Er han­delt, weil er han­deln muss

Volks­schau­spie­le Ötig­heim zei­gen „Lu­ther“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

„Hier ste­he ich, ich kann nicht an­ders“– die­ser Satz wird Mar­tin Lu­ther gern zu­ge­schrie­ben, be­legt ist er aber nicht. Und so hört man ihn auch nicht im opu­len­ten „Lu­ther“-Stück der Volks­schau­spie­le Ötig­heim, in des­sen Text der Au­tor Fe­lix Mit­te­rer zahl­rei­che Ori­gi­nal­zi­ta­te ein­ge­ar­bei­tet hat. Aber man kann die­sen Satz spü­ren. Denn Haupt­dar­stel­ler Si­mon Da­vid Gros­sen­ba­cher ver­mit­telt mit fas­zi­nie­ren­der Büh­nen­prä­senz und Sprech­kunst (die frei­lich nie ge­küns­telt wirkt): Hier han­delt ein Mensch, weil er han­deln muss. Weil ihn et­was Grund­sätz­li­ches so sehr an­treibt, dass er schlicht­weg nicht in der La­ge ist, ei­nen Kom­pro­miss ein­zu­ge­hen.

Da­bei wirkt Gros­sen­ba­cher, der als Pro­fi-Schau­spie­ler das ein­drucks­voll auf­spie­len­de Ama­teur-En­sem­ble er­gänzt, auf den ers­ten Blick gar nicht wie ei­ne na­he­lie­gen­de Be­set­zung für den un­beug­sa­men Pro­test­ler: Er ist schmal, schon fast ha­ger, und wird von fast al­len sei­ner Mit­spie­ler über­ragt. Und in den ers­ten Bil­dern wirkt sein Lu­ther wie ein ge­beug­tes Männ­lein, das an­läss­lich ei­nes Ge­wit­ters (das aus­schließ­lich auf den Pau­ken im Orches­ter­gra­ben statt­fin­det) ins Bib­bern ge­rät und sich gleich dar­auf von sei­nem er­zürn­ten Va­ter (Hans-Pe­ter Mau­te­rer) we­gen sei­nes Ent­schlus­ses, Mönch zu wer­den, hef­tig ab­wat­schen lässt. Doch das Zau­dern und ste­ti­ge Selbst­an­kla­gen, das auch Lu­thers Beicht­va­ter Jo­hann von Stau­pitz (Kurt Tüg) die Ge­duld raubt, er­weist sich als Ba­sis für das spä­te­re Ge­sche­hen: Lu­ther er­scheint hier als je­mand, der ver­zwei­felt ei­ne Auf­ga­be sucht. Und als er die­se Auf­ga­be end­lich fin­det – näm­lich dem schwe­len­den Zorn über die aus­beu­te­ri­sche Raff­gier der ver­lot­ter­ten Kir­chen­fürs­ten ei­ne Stim­me zu ver­lei­hen – gibt er sich ihr ent­spre­chend be­din­gungs­los hin.

So wie Lu­ther ein Mann des Wor­tes war, ist Gros­sen­ba­cher ein Mann der Spra­che. Mit sei­ner va­ria­blen Stim­me, die be­sänf­ti­gend wer­ben und schnei­dend an­kla­gen kann, ver­mit­telt er die im­pul­si­ven Stim­mungs­um­schwün­ge, zu de­nen sich der Über­zeu­gungs­tä­ter Lu­ther im­mer wie­der hin­rei­ßen lässt – et­wa im Ver­hör durch den lis­ten­rei­chen Kar­di­nal Ca­je­t­an (Paul Mai­er) und den pol­tern­den päpst­li­chen Nun­ti­us (Ge­rold Baum­stark).

Doch die rund drei­ein­halb­stün­di­ge Auf­füh­rung (drei St­un­den Spiel­zeit, 30 Mi­nu­ten Pau­se) ist na­tür­lich nicht nur das Psy­cho­gramm der Ti­tel­fi­gur. Re­gis­seu­rin Re­bek­ka Stan­zel bie­tet mit gu­tem Ge­spür für Do­sie­rung, Dy­na­mik und Dra­ma­tur­gie al­les auf, was das Pu­bli­kum in Ötig­heim er­war­ten darf: Bun­te Volks­sze­nen, Auf­trit­te hoch zu Ross und per Kut­sche, Tän­ze und Rau­fe­rei­en so­wie viel Ge­sang. Da­bei ge­lin­gen die Über­gän­ge zwi­schen den 23 Bil­dern, in de­nen Mit­te­rers Stück schlag­licht­ar­tig die Jah­re 1505 bis 1525 durch­misst, flie­ßend und or­ga­nisch. Und je mehr sich das Ge­sche­hen von der theo­lo­gi­schen Kri­tik an kirch­li­cher Will­kür zum Kampf ge­gen Un­ter­drü­ckung über­haupt ver­la­gert, um schließ­lich in den blu­tig nie­der­ge­schla­ge­nen Bau­ern­auf­stän­den

Vom ge­beug­ten Männ­lein zum un­beug­sa­men Pro­test­ler

zu mün­den, des­to mehr ent­wi­ckelt sich das Volk von der büh­nen­be­le­ben­den Sta­tis­te­rie hin zum ei­gen­stän­di­gen Ak­teur – bis hin zur kon­se­quen­ten und nach­hal­len­den Schluss­sze­ne.

Die zahl­rei­chen Wi­der­sa­cher und Weg­ge­fähr­ten Lu­thers sind über­zeu­gend be­setzt. Ne­ben den be­reits Auf­ge­führ­ten un­be­dingt zu nen­nen sind Mat­thi­as Götz als dä­mo­nisch-dem­ago­gi­scher Ablass­pre­di­ger Jo­hann Tet­zel, Mar­tin Kühn als strip­pen­zie­hen­der Kauf­mann Fug­ger, Ro­man Gal­li­on als schlitz­oh­ri­ger Kur­fürst Fried­rich, Ste­fan Br­kic als treu­er Se­kre­tär Spa­la­tin, Lu­kas Tüg als auf­stre­ben­der Me­lan­chthon, Da­vid Kühn als ei­fern­der Andre­as von Bo­den­stein, Jo­han­nes Kühn als ar­ro­gan­ter Kur­fürst Al­brecht, Ste­fan Hunk­ler als selbst­ge­fäl­li­ger Pro­fes­sor Jo­hann Eck, To­bi­as Klein­hans als auf­peit­schen­der Tho­mas Münt­zer so­wie An­na Hug als Lu­thers Ehe­frau Kat­ha­ri­na von Bo­ra, de­ren bis­si­ge Schlag­fer­tig­keit der oh­ne­hin ab­wechs­lungs­rei­chen Auf­füh­rung ge­gen En­de ei­ne wei­te­re No­te ver­leiht.

Stichwort No­te: Die eben­falls fa­cet­ten­rei­che Mu­sik von Hans Pe­ter Reut­ter, auf­ge­führt un­ter der mu­si­ka­li­schen Lei­tung von Ul­rich Wa­gner, be­schwört mit

MIT FAS­ZI­NIE­REN­DER BÜH­NEN­PRÄ­SENZ und ho­her Sprech­kunst über­zeugt Si­mon Da­vid Gros­sen­ba­cher in der Ti­tel­rol­le von Fe­lix Mit­te­rers neu­em Stück „Lu­ther“, das Re­bek­ka Stan­zel auf der Frei­licht­büh­ne der Volks­schau­spie­le Ötig­heim in­sze­niert hat. Fo­to: Klenk

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