Blu­men, Ker­zen, Er­in­ne­run­gen

Hun­der­te be­kun­den ih­re An­teil­nah­me vor Kohls Haus in Og­gers­heim

Pforzheimer Kurier - - ABSCHIED VON HELMUT KOHL - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jas­per Ro­th­fels

Hel­mut Kohls Wit­we ist die Trau­er ins Ge­sicht ge­schrie­ben. Mai­ke Kohl-Rich­ter wirkt ge­zeich­net, als sie vor ihr Haus tritt, um still die Blu­men­ge­bin­de zu be­trach­ten, die dort seit dem Tod des Alt­Kanz­lers ab­ge­legt wur­den. Die zier­li­che Frau im schwar­zen Kleid ver­birgt ih­re Au­gen hin­ter ei­ner Son­nen­bril­le. Zu­sam­men mit dem frü­he­ren „Bild“-Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann legt sie ei­ne Eu­ro­pa­fah­ne auf dem Geh­weg zu­recht, be­vor sie in den Bun­ga­low zu­rück­geht. Dort ist der Leich­nam des Alt-Kanz­lers nach ei­nem Zei­tungs­be­richt im Wohn­zim­mer auf­ge­bahrt. Seit Kohls Tod kom­men im­mer wie­der Trau­er­gäs­te zu dem zwei­stö­cki­gen Bun­ga­low in Lud­wigs­ha­fen-Og­gers­heim, um ih­re An­teil­nah­me aus­zu­drü­cken.

Hel­mut Kohls Haus in der Mar­ba­cher Stra­ße 11 hat schon viel Tru­bel er­lebt. In den 80er und 90er Jah­ren hat­te der da­ma­li­ge Bun­des­kanz­ler vie­le Staats­gäs­te auf Deutsch­land­be­such nach Og­gers­heim ein­ge­la­den. Mich­ail Gor­bat­schow, Ge­or­ge Bush Se­ni­or, Bill Cl­in­ton: Sie al­le und noch vie­le an­de­re hat­te der Staats­mann aus der Pfalz in sei­ne Hei­mat ge­holt, wo er sie mit ein­hei­mi­schen Spe­zia­li­tä­ten ver­wöhn­te und ih­nen die Schön­heit der Land­schaft zeig­te. Der da­ma­li­ge US-Prä­si­dent Cl­in­ton hat­te sich so­gar auf der Stra­ße vor Kohls Haus in das Gol­de­ne Buch der Stadt ein­ge­tra­gen – an­ge­tan von den Klän­gen ei­nes Sa­xo­fons, das ei­ne Frau in der Men­ge der Schau­lus­ti­gen ge­spielt hat­te. Und als Kohl 1982 Kanz­ler ge­wor­den sei, da hät­ten die Men­schen vor sei­nem Haus Spa­lier ge­stan­den und ap­plau­diert, er­in­nert sich ei­ne 78-jäh­ri­ge Rent­ne­rin.

Mat­thä­us Ne­u­mer aus Rö­ders­heimGro­nau im Rhein-Pfalz-Kreis war lan­ge Jah­re Kohls Sau­na­freund, er hat­te den Alt-Kanz­ler vor zwei Jah­ren zu des­sen 85. Ge­burts­tag be­sucht. Kohl ha­be da­mals mit der ei­nen Hand die an­de­re fest­hal­ten müs­sen, so sehr ha­be er ge­zit­tert, er­in­nert sich Ne­u­mer. „Die letz­ten Jah­re wa­ren ja nicht mehr le­bens­wert für ihn“, meint er. „Er muss­te ja voll ver­sorgt wer­den.“Ne­u­mer hat aber auch ei­nen an­de­ren Kohl in Er­in­ne­rung, ei­nen, der wie er selbst im­mer sams­tags in die Sau­na im Hal­len­bad Nord ging. Kohl ha­be ei­ne „Rie­sen­ar­beit“ge­macht, sich aber im­mer auch für die klei­nen Leu­te in­ter­es­siert und sich zum Bei­spiel re­gel­mä­ßig nach den El­tern ei­nes töd­lich ver­un­glück­ten Nach­bars­mäd­chens er­kun­digt. Die Sau­na­be­su­che schei­nen Kohl wich­tig ge­we­sen zu sein. Ein­mal sei er mor­gens um halb sechs von ei­nem Bun­des­par­tei­tag in Tri­er heim­ge­fah­ren, um um halb neun in der Sau­na zu sein. „Das hat er sich nicht neh­men las­sen“, sagt Ne­u­mer. Nach dem Sau­na­be­such wur­de ge­ges­sen und ge­trun­ken, Kohl ha­be meis­tens Wein­schor­le ge­wählt. Das al­les ist lan­ge her. Beim War­ten vor Kohls Haus fin­den sich auch Men­schen ein, die ih­rer Trau­er auf un­er­war­te­te Wei­se Aus­druck ver­lei­hen. Ein Mann, der sich als Dem­bo Kru­bal­ly aus Lan­dau vor­stellt, spricht laut ein mus­li­mi­sches Ge­bet. Er ha­be mit­er­lebt, wie Kohl es ge­schafft ha­be, Deutsch­land zu ei­nen, sagt der Mann aus Gam­bia. „So ein Mensch fehlt uns.“

Trau­er auch bei der Eu­ro­päi­schen Stif­tung Kai­ser­dom zu Spey­er, de­ren Ku­ra­to­ri­um Kohl vor­saß. Im Dom wird wohl das Re­qui­em statt­fin­den, an­schlie­ßend wer­de der engs­te Fa­mi­li­en- und Freun­des­kreis in der Trau­ka­pel­le im Ade­nau­er­park in Spey­er Ab­schied von Kohl neh­men. Bis zum Staats­akt soll Kohl in sei­nem Haus in Lud­wigs­ha­fen-Og­gers­heim auf­ge­bahrt blei­ben.

MIT EI­NEM KON­DO­LENZ­MARSCH ehr­ten Mit­glie­der der Jun­gen Uni­on den ver­stor­be­nen lang­jäh­ri­gen Vor­sit­zen­den der CDU. „Dan­ke für die Deut­sche Ein­heit“hieß es auf Pla­ka­ten, die spä­ter vor dem Wohn­haus Kohls ab­ge­legt wur­den. Fotos: dpa

DIE FAH­NE auf dem Reichs­tag weht auf Halb­mast – in ganz Deutsch­land wur­de Trau­er­be­flag­gung an­ge­ord­net.

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