Abs­trak­te Kunst, rat­lo­ses Pu­bli­kum

Ei­ne Aus­stel­lung im Frank­fur­ter Mu­se­um Giersch do­ku­men­tiert den Auf­bruch nach 1945

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

End­los wur­de dis­ku­tiert, aber nicht über In­hal­te, son­dern über Vor­ur­tei­le. Im­mer­hin stan­den sich zwei La­ger un­ver­söhn­lich ge­gen­über: Frei­heit und Fort­schritt gibt es nur in der Abs­trak­ti­on, so die ei­ne Sei­te, die ve­he­ment die fi­gu­ra­ti­ve Kunst ab­lehn­te – sie war ih­nen zu sehr po­li­tisch ver­strickt und zu re­ak­tio­när. Ver­tre­ter der fi­gu­ra­ti­ven Kunst hin­ge­gen gif­te­ten zu­rück, die abs­trak­te Kunst bil­de nur Cha­os, Trieb- oder Wahn­haf­tes ab und sei folg­lich in­hu­man. So ein­fach war nach 1945 die Welt – aber auch zu sehr von Dok­tri­nen ge­prägt.

Auf die­se Zeit blickt nun das Frank­fur­ter Mu­se­um Giersch der Goe­the-Uni zu­rück. „Er­sehn­te Frei­heit“, so der Ti­tel der klug bi­lan­zie­ren­den Schau, ver­sam­melt 74 Wer­ke von 20 Künst­lern, ab­ge­run­det von zahl­rei­chen Zeit­do­ku­men­ten. Hän­gen zu­erst noch abs­trak­te und fi­gu­ra­ti­ve Bil­der von Wil­li Bau­meis­ter und Karl Ho­fer fried­lich ne­ben­ein­an­der, so ver­engt sich die­ser Fo­kus im zwei­ten Raum auf tas­ten­de Ver­su­che von Emil Schu­ma­cher, die Ge­gen­ständ­lich­keit ab­zu­schüt­teln. Sein „Strand­bild“von 1950 zeigt ei­ne ver­frem­de­te Rea­li­tät mit ei­nem Ba­de­tuch da, ei­nem Lie­ge­stuhl dort, ei­ner Son­nen­ba­den­den wo­an­ders. Schon da­mals leg­te Schu­ma­cher mehr Wert auf das Ma­len an sich und auf die Bild­o­ber­flä­che. So deu­tet sich an, dass der Sie­ges­zug der Abs­trak­ti­on nicht auf­zu­hal­ten war. In der Abs­trak­ti­on such­ten vie­le ihr Heil, oh­ne ge­nau zu wis­sen, was sie woll­ten. Nur weg von der Fi­gu­ra­ti­on, die durch die Na­zis in Ver­ruf ge­ra­ten war. Und wie­der An­schluss fin­den an die lan­ge ver­pön­te Avant­gar­de. Ein kla­res Pro­gramm gab es nicht, da­für ei­nen ab­so­lu­ten Frei­heits­drang. Die Ge­schich­te der Kunst nach 1945 ist aber auch voll von Künst­ler­grup­pen – da­mals such­ten vie­le Künst­ler nach ei­nem Rück­halt und ei­nem Fo­rum für In­for­ma­tio­nen. Die drei wich­tigs­ten deut­schen Ver­ei­ni­gun­gen stellt die Schau vor, zu­erst die 1948 in Reck­ling­hau­sen star­ten­de Grup­pe „Jun­ger Wes­ten“, die 1949 in München ge­grün­de­te „ZEN 49“und die 1952 in ei­ner Frank­fur­ter Schau auf­tre­ten­de „Qua­dri­ga“– al­le­samt Pri­vat­in­itia­ti­ven. Die meis­ten Mu­se­ums­di­rek­to­ren küm­mer­ten sich nicht um die jun­ge Kunst, sie hat­ten ge­nug zu tun mit ih­ren be­schä­dig­ten Häu­sern, mit den aus­ge­la­ger­ten Wer­ken und den Lü­cken in den Samm­lun­gen. Doch mit der neu ge­won­ne­nen Frei­heit schoss die Zahl der künst­le­ri­schen Spra­chen in die Hö­he. Mal­te Hein­rich Siep­mann eher geo­me­trisch-streng und Schu­ma­cher eher or­ga­nisch-ve­ge­ta­tiv, so such­te Bri­git­te Mei­er-Den­ninghoff von „ZEN 49“in ih­ren Skulp­tu­ren das Ver­bin­den­de zwi­schen Kon­struk­ti­vem und Or­ga­ni­schem. Rupp­recht Gei­ger wie­der­um, auch bei „ZEN 49“ak­tiv, lässt ei­nen Raum aus nur ei­ner Far­be ent­ste­hen. So ist die abs­trak­te Kunst kaum noch auf ei­nen Nen­ner zu brin­gen. Von K. R. H. Son­der­borg sind so­gar Fuß­ab­drü­cke auf ei­nem Bild von 1960 zu se­hen – of­fen­bar be­weg­te sich der „ZEN 49“-Künst­ler mit dem Bild, um sei­ne spon­tan-ges­ti­sche Ma­le­rei vor­an­zu­trei­ben. Ähn­lich ar­bei­te­te auch Karl Ot­to Götz, der aber zur „Qua­dri­ga“ge­hör­te. Der in­zwi­schen 103-jäh­ri­ge Götz malt an gu­ten Tu­gen noch im­mer im halb­s­pon­ta­nen Ges­tus mit Ta­pe­ten­kleis­ter, Far­be und Wi­scher. Ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ger wa­ren Ot­to Greis und Heinz Kreutz. Wäh­rend Greis das freie Spiel mit der Far­be be­vor­zug­te, nutz­te der im­pres­sio­nis­tisch an­ge­hauch­te Kreutz sein sat­tes Farb­spek­trum auch als Licht. Und Ber­nard Schult­ze, der Vier­te im Bun­de, ver­lor sich gern im Ge­wirr sei­ner spin­del­dür­ren, zitt­ri­gen Li­ni­en.

Die Schau en­det mit der Kehr­sei­te der Abs­trak­ti­on, dem ver­wirr­ten Pu­bli­kum. Als 1959 in Kas­sel die zwei­te „do­cu­men­ta“er­öff­ne­te, ström­te das bil­dungs­hung­ri­ge Pu­bli­kum in die Welt­kunst­Schau – und war rat­los vor den abs­trak­ten Bil­dern. Der jun­ge Hans Haa­cke fo­to­gra­fier­te die Be­su­cher und zeigt da­mit, dass die mo­der­ne Kunst schon da­mals nicht mehr den bra­ven Bür­ger er­reich­te. Chris­ti­an Hu­ther

FAR­BEN UND FLÄ­CHEN: „Phan­tom mit ro­ter Fi­gur“heißt die­ses Werk von Wil­li Bau­meis­ter aus dem Jahr 1953. Fo­to: Ar­chiv Bau­meis­ter

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.