Der Ho­ri­zont war weit ge­fasst

Slo­ter­di­jk-Sym­po­si­on im ZKM Karls­ru­he

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Füch­se, die durch Groß­städ­te schnü­ren, Shy­lock, der für sein Dar­le­hen ein Pfund Men­schen­fleisch for­dert, ein Wüs­ten­staat, der Sand im­por­tiert: Bei dem Sym­po­si­um, das am Wo­che­n­en­de an­läss­lich des heu­ti­gen 70. Ge­burts­tags von Peter Slo­ter­di­jk im Karls­ru­her Zen­trum für Kunst und Me­di­en (ZKM) statt­fand, war der Ho­ri­zont weit ge­fasst. Das al­lein kam ei­nem State­ment gleich. War doch ei­ner der geis­ti­gen Vor­läu­fer Slo­ter­di­jks der Phi­lo­soph Mar­tin Hei­deg­ger. Der aber steht, räum­lich ge­se­hen, für Hüt­te und Hei­mat. Sein Blick­feld ist der klei­ne, be­schau­li­che Ra­di­us, wie er sich vom Kirch­turm sei­ner Ge­burts­stadt bie­tet. Peter Traw­ny, Lei­ter des Mar­tin-Hei­deg­ger-In­sti­tuts der Ber­gi­schen Uni­ver­si­tät Wup­per­tal, zeich­ne­te nach, wie sehr Hei­deg­gers Den­ken durch sei­ne Ju­gend in dem da­mals, En­de des 19. Jahr­hun­derts, rund 2 000 Ein­woh­ner zäh­len­den Städt­chen Meß­kirch ge­prägt war. Spä­ter tra­ten noch Frei­burg als Ort sei­ner uni­ver­si­tä­ren Leh­re und Todt­nau­berg als sein Re­fu­gi­um hin­zu. Ge­mein­sam bil­de­ten sie ein Drei­eck, in dem sich der schwarz­wald­af­fi­ne Ober­schwa­be nicht zu­letzt ge­dank­lich be­weg­te.

Traw­ny ging es un­ter dem Stich­wort „Au­to­to­po­gra­phi­en“dar­um, ei­nen Zu­sam­men­hang auf­zu­zei­gen zwi­schen Le­ben und Den­ken ei­nes Phi­lo­so­phen ei­ner­seits und den Ge­gen­den, in de­nen sich bei­des voll­zieht, an­de­rer­seits; er stell­te al­so ei­ne Ver­bin­dung her zwi­schen To­po­gra­phie und Au­to­bio­gra­phie. Es wä­re in­ter­es­sant ge­we­sen, Traw­nys The­se an Im­ma­nu­el Kant zu über­prü­fen, der zeit­le­bens nicht aus Kö­nigs­berg her­aus­kam und doch ein sehr welt­of­fe­nes Den­ken ent­wi­ckel­te. Aber im Mit­tel­punkt des Ge­lehr­ten­tref­fens stand ja Slo­ter­di­jk, und der hat sich nun ein­mal we­ni­ger auf Kant, da­für um­so häu­fi­ger auf Hei­deg­ger be­zo­gen – in ei­nem Ma­ße, dass ihn sein spa­ni­scher Über­set­zer Isi­do­ro Re­gue­ra ge­gen En­de ei­nes freund­schaft­lich-in­for­ma­ti­ven Vor­trags im ZKM an­reg­te, er sol­le mehr auf den kla­ren Lud­wig Witt­gen­stein statt auf den, wie er sag­te, „ob­sku­ren“Hei­deg­ger bau­en.

