„Ein­fach nichts tun, ist kei­ne Op­ti­on“

Ge­ne­ral­in­ten­dant Sp­uh­ler: Jetzt erst­mals ver­öf­fent­lich­te Ge­samt­kos­ten­rech­nung klingt plau­si­bel

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Ti­na Kampf

125 Mil­lio­nen Eu­ro sind im Jahr 2015 für Sa­nie­rung und Er­wei­te­rung des Ba­di­schen Staats­thea­ters ge­nannt wor­den. Nun er­klä­ren Land und Stadt, dass das Gan­ze bis zu 325 Mil­lio­nen Eu­ro teu­er wer­den könn­te. Ei­ne Zahl, die Ge­ne­ral­in­ten­dant Pe­ter Sp­uh­ler als „er­schre­ckend ho­he ein­ma­li­ge Sum­me“be­zeich­net. Den­noch be­tont er: „Es war rich­tig, dass jetzt die Voll­kos­ten-Rech­nung pu­blik wur­de.“Denn im­mer war klar und auch er­klärt, dass der Be­trag von 2015 nicht der end­gül­ti­ge sein wird.

„Es war si­cher nie das Ziel, un­voll­stän­dig

Thea­ter ver­zich­te­te auf 4 000 Qua­drat­me­ter

zu in­for­mie­ren“, ver­si­chert Ivica Fu­lir, der am Staats­thea­ter Tech­ni­scher Di­rek­tor für das Bau­pro­jekt ist. Das Lan­des­amt Vermögen und Bau bei­spiels­wei­se ha­be sei­ner üb­li­chen Ar­beits­wei­se zu­fol­ge erst mal nur die Bau­kos­ten be­rech­net. Die Aus­stat­tung – an­ge­fan­gen beim Vor­hang bis zu Schein­wer­fern – sei je­doch nicht ent­hal­ten ge­we­sen. Auch Kos­ten für Er­satz­flä­chen sei­en nicht mit­ge­rech­net wor­den. Das Gro­ße Haus je­doch brau­che drei Jah­re ein Aus­weich­quar­tier, et­wa in ei­nem Thea­ter­zelt oder ei­ner Hal­le im Ha­fen.

Neu wur­de auch der Bau­kos­ten­in­dex be­rück­sich­tigt, al­so die er­war­te­te Stei­ge­rung im Lauf der über mehr als zehn­jäh­ri­gen Bau­zeit. Fu­lir warnt: So et­was sei schwer vor­her­seh­bar, ge­ra­de bei au­ßer­ge­wöhn­li­chen Pro­jek­ten wie ei­nem Thea­ter­um­bau. „Ich ha­be kei­ne Ah­nung, wie sich spä­ter bei­spiels­wei­se Stahl- oder Kup­fer­prei­se ent­wi­ckeln. Letzt­lich kön­nen wir nicht mal mit Ge­wiss­heit sa­gen, mit wel­cher Wäh­rung wird 2028 be­zah­len. Auch wel­che Tech­nik dann sinn­voll ist, weiß heu­te kei­ner“

An­de­re Pos­ten ka­men im Zu­ge der wei­te­ren Pla­nung hin­zu: Wird der Plan um­ge­setzt, müs­sen bei­spiels­wei­se die Tief­ga­ra­gen­zu­und ab­fahr­ten neu ge­baut wer­den. „Wir wol­len die Er­wei­te­run­gen di­rekt an das Be­stands­ge­bäu­de an­schlie­ßen. Bei den Vor­un­ter­su­chun­gen zeig­te sich, dass die Bö­den des Haupt­hau­ses dann sta­tisch nicht mehr zu­läs­sig sind“, er­läu­tert Fu­lir. Si­cher: Seit Jah­ren rol­len über die­se schwe­re Fahr­zeu­ge, die Ku­lis­sen trans­por­tie­ren. Aber so­bald bau­li­che Ve­rän­de­run­gen an­ste­hen, fal­le der Be­stands­schutz weg. Dann müs­sen neue Auf­la­gen er­füllt wer­den. Ein Pro­blem, das es an vie­len Stel­len im Haus gibt. Bei­spiel Strei­cher I.: Sie pro­ben ak­tu­ell in ei­nem Raum oh­ne Fens­ter, in dem sich so­wohl Mu­si­ke­rin­nen als auch Mu­si­ker um­klei­den. Un­denk­bar, das heu­te ge­neh­migt zu be­kom­men. Ähn­lich sieht es in qua­si al­len Ab­tei­lun­gen aus, sei es bei den Schlos­sern oder in der Mas­ke. „Ein­fach nichts tun, das ist kei­ne Op­ti­on“, so Sp­uh­ler. Er sieht ei­ne Chan­ce, Feh­ler zu kor­ri­gie­ren, die beim Bau aus dem Jahr 1975 ge­macht wur­den. Denn un­ter man­cher Ein­spa­rung von da­mals lei­de das Haus noch heu­te.

