Su­che nach na­tio­na­ler Iden­ti­tät

Der Ger­ma­nist Die­ter Borch­mey­er geht der Fra­ge nach „Was ist deutsch?“

Pforzheimer Kurier - - KUNST UND WISSEN -

Kaum ei­ne Na­ti­on hat sich so boh­rend und selbst­kri­tisch, so rast- und doch rat­los mit sich selbst be­schäf­tigt wie die Deut­schen. Das hängt mit ih­rer ver­track­ten Ge­schich­te und de­ren Fa­ta­li­tä­ten zu­sam­men, aber auch mit der Art, in der sie sich in ste­tem Rin­gen zu ei­nem ge­mein­sa­men Selbst­ver­ständ­nis zu­sam­men­ge­fun­den ha­ben. Dass un­ter dem Ein­druck der ge­gen­wär­ti­gen Dis­kus­si­on über De­fi­ni­ti­on, Le­gi­ti­mi­tät, Gren­zen und Wei­te­run­gen des Volks­be­griffs die so oft ge­stell­te und sehr un­ter­schied­lich be­ant­wor­te­te Fra­ge nach der deut­schen Iden­ti­tät er­neut ge­stellt wer­den wür­de, war zu er­war­ten.

Dass frei­lich aus­ge­rech­net ein Ger­ma­nist die­sen durch­aus ak­tu­el­len Ball auf­hob, wäh­rend die His­to­ri­ker sich hier noch zu­rück­hiel­ten, ist auf­schluss­reich. Der Au­tor und be­ken­nen­de Wa­gner-Spe­zia­list Die­ter Borch­mey­er ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für deut­sche Li­te­ra­tur und fühl­te sich nicht zu­letzt durch die Ge­gen­stän­de sei­ner For­schun­gen be­ru­fen, die „zwei See­len“des Na­tio­nal­cha­rak­ters auf­zu­spü­ren. Die Mit­tel, die er da­zu wählt, stam­men zu ei­nem gro­ßen Teil aus dem Schatz­haus der deut­schen Li­te­ra­tur und Phi­lo­so­phie: He­gel, Kant und Fich­te, Schil­ler, Goe­the und Hei­ne, Wa­gner, Nietz­sche und Tho­mas Mann wer­den in zahl­rei­chen Zi­ta­ten an­ge­führt und ste­hen für ein Bild, das im We­sent­li­chen aus den be­währ­ten Baustei­nen der Geis­tes­ge­schich­te kom­po­niert ist. Borch­mey­ers auf dem Hö­hen­kamm un­se­rer Kul­tur of­fe­riert in er­gie­bi­gen Blü­ten­le­sen man­cher­lei Le­sens­wer­tes, aber kaum neue oder gar über­ra­schen­de Fun­de.

Da­bei lie­ße die Ein­lei­tung des Bu­ches, die der spe­zi­fi­schen Am­bi­va­lenz des deut­schen Selbst- und Fremd­bil­des zwi­schen Pro­vinz, Na­ti­on und Welt in ei­nem his­to­ri­schen Ab­riss nach­geht, auf ei­ne wei­ter aus­grei­fen­de Be­trach­tung hof­fen, die sich stär­ker auch an den ge­schicht­li­chen Weg­mar­ken, an ideo­lo­gi­schen oder ge­sell­schaft­li­chen Leit­grö­ßen aus Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ori­en­tiert. Aber ge­ra­de hier hat der dick­lei­bi­ge Band sei­ne Schwä­chen. Zwar schrei­tet der Au­tor ent­schei­den­de Sta­tio­nen vom Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg über den Pa­trio­tis­mus der Be­frei­ungs­krie­ge und den ag­gres­si­ven Na­tio­na­lis­mus der Na­zis bis zu den neu­en Pro­ble­men der not­wen­di­gen In­te­gra­ti­on ab, aber Aspek­te wie et­wa die deutsch-deut­sche Ent­wick­lung oder das deut­sche Pro­fil im eu­ro­päi­schen Kon­text wer­den re­la­tiv knapp ab­ge­tan, wie denn über­haupt das Buch an Sub­stanz ver­liert, je mehr es sich der Ge­gen­wart nä­hert.

Da­ge­gen zäh­len die ein­ge­hen­den Aus­füh­run­gen über das deutsch-jü­di­sche Ver­hält­nis zu den gro­ßen Vor­zü­gen die­ser Selbst­be­sin­nung, ob­wohl auch hier der Blick zu­meist we­ni­ger auf so­zi­al- als auf li­te­ra­tur- und ide­en­ge­schicht­li­che Qu­el­len ge­rich­tet bleibt. Wo Borch­mey­er sei­ne Ste­cken­pfer­de reiten kann, tut er es mit Hin­ga­be und ei­ner Aus­führ­lich­keit, die die Pro­por­tio­nen sei­ner üp­pig aus­la­den­den Darstel­lung bis­wei­len zu spren­gen droht. Ei­ner sei­ner im­mer wie­der zi­tier­ten Kron­zeu­gen ist Richard Wa­g­ners, des­sen pro­ble­ma­ti­sche Rol­le für den deut­schen Na­tio­nal­cha­rak­ter und sei­ne Ab­grün­de in al­ler Brei­te be­trach­tet wird, aber auch das sehr spe­zi­el­le The­ma „Pa­ra­dig­ma der deut­schen Mu­sik“ins­be­son­de­re am Bei­spiel Tho­mas Manns wird de­tail­liert ab­ge­han­delt. Die un­be­streit­ba­re Kom­pe­tenz und Be­le­sen­heit des ge­lehr­ten Au­tors, der hier er­kenn­bar ei­nen über Jah­re ge­füll­ten Zet­tel­kas­ten ab­ar­bei­tet, geht bis­wei­len mit sei­ner Nei­gung zu red­un­dan­ter Aus­führ­lich­keit ein­her, die die Lek­tü­re der gut 900 Sei­ten plus An­mer­kun­gen und An­hang auf Dau­er ein we­nig an­stren­gend macht. K.

Die­ter Borch­mey­er: Was ist deutsch? Die Su­che ei­ner Na­ti­on nach sich selbst. Ro­wohlt Ver­lag. 1056 Sei­ten, 39,95 Eu­ro.

Kaum neue oder gar über­ra­schen­de Fun­de

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