Als Ca­ry Grant ans Kan­u­haus klopft

Hat­to Zeid­ler hat Buch über Flucht ge­schrie­ben

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Knitt­lin­gen. „Strom und Was­ser gab es im Kan­u­haus nicht, aber den­noch muss­ten wir es dort ein paar Jah­re aus­hal­ten.“Was so idyl­lisch und romantisch klingt war für Hat­to Zeid­ler und sei­ne Fa­mi­lie har­te Rea­li­tät weit au­ßer­halb der Stadt Eber­bach. Die Flücht­lings­fa­mi­lie aus Böh­men kommt in ei­nem Boots­schup­pen am Neckar un­ter, in dem über­all Töp­fe und Büch­sen auf­ge­stellt wer­den müs­sen, wenn es reg­net. Den­noch ge­win­nen die fünf Kin­der der Fa­mi­lie auch die­sem Mo­ment et­was ab: „Der Re­gen macht ei­ne schö­ne Mu­sik, Mut­ter“, er­in­nert sich der 78-Jäh­ri­ge, in Freu­den­stein woh­nen­de Hat­to Zeid­ler. Die Mut­ter fängt zu wei­nen an und lässt ih­ren Sohn rat­los.

Die­se Stel­le des Bu­ches „Das Kan­u­haus“zeigt, dass Zeid­ler nicht ver­bit­tert oder ver­härmt auf die Ver­gan­gen­heit schaut. Aus je­der Zei­le spricht ei­ne Ak­zep­tanz, ei­ne ru­hi­ge Be­trach­tung. Das schon. Aber der Be­schrei­bung des Ver­lags, er ha­be ei­ne glück­li­che Kind­heit ge­habt, kann er trotz­dem nicht zu­stim­men. „Es war im­mer schwie­rig“, sagt er im Gar­ten sei­nes Hau­ses in Freu­den­stein. Lus­ti­ge Sze­nen wech­seln sich mit nach­denk­li­chen ab.

Ei­ne be­wuss­te Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung ha­be er nie an­ge­strebt sagt der Bild­hau­er und ehe­ma­li­ge Hoch­schu­lDo­zent, der nicht nur sei­nem Va­ter (ei­nem Turn­leh­rer) und der Mut­ter ein Denk­mal setzt, son­dern auch den Groß­el­tern, „die uns auf­ge­zo­gen ha­ben“. Auf sei­nen lan­gen „Ei­sen­bahn­fahr­ten“an Or­te, an de­nen er et­wa in Markt­red­witz den Eger­land­brun­nen re­stau­rier­te und die er oh­ne Kopf­hö­rer mit dem Blick in die Land­schaft ver­brin­ge, sei­en ihm Er­eig­nis­se aus sei­nem Le­ben ein­ge­fal­len. „Je äl­ter man wird, des­to mehr er­in­nert man sich“, sagt er. Im Aus­tausch mit sei­nen in Ebers­bach um ei­ne Schwes­ter er­wei­ter­ten Ge­schwis­ter­kreis kom­men na­tür­lich auch Er­leb­nis­se von frü­her zur Spra­che. Al­so schrieb Zeid­ler auf den Zug­fahr­ten „am Tisch­chen“An­ek­do­ten der Flucht von Saaz in Böh­men nach Eber­bach im Nor­den Ba­den-Würt­tem­bergs hand­schrift­lich auf und tipp­te sie zu Hau­se in den Com­pu­ter. Das hat er schon ein­mal so ge­macht, mit dem Buch über sei­ne Lap­p­land­rei­se mit sei­ner Frau Uta Sü­ße-Krause (wir be­rich­te­ten). Es scheint ihm zu lie­gen, sei­ne Le­ser in den Bann zu zie­hen. „Vie­le kom­men nach den Le­sun­gen und be­rich­ten Ähn­li­ches oder schrei­ben mir.“Für den Au­tor ist die Au­f­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit zwar ab­ge­schlos­sen, aber er freut sich über die Kon­tak­te und be­ant­wor­tet je­des Schrei­ben. „Passt ja auch in die heu­ti­ge Zeit, zum Flücht­lings­the­ma.“Ihm sei es ähn­lich ge­gan­gen: „Ich ha­be auch gar nichts ver­stan­den von dem kur­pfäl­zi­schen Dia­lekt.“Auch Schwä­bisch stel­le ihn auf ei­ne har­te Pro­be. „Wenn man den Dia­lekt nicht vor der Pu­ber­tät lernt, dann ist es schwer.“Und dann ver­weist er noch auf Buch­stel­len, die für ihn be­son­ders sind: Et­wa, als der ihm un­be­kann­te, weil an der Front wei­len­de Va­ter aus Russ­land mit Moos aus­ge­stopf­te Heu­schre­cken schick­te. Oder als auf ein­mal an ei­nem Re­gen­tag ein „lan­ger Ame­ri­ka­ner“am Kan­u­haus klopft und ein „chess ga­me“(ein Schach­spiel) von holz­schnit­zen­den Va­ter will. Es ist der Mann, der spä­ter im Film „Über den Dä­chern von Niz­za“die Haupt­rol­le spielt: Ca­ry Grant.

Bei Bahn­fahr­ten auf das Le­ben zu­rück­ge­blickt

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