Er sprach da­mit wo­mög­lich der Karls­ru­her Kul­tur­re­fe­ren­tin Su­san­ne Asche aus dem Her­zen, die zum Ta­gungs­auf­takt an­hand der Le­bens­we­ge zwei­er jü­di­scher Frau­en den Ho­lo­caust in Er­in­ne­rung ge­ru­fen und mit Be­zug auf Han­nah Arendt die pro­ble­ma­ti­sche Nä­he des Frei­bur­ger Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­wähnt hat­te. Peter Traw­ny ging auf die­sen Aspekt nicht wei­ter ein. Da­für ar­bei­te­te er die Dif­fe­ren­zen zwi­schen Hei­deg­ger und Slo­ter­di­jk her­aus. Als ei­nen Punkt nann­te er et­wa die Iro­nie: Hei­deg­ger war ihr gänz­lich ab­hold, bei Slo­ter­di­jk ist sie we­sent­li­ches In­gre­di­enz sei­ner Schrif­ten. Und wäh­rend der Au­tor von „Sein und Zeit“(1927) in ei­nem „Spie­gel“-In­ter­view (das erst nach sei­nem Tod 1976 ver­öf­fent­licht wer­den durf­te) ge­gen die Ge­fah­ren des mo­der­nen tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts me­ta­phy­si­sche Kräf­te be­schwor („Nur noch ein Gott kann uns ret­ten“), so setzt Slo­ter­di­jk auf die Prag­ma­tik mensch­li­cher Ein­sichts­und Hand­lungs­fä­hig­keit. In sei­nem Werk „Du mußt dein Le­ben än­dern“(2009) ap­pel­liert er an die zi­vi­li­sa­to­ri­schen Kräf­te ei­nes je­den ein­zel­nen und dar­an „in täg­li­chen Übun­gen die gu­ten Ge­wohn­hei­ten ge­mein­sa­men Über­le­bens an­zu­neh­men.“

Die Sor­ge um die Zu­kunft der Welt, sprich: des Le­bens auf der Er­de, wird al­so nicht an ein hö­he­res We­sen de­le­giert, son­dern den Be­woh­nern des Pla­ne­ten als Pflicht auf­er­legt. Auf de­ren Dring­lich­keit mach­ten Sir Ni­gel Thrift und Wer­ner So­bek auf­merk­sam. Thrift, ei­ner der welt­weit füh­ren­den Hu­man­geo­gra­fen und der­zeit Exe­cu­ti­ve Di­rec­tor der Schwarz­man Scho­lars (New York/Pe­king), ver­wies nicht nur dar­auf, dass dem­nächst et­wa 70 Pro­zent der Erd­be­völ­ke­rung in Städ­ten, zu­meist Me­ga­ci­tys, le­ben wer­den, son­dern er pro­ble­ma­ti­sier­te auch das Ver­hält­nis der Stadt­be­woh­ner zu den Tie­ren, wo­bei er drei Ka­te­go­ri­en un­ter­schied: 1. Wild­tie­re (et­wa Füch­se). 2. Haus­tie­re wie Hun­de oder Kat­zen, die Men­schen als Le­bens­part­ner die­nen und be­reits ei­nen er­heb­li­chen Wirt­schafts­fak­tor dar­stel­len. 3. Nutz­tie­re wie Hüh­ner, die zum „ul­ti­ma­ti­ven In­dus­trie­tier“ge­wor­den sind. Sein Plä­doy­er für ein Um­den­ken fand Er­gän­zung in den Be­mer­kun­gen So­beks in Sa­chen Ar­chi­tek­tur der Zu­kunft.

Wie wird das Den­ken von der Um­ge­bung ge­prägt?

Der Lei­ter des In­sti­tuts für Leicht­bau, Ent­wer­fen und Kon­stru­ie­ren an der Uni­ver­si­tät Stuttgart wid­me­te sich schwer­punkt­mä­ßig dem Ver­brauch an Bau­stof­fen und sei­nen öko­lo­gi­schen Fol­gen – un­ter an­de­rem am Bei­spiel Ka­tar, das für sei­ne ehr­gei­zi­gen Bau­pro­jek­te Sand im­por­tie­ren muss, weil Wüs­ten­sand durch die Win­de­ro­si­on zu glatt ge­schlif­fen ist und sich von da­her nicht zur Her­stel­lung von Be­ton eig­net.

An­ge­sichts sol­cher Sze­na­ri­en war es nur zu ver­ständ­lich, dass Sjo­erd van Tui­nen von der Eras­mus Uni­ver­si­tät Rot­ter­dam am En­de sei­nes lu­zi­den Bei­trags Karl Pop­per mit dem Satz zi­tier­te „Op­ti­mis­mus ist Pflicht“, denn oh­ne Op­ti­mis­mus kön­ne man kei­ne Ver­ant­wor­tung über­neh­men – we­der für die Spra­che, noch für die Welt und nicht ein­mal für sich selbst. Wo­bei der Theo­re­ti­ker Hei­ner Mühl­mann in ei­ner er­schre­cken­den Ana­ly­se auf Ba­sis von Slo­ter­di­jks Schäu­me-Mo­dell die de­struk­ti­ve Sei­te mensch­li­chen Han­delns ins Blick­feld ge­rückt hat­te. Eu