Go­eb­bels’ Se­kre­tä­rin

Pom­sels Er­in­ne­run­gen

Pforzheimer Kurier - - KUNST UND WISSEN -

Erst ge­gen En­de ih­res lan­gen Le­bens hat sich Brun­hil­de Pom­sel ent­schlos­sen, Aus­kunft zu ge­ben über ihr Le­ben und ih­re Er­fah­run­gen im Zen­trum der Macht. Im­mer­hin war die 1911 Ge­bo­re­ne von 1942 bis Kriegs­en­de Se­kre­tä­rin von Jo­seph Go­eb­bels. Sie hat die letz­ten Ta­ge des un­ter­ge­hen­den NS-Re­gimes in des­sen Schalt­zen­tra­le er­lebt und war ein­ge­weiht in vie­le Ge­heim­nis­se der NSDAP-Füh­rungs­zir­kel. Für ei­nen Do­ku­men­tar­film hat sie nach lan­gem Schwei­gen noch im Al­ter von 103 Jah­ren ein aus­führ­li­ches Interview ge­ge­ben, des­sen Pro­to­koll nun Ein­gang ge­fun­den hat in den Band „Ein deut­sches Le­ben“.

Was da im weit­hin un­lek­t­o­rier­ten O-Ton zu le­sen steht, ist fas­zi­nie­rend und er­schre­ckend zu­gleich. Ein spä­tes Zeit­zeug­nis da­für, wie Men­schen aus blin­dem Pflicht­ge­fühl in den Bann ei­nes

Ver­klär­te Nä­he zur „Ba­na­li­tät des Bö­sen“

schänd­li­chen Sys­tems ge­ra­ten und sich doch schuld­los füh­len konn­ten. Die Fra­ge nach der Ver­ant­wor­tung, die sich bei der Lek­tü­re ih­res Rück­blicks auf­drängt, stellt sich Pom­sel selbst nicht. Sie war, wie sie sagt, nur ei­ne loy­al funk­tio­nie­ren­de „Rand­fi­gur“und ver­stand sich als ganz und gar un­po­li­ti­sche Mit­läu­fe­rin, die von den Ver­bre­chen der Na­zis erst (zu) spät er­fah­ren ha­ben will.

Ih­re Er­in­ne­run­gen an ei­ne un­be­schwer­te Ju­gend in Berlin, an ih­re Aus­bil­dung bei ei­nem jü­di­schen Rechts­an­walt bis zu des­sen Emi­gra­ti­on 1933, ih­re lang­jäh­ri­ge Freund­schaft zu ei­ner Jü­din, die spä­ter im KZ um­kam, ih­re li­ni­en­treue Tä­tig­keit erst im Reichs­rund­funk, dann im Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um und schließ­lich ih­ren Auf­stieg ins Vor­zim­mer von des­sen per­sön­lich durch­aus ge­schätz­tem „Chef“so­wie (nach fünf­jäh­ri­ger Ge­fan­gen­schaft) ih­ren un­be­hel­lig­ten Neu­an­fang beim Süd­west­funk Ba­den-Ba­den klin­gen au­then­tisch, auch wenn sich hier und da be­schö­ni­gen­de Ge­dächt­nis­kor­rek­tu­ren der Grei­sin gel­tend ma­chen dürf­ten.

In ei­nem ab­schlie­ßend an­ge­füg­ten Es­say zieht der Her­aus­ge­ber Tho­re D. Han­sen not­wen­di­ge Leh­ren aus ih­rer Ge­schich­te – auch mit Blick auf ak­tu­el­le po­li­ti­sche Ge­scheh­nis­se und mah­nen­den Be­zü­gen zu rechts­po­pu­lis­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen bei uns und an­ders­wo. Die im Plau­der­ton harm­los da­her­kom­men­den, be­klem­mend „neu­tra­len“Er­in­ne­run­gen der his­to­ri­schen Bür­gin Pom­sel, die bald nach die­ser Le­bens­bi­lanz im Ja­nu­ar 2016 ver­stor­ben ist, sind ge­ra­de durch ih­re ver­klär­te Nä­he zu dem, was Han­nah Arendt un­ter dem Ein­druck des Eich­mann-Pro­zes­ses die „Ba­na­li­tät des Bö­sen“nann­te, ein Weck­ruf auch für die Nach­ge­bo­re­nen. Zu Recht trägt die­ses Buch den Un­ter­ti­tel: „Was uns die Ge­schich­te von Go­eb­bels’ Se­kre­tä­rin für die Ge­gen­wart lehrt“. K.

Brun­hil­de Pom­sel: Ein deut­sches Le­ben. Hrsg. von Tho­re D. Han­sen. Eu­ro­pa Ver­lag Berlin. 205 Sei­ten, 18,90 Eu­ro.

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