„Die DDR war ein Un­rechts­staat“

Au­to­rin Bar­ba­ra Gro­ße zu Gast im DDR-Mu­se­um

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ha­rald Bott

Wenn heu­te noch hoch­ran­gi­ge Po­li­ti­ker in der Par­tei „Die Lin­ke“die DDR ver­tei­di­gen und nicht ein­räu­men, dass es ein Un­rechts­statt war, packt Bar­ba­ra Gro­ße die Wut. „Da könn­te ich aus­ras­ten“, sagt sie. „Die DDR war oh­ne je­de Fra­ge ein Un­rechts­staat.“

Die frü­he­re DDR-Bür­ge­rin weiß wo­von sie spricht. Lan­ge Mo­na­te saß sie in der DDR in Haft – täg­lich schi­ka­niert, in dre­cki­gen und über­füll­ten Zel­len. „Das war or­ga­ni­sier­te Grau­sam­keit“, so die Zeit­zeu­gin. „Aber ich war ein ganz nor­ma­ler Mensch, ich hat­te nichts ver­bro­chen.“

Gro­ße war am Sonn­tag­abend im DDR-Mu­se­um zu Gast und las aus ih­rem Buch „Aus der DDR-Dik­ta­tur in die Main­zer Frei­heit“. Seit ih­rer Kind­heit eck­te sie im­mer wie­der mit den Au­to­ri­tä­ten in der DDR an. Sie wur­de christ­lich er­zo­gen, kon­fir­miert und ver­wei­ger­te sich zu­nächst der Mit­glied­schaft im kom­mu­nis­ti­schen Ju­gend­ver­band FDJ (Freie Deut­sche Ju­gend). Sie lern­te Ton­tech­ni­ke­rin, be­kam ei­ne An­stel­lung beim Ra­dio DDR Stu­dio Leipzig und hei­ra­te­te. Mit der Ge­burt ih­rer Toch­ter Cla­si­en im Jahr 1970 wur­de es schwie­rig. Die Be­hör­den woll­ten den Na­men, weil „west­lich“, nicht ak­zep­tie­ren. „Wenn sie ihr Kind so nen­nen, wird es nicht ein­ge­schult“, droh­te man ihr. Rich­tig schwie­rig wur­de es mit der Ge­burt ih­res Soh­nes Mat­thi­as. „Wir woll­ten nicht, dass er in die Si­tua­ti­on kommt, an der deutsch-deut­schen Gren­ze auf Deut­sche schie­ßen zu müs­sen und zum Mör­der wird.“Über 800 Men­schen wur­den in der Zeit des ge­teil­ten Deutsch­lands an der Gren­ze er­schos­sen, be­rich­te­te Gro­ße. „Wer sich in der DDR dem Kriegs­dienst ver­wei­ger­te, der muss­te für zwei­ein­halb Jah­re ins Ge­fäng­nis.“Sie stell­ten ei­nen Aus­rei­se­an­trag. Ein­mal sei sie in ei­nem Ver­hör ge­fragt wor­den, was ihr in der DDR ei­gent­lich nicht pas­se. Sie ant­wor­te­te: „Al­les“. Die DDR war für sie ein Un­rechts­staat. „Es gab kei­ne Rei­se­frei­heit, kei­ne Pres­se- und Ver­samm­lungs­frei­heit. „Wah­len wa­ren ,Zet­tel­fal­ten’“. „Ei­ne Art Volks­zäh­lung“, warf ei­ner der Gäs­te ein. „Der däm­li­che Rest ha­ben wir die DDR im­mer ge­nannt“, re­fe­rier­te Gro­ße. Am 19.1.1983 wur­de sie von der Sta­si ab­ge­holt, von sechs Män­nern und ei­ner Frau. Meh­re­re Mo­na­te saß sie in Un­ter­su­chungs­haft, dann wur­de sie zu 30 Mo­na­ten Haft ver­ur­teilt. Die Hälf­te da­von saß sie im Frau­en­gefäng­nis Ho­hen­eck am Nor­d­rand des Erz­ge­bir­ges ab, be­vor sie vom Wes­ten frei­ge­kauft wur­de. „Es war herr­lich hier an­zu­kom­men“, sag­te sie. „Es roch nach In­ter­shop, wie frisch ge­wa­schen.“Doch noch bis kurz vor dem Mau­er­fall wur­de sie von der Sta­si be­schat­tet, auch im Wes­ten. „Der letz­te Ein­trag der 3 000 Sta­si-Sei­ten war vom 28.10.1989“, las Gro­ße. Das war we­ni­ge Ta­ge be­vor die Mau­er am 9. No­vem­ber 1989 in Ber­lin fiel.

BAR­BA­RA GROSSE hat das Buch „Aus der DDR-Dik­ta­tur in die Main­zer Frei­heit“ge­schrie­ben. Fo­to: Wa­cker

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