Die ak­tu­el­len Zah­len hal­te er für durch­aus rea­lis­tisch, so der Ge­ne­ral­in­ten­dant. „Im Kon­zert der bun­des­wei­ten Maß­nah­men klin­gen die jetzt für uns ver­öf­fent­lich­ten Zah­len plau­si­bel und glaub­haft“, so Sp­uh­ler. Das müs­se man wohl in die Hand neh­men, wenn man zur Maß­nah­me ste­he. Er sei je­doch nur Nut­zer, nicht Bau­herr. „Wir kön­nen ma­xi­mal be­ra­ten.“In Stutt­gart kom­me das Ge­samt­pro­jekt auf rund 600 Mil­lio­nen Eu­ro, in Frank­furt ist gar von Be­trä­gen über 800 Mil­lio­nen Eu­ro die Re­de. Das Land, das die Hälf­te der Kos­ten trägt, stel­le ei­nen Be­trag für Kul­tur­bau­ten be­reit. „Ein Zeit­ver­lust von ei­ni­gen Mo­na­ten könn­te da zum Pro­blem wer­den“, sind sich Fu­lir und Sp­uh­ler ei­nig. „Wir wür­den be­ru­higt in die Fe­ri­en ge­hen, wenn es bis da­hin ei­ne Ent­schei­dung gä­be“, so Fu­lir. Der Ge­mein­de­rat wird sich mit der Sa­che in je­dem Fall noch im Ju­li be­schäf­ti­gen. Bau­be­ginn wird wohl frü­hes­tens 2019/20 sein. Die Pla­nung sieht vor, dass am Stand­ort beim Ett­lin­ger Tor die Nutz­flä­che von ak­tu­ell 21 000 auf künf­tig 31 000 Qua­drat­me­ter wächst. Da je­doch par­al­lel da­zu die Nan­cy­hal­le, in der der­zeit Pro­ben statt­fin­den, und die In­sel in der Karl­stra­ße auf­ge­ge­ben wer­den sol­len, ver­grö­ßert sich das Staats­thea­ter in der Sum­me nur um 15 Pro­zent. Gleich­zei­tig wür­de der Be­trieb deut­lich ef­fi­zi­en­ter, da lan­ge We­ge – et­wa für ein­ge­setz­te Hand­wer­ker und Büh­nen­bil­dern – zwi­schen den Stand­or­ten weg­fal­len. Auch en­er­ge­tisch lie­ße sich viel er­rei­chen: Er­rech­net ist ein 72,5 Pro­zent ge­rin­ge­rer CO2-Aus­stoß. Die In­sel be­rei­tet oh­ne­hin Schwie­rig­kei­ten, wie Sp­uh­ler sagt: „Ge­ra­de muss­ten wir dort we­gen der Hit­ze Vor­stel­lun­gen ab­sa­gen. Da wa­ren Schü­ler be­trof­fen.“Wenn Grup­pen von au­ßen an­rei­sen, stel­le sich da schon mal die Fra­ge, wer dann den un­nö­tig ge­buch­ten Bus zah­le. Ein wei­te­rer Aspekt die­ser Spiel­stät­te: Die be­nach­bar­te Gar­ten­schu­le wür­de die Räu­me ger­ne nut­zen. „Dort will man Ganz­ta­ges­schu­le wer­den, das blo­ckie­ren wir der­zeit“, so Fu­lir. Er be­tont, dass der be­nann­te Raum­be­darf des Thea­ters dem tat­säch­li­chen ent­spricht und auch nicht ge­wach­sen sei. Im Ge­gen­teil: Ein 2009 be­auf­trag­tes und 2012 vor­ge­leg­tes Gut­ach­ten in der Sa­che ha­be 4 000 Qua­drat­me­ter mehr vor­ge­se­hen. „Die ha­ben wir von uns aus her­aus­ge­nom­men“, so Fu­lir. Ba­sis der Gut­ach­ter-Zah­len sei näm­lich der Spit­zen­be­trieb ge­we­sen. Je­den Tag lie­ge der Be­darf im Schnitt bei 85 Pro­zent – mit den dar­auf aus­ge­leg­ten Grö­ßen­ord­nun­gen kom­me man bei Voll­aus­las­tung dann zu­min­dest noch schlecht zu­recht. „Die­ses Pro­gramm ist not­wen­dig“, so Fu­lir. Wür­de ge­kürzt, brau­che das Thea­ter bei­spiels­wei­se im Um­kehr­schluss zu­sätz­li­che ex­ter­ne Pro­be­büh­nen, die die Ef­fek­ti­vi­tät ver­schlech­ter­ten.

Sp­uh­ler ist in je­dem Fall vom Ent­wurf be­geis­tert, eben­so von den bei­den be­tei­lig­ten Ar­chi­tek­tur­bü­ros De­lug­an Meissl aus Wi­en und Wen­zel+Wen­zel aus Karls­ru­he. „Letzt­lich ist das ein Pro­jekt für die nächs­ten Ge­ne­ra­tio­nen“, so der Ge­ne­ral­in­ten­dant. Kom­men­tar

STÄN­DIG NEUE STÜ­CKE und bei Opern bei­spiels­wei­se ver­schie­de­ne Auf­zü­ge in un­ter­schied­li­chen Büh­nen­bil­dern wer­den Tag für Tag im Ba­di­schen Staats­thea­ter ge­probt. An­de­re Häu­ser wie et­wa Stutt­gart ha­ben mehr Pro­ben­büh­nen zur Ver­fü­gung. Fo­tos: Sand­bil­ler

ENG ZU geht es nicht nur in der Schnei­de­rei des Ba­di­schen Staats­thea­ters. Platz­man­gel ist ei­nes der Pro­ble­me des Hau­ses.

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