ver­stän­di­ge in sei­nem Gut­ach­ten.

Vor­ge­wor­fen wur­de dem Mann, der jetzt um­fas­send ge­stän­dig war, er ha­be im Vor­jahr zwei Ki­lo­gramm Ma­ri­hua­na an ei­nen Mit­tels­mann ver­kauft, die­sen ge­schla­gen und mit ei­ner Axt be­droht, als der den ver­ein­bar­ten Preis nicht be­zah­len konn­te. Bei ei­ner Haus­durch­su­chung fand die Po­li­zei im Kel­ler ein wei­te­res Ki­lo Ma­ri­hua­na, Ko­ka­in, 11 000 Eu­ro und Schwei­zer Fran­ken, so­wie die Axt ne­ben der Woh­nungs­tür.

Nach dem zwei­ten Ver­hand­lungs­tag fand ein Rechts­ge­spräch zwi­schen der Kam­mer, Ers­tem Staats­an­walt Mar­co May­er und Ver­tei­di­ger Uwe Böhm statt. Des­sen In­halt gab der Vor­sit­zen­de Rich­ter, Andre­as Heid­rich, ges­tern be­kannt. Da­bei wur­de klar, dass der ers­te An­kla­ge­punkt – der Ver­kauf der zwei Ki­lo Ma­ri­hua­na, die Schlä­ge und die Be­dro­hung –, ein­ge­stellt wird. Den zwei­ten Tat­kom­plex räum­te der An­ge­klag­te un­um­wun­den ein.

Von sei­nem Le­ben er­zähl­te er sto­ckend. Er be­such­te zwölf Jah­re lang die Schu­le, ab­sol­vier­te dann ei­ne drei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zum Rei­se­kauf­mann. Da dies in Deutsch­land nicht an­er­kannt wur­de, ar­bei­te­te er auf dem Bau, bis 2013 sei­ne Fir­ma in Kon­kurs ging. Ei­ne neue An­stel­lung fand er nicht. So nahm er, der frü­her ge­le­gent­lich ei­nen Jo­int ge­raucht, oder Ko­ka­in ge­schnupft hat­te, im­mer mehr, bis er nicht mehr da­von las­sen konn­te. In der U-Haft litt er an Schlaf­lo­sig­keit, Schweiß­aus­brü­chen, Un­ru­he. Ei­nen Arzt woll­te er aus Stolz nicht auf­su­chen, er­kann­te aber end­lich: „Ich brau­che Hil­fe.“

Laut Psych­ia­ter be­darf der An­ge­klag­te nicht nur ei­ner Drogentherapie, son­dern auch psy­cho­lo­gi­scher Be­hand­lung, sonst wer­de der the­ra­pie­wil­li­ge und -fä­hi­ge Mann wie­der rück­fäl­lig. Er emp­fahl drin­gend die Ein­wei­sung in ein psych­ia­tri­sches Kran­ken­haus.

Staats­an­walt May­er stell­te in sei­nem Plä­doy­er fest, dass sich der An­ge­klag­te mit dem Ver­kauf von Ma­ri­hua­na ei­ne Ein­nah­me­quel­le ver­schaf­fen woll­te, um sei­ne Sucht zu fi­nan­zie­ren. Er be­an­trag­te für den nicht Vor­be­straf­ten ei­ne Frei­heits­stra­fe von vier­ein­halb Jah­ren. Nach ei­ner ge­wis­sen Zeit im Ge­fäng­nis sol­le sich die Ein­wei­sung in ei­ne Ent­zie­hungs­an­stalt an­schlie­ßen. Die Ver­hand­lung wird am 21. Ju­ni um 9 Uhr fort­ge­setzt.

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