76. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Ich ha­be dich ge­hasst und ge­liebt, je­den Tag von da an, aber ich hät­te dir nie­mals so viel Leid zu­fü­gen kön­nen“, ent­geg­ne­te Jo­sé­phi­ne müh­sam, als fi­sche sie die Wor­te aus ei­nem gro­ßen Be­cken voll un­ge­ord­ne­ter Ge­dan­ken und Erinnerungen. „Ich ha­be nie ge­wollt, dass du so lei­dest, wie ich ge­lit­ten ha­be, und ich war zu­gleich furcht­bar wü­tend und glück­lich, als ich dich im Kreuz­gang ge­se­hen ha­be. Du warst ei­ne Vi­si­on. Ei­ne wun­der­ba­re, schreck­li­che Vi­si­on, die mir das Herz ge­bro­chen hat.“Sie sah an die De­cke, wo sie die Er­in­ne­rung an je­nen Tag such­te, an dem die Toch­ter der Ver­gan­gen­heit das Klos­ter be­tre­ten hat­te und ih­re Le­bens­we­ge sich für ei­nen kur­zen, aber schick­sal­haf­ten Mo­ment ge­kreuzt hat­ten.

Elet­t­ra senk­te den Kopf, sie muss­te sich ir­gend­wo fest­hal­ten, wäh­rend die wir­ren und zu­gleich so be­deu­tungs­vol­len Wor­te der Äb­tis­sin in ihr wi­der­hall­ten. Lie­be und Hass hat­ten das Le­ben von Jo­sé­phi­ne und Ed­da be­stimmt. Kei­ne von bei­den war als Sie­ge­rin aus die­sem Kampf her­vor­ge­gan­gen.

„Mut­ter“, flüs­ter­te sie und beug­te sich zu der al­ten Frau hin­ab, fest ent­schlos­sen, sie am Wei­ter­re­den zu hin­dern, doch die be­ach­te­te sie gar nicht, son­dern starr­te wei­ter an die Zim­mer­de­cke wie an ei­ne Lein­wand aus Erinnerungen, die mit für Elet­t­ra un­sicht­ba­ren Bil­dern über­sät war.

„Als ich er­fah­ren ha­be, dass du im Ster­ben liegst, als Isa­bel­le mir ge­sagt hat … Oh mein Gott, ich dach­te, ich müss­te auch ster­ben. Ich woll­te auch ster­ben“, fuhr die Frau nun fort, wäh­rend ihr Trä­nen in die Au­gen tra­ten. Sie sprach gleich­zei­tig zu Ed­da und zu Elet­t­ra, ihr Ver­stand war nicht in der La­ge, die bei­den aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Sie hat­te le­dig­lich das Be­dürf­nis, die so vie­le Jah­re zu­rück­ge­hal­te­nen Wor­te end­lich her­aus­zu­las­sen, selbst ih­re Au­gen, die das wär­men­de Licht der Son­ne schon so lan­ge nicht mehr ge­se­hen hat­ten, woll­ten spre­chen.

Be­ru­hi­gend leg­te Elet­t­ra ihr ei­ne Hand auf den Arm. Der Blick der Äb­tis­sin war schwer von Be­dau­ern, wäh­rend ihr ra­sen­des Herz den gan­zen Kör­per durch­zu­schüt­teln schien. Ihr Schmerz war echt, zer­riss ihr fast die See­le, die Elet­t­ra nur zu ger­ne ge­heilt hät­te, um ih­res und des Frie­dens ih­rer Mut­ter wil­len.

„Mut­ter“, flüs­ter­te sie noch ein­mal, doch die Frau schien sich von ihr zu ent­fer­nen, ver­sank wie­der in ih­rer ei­ge­nen Welt, in der es we­der Far­be noch Zeit gab, wo al­les nur Licht war.

„Frie­den“, wis­per­te die Geist­li­che. Ih­re Er­in­ne­rung war auf Rei­sen ge­gan­gen, zu­rück in ei­ne fer­ne Kind­heit, zu In­sel­pfa­den im Son­nen­schein, zu Ge­heim­nis­sen, zu­ge­raunt wie Zau­ber­for­meln, zu Ta­ge­bü­chern, die nur dar­auf war­te­ten, mit Ge­schich­ten ge­füllt zu wer­den. Un­ter all die­sen Erinnerungen war auch ein Ge­ruch, im­mer der­sel­be, der Duft nach Zi­tro­nen, der sie noch im­mer um­gab. „Es war so schön, abends auf der Ter­ras­se zu lie­gen.

