Wenn es riecht, ist was faul

Des­in­fi­zie­ren­des Chlor führt in Ver­bin­dung mit viel Harn­stoff zum ty­pi­schen Schwimm­bad­ge­ruch

Pforzheimer Kurier - - WISSENSCHAFT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin San­dra Trau­ner

Frank­furt/Ber­lin. Wenn es im Schwimm­bad stark nach Chlor riecht, ist es dort be­son­ders sau­ber? Falsch. Im Ge­gen­teil. Die Che­mi­ka­lie, die im Ba­de­was­ser Kei­me ab­tö­tet, ist zwar nicht ge­ruch­los. Das ty­pi­sche Schwimm­ba­dO­deur aber ent­steht zu­sam­men mit ei­ner an­de­ren Sub­stanz. „Wenn es stark nach Chlor riecht, heißt das, dass viel Harn­stoff ins Was­ser ein­ge­tra­gen wur­de“, sagt Alex­an­der Kämp­fe, Fach­ge­biets­lei­ter für Schwimm- und Ba­de­be­cken­was­ser beim Um­welt­bun­des­amt (UBA) in Des­sau-Roß­lau. Chlor geht schnell Ver­bin­dun­gen mit an­de­ren Stof­fen ein. Aus dem „frei­en“Chlor und Harn­stoff wird „ge­bun­de­nes“Chlor: zum Bei­spiel Tri­chl­o­ra­min, das sehr stark riecht. Je mehr Harn­stoff, des­to mehr Tri­chl­o­ra­min, des­to mehr Schwimm­bad­ge­ruch. Igitt.

Die rich­ti­ge Do­sis

Chlor dient da­zu, Krank­heits­er­re­ger ab­zu­tö­ten. Stan­dard sind zwi­schen 0,3 und 0,6 Mil­li­gramm pro Li­ter Was­ser. Die rich­ti­ge Do­sis sei ab­hän­gig von ei­ner gan­zen Rei­he von Fak­to­ren, er­klärt Jörg Ros­bach von den Frank­fur­ter Bä­der-Be­trie­ben. Wie ist die Was­ser­qua­li­tät? Wie vie­le Schwim­mer sind im Was­ser? Wie leis­tungs­fä­hig ist die Auf­be­rei­tungs­an­la­ge? Scheint die Son­ne? Chlor baut sich un­ter UV-Strah­lung leich­ter ab. Ein gro­ßer Teil des Harn­stoffs im Ba­de­was­ser stammt vom Urin: von Pi­pi ma­chen­den Klein­kin­dern, in­kon­ti­nen­ten Äl­te­ren oder Schwim­mern, die zu faul sind, zur Toi­let­te zu ge­hen. Ein paar Trop­fen ver­lie­re auch je­de ge­sun­de Bla­se, er­klärt Ros­bach.

Harn­stoff von der Haut

Wei­te­rer Harn­stoff kommt von der Kör­per­ober­flä­che: Er ist ein Haut­be­stand­teil – und wird beim Schwim­men aus­ge­wa­schen. „Ein­mal ins Be­cken pin­keln trägt et­wa sechs Gramm Harn­stoff ins Be­cken ein“, er­klärt Kämp­fe. „Das ent­spricht der Men­ge von fast 40 Ba­den­den, die den Harn­stoff nur über die Haut ein­tra­gen.“Das Um­welt­bun­des­amt hat es aus­ge­rech­net: Pro Ba­de­gast ge­lan­gen durch­schnitt­lich 0,16 Gramm Harn­stoff ins Was­ser.

Gründ­li­ches Du­schen

Wie re­du­ziert man die Be­las­tung? Die wich­tigs­te Re­gel – au­ßer zur Toi­let­te zu ge­hen – lau­tet: vor dem Schwim­men du­schen. „Gründ­li­ches Du­schen ent­fernt 75 bis 97 Pro­zent des Harn­stoffs“, in­for­miert das UBA. Auch bei den Bä­der-Be­trie­ben weiß man das na­tür­lich, aber zwin­gen will man nie­man­den. „Das sind ja Ba­de­gäs­te“, be­tont Ros­bach. Dar­um müs­sen die Bad­be­trei­ber wei­ter­hin das wie­der raus­ho­len, was die Ba­den­den ein­tra­gen. „Je mehr Leu­te da sind, des­to grö­ßer ist die Bio­fracht“, er­klärt Ros­bach. For­scher aus Ka­na­da ha­ben er­rech­net, dass in ei­nem 400 000-Li­terBe­cken 26,5 Li­ter Urin ent­hal­ten sind.

Er­wisch­te Pink­ler

2014 hat­ten US-Wis­sen­schaft­ler ei­ne Me­tho­de da­für vor­ge­stellt, Be­ckenPink­ler in fla­gran­ti zu er­tap­pen: Mit Zink-Io­nen im Was­ser ent­steht aus ei­nem Ne­ben­pro­dukt von Urin und Fä­ka­li­en ein Stoff, der un­ter Schwarz­licht leuch­tet. Die Me­tho­de sei „kon­tro­vers dis­ku­tiert“wor­den, sagt UBA-Ex­per­te Kämp­fe. Man wen­de sie aus ethi­schen Grün­den nicht an – et­wa, um in­kon­ti­nen­te Men­schen, die ih­ren Urin nicht hal­ten kön­nen, nicht zu dis­kri­mi­nie­ren.

Ek­lig – oder auch schäd­lich?

Ist die stin­ken­de Chlor-Harn-Kom­bi denn nur ek­lig – oder auch schäd­lich? „Das kommt auf die Kon­zen­tra­ti­on an und dar­auf, wie emp­find­lich man ist“, sagt Her­mann Jo­sef Kahl, Spre­cher des Bun­des­ver­bands der Kin­der- und Ju­gend­ärz­te. Tri­chl­o­ra­min kön­ne Atem­be­schwer­den her­vor­ru­fen – das kann für Asth­ma­ti­ker ge­fähr­lich sein. Es rei­ze die Au­gen so­wie die Schleim­häu­te in Na­se und Ra­chen. „Chlor ist in Ord­nung“, be­tont der Kin­der­arzt aus Düs­sel­dorf aber, „oh­ne Chlor wä­ren die Ge­fah­ren grö­ßer“. Ge­gen ro­te Au­gen hel­fe ei­ne Schwimm­bril­le und Schleim­haut-Rei­zun­gen gin­gen in der Re­gel wie­der weg. Bä­der-Tech­ni­ker Ros­bach wür­de „be­den­ken­los über­all ba­den“: Die Auf­be­rei­tungs­an­la­gen sei­en heu­te sehr leis­tungs­fä­hig. Und ob ein Bad sei­nen Was­ser­rei­ni­gungs­pflich­ten nach­kom­me, kön­ne der Gast ja ganz leicht er­ken­nen: „Wenn Sie das Schwimm­bad schon im Ein­gang rie­chen, dann ist was faul.“

BELASTUNGSFAKTOR MENSCH: Mit Urin und wei­te­rem Harn­stoff von der Kör­per­ober­flä­che be­las­ten die Ba­de­gäs­te das Schwimm­bad­was­ser. Gründ­li­ches Du­schen und der Gang zur Toi­let­te ver­rin­gern die Bio­fracht, die mit Auf­be­rei­tungs­an­la­gen aus dem Was­ser ge­holt wer­den muss. Chlor und Harn­stoff bil­den das ty­pi­sche Schwimm­bad-Odeur. Fo­to: dpa

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