Das Meer hat von dort oben wun­der­voll aus­ge­se­hen“, flüs­ter­te sie und ver­lieh den Bil­dern in ih­rem Geist ei­ne Stim­me. Ver­schwom­me­ne, zeit­lo­se Bil­der von zwei Mäd­chen, die mit ei­nem Korb Zi­tro­nen im Arm so lan­ge über den Strand lie­fen, bis sie au­ßer Atem wa­ren, um sich dann im nas­sen Sand zu wäl­zen und da­bei zu krei­schen und zu la­chen, wäh­rend die Wel­len über den Strand leck­ten und die fröh­lich tän­zeln­den gel­ben Früch­te mit sich aufs Meer hin­aus­tru­gen. Bil­der von Aben­den, an de­nen sich zwei Frau­en am Tisch ge­gen­über­sa­ßen und ein­an­der wort­los an­sa­hen, die Au­gen ge­rö­tet vom Wei­nen – die ein­zi­ge Ant­wort auf das Schwei­gen ih­rer See­len.

„Ed­da“, flüs­ter­te die Äb­tis­sin mit der Stim­me ei­nes klei­nen Mäd­chens und ließ an Elett­ras Brust ih­ren gan­zen Schmerz her­aus. In ih­ren Au­gen spie­gel­te sich das drin­gen­de Be­dürf­nis zu re­den, das Ka­rus­sell der Erinnerungen an­zu­hal­ten und die Wor­te, die noch im­mer in ih­rem Kopf her­um­wir­bel­ten und sie ver­wirr­ten, zu fas­sen zu be­kom­men. „Ich war so dumm, so dick­köp­fig“, sag­te sie und ließ das Gift aus ih­rem nach so lan­ger Zeit be­sänf­tig­ten Her­zen ent­wei­chen. „Oh, Ed­da!“

Plötz­lich fing sie an zu stöh­nen, reck­te die Hän­de und riss Au­gen und Mund weit auf, un­fä­hig, et­was an­de­res von sich zu ge­ben als un­de­fi­nier­ba­re Lau­te. Be­ru­hi­gend strich Elet­t­ra ihr über die Stirn. Jo­sé­phi­ne hat­te ge­ra­de Ed­da ge­se­hen, des­sen war Elet­t­ra sich si­cher. Vor der Freun­din von einst floh die Äb­tis­sin in all ih­ren Vi­sio­nen, eben­so vor dem Gift der Ei­fer­sucht, die das Band zwi­schen ih­nen zer­stört hat­te, ob­gleich sie sich Ed­da sehn­lichst an ih­rer Sei­te wünsch­te.

„Ver­gib ihr.“Die Bit­te war ihr un­ver­se­hens über die Lip­pen ge­kom­men, wie ein Ge­bet, dem sie mit ih­rem vom Schmerz ge­plag­ten Her­zen ei­ne Stim­me ver­lieh. Der Schmerz, den sie auf dem Ge­sicht der Äb­tis­sin sah, war der glei­che Schmerz, der ih­re Mut­ter quäl­te. End­lich war al­les klar. End­lich ver­stand Elet­t­ra den Zu­sam­men­hang all der an­ge­deu­te­ten In­di­zi­en. Es war die Lie­be zwi­schen Ed­da und Jo­sé­phi­ne, die dar­um kämpf­te, die Krus­te des Grolls auf­zu­bre­chen und wie­der an die Ober­flä­che zu kom­men. Die durch ei­ne Zei­t­rei­se Ab­so­lu­ti­on für die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit zu er­lan­gen such­te.

„Ver­gib Ed­da“, wie­der­hol­te sie lei­se. Mit zu­sam­men­ge­press­ten Lip­pen bat sie die Äb­tis­sin im Na­men ih­rer Mut­ter um Ver­ge­bung. Da­für, dass sie nicht ver­stan­den hat­te. Da­für, dass sie zu­ge­las­sen hat­te, dass die Ei­fer­sucht ein hei­li­ges Band zer­stör­te. Da­für, dass sie nicht fä­hig ge­we­sen war, sich für sie zu freu­en.

Ver­ge­bung für ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Lie­be, die im Kreuz­gang die­ses Klos­ters ent­stan­den war.

In dem Mo­ment, als Elet­t­ra den Na­men ih­rer Mut­ter aus­sprach, ent­blöß­te die Äb­tis­sin ihr Hand­ge­lenk und zeig­te ihr ei­ne al­te Nar­be.

„Ed­da, mei­ne Schwes­ter“, flüs­ter­te sie, und Trä­nen ran­nen ihr über die Wan­gen beim Ge­dan­ken an zwei Mäd­chen, die, den Kopf vol­ler Träume, im Som­mer 1940 ei­nen Pakt ge­schlos­sen und ihn mit ih­rem Blut be­sie­gelt hat­ten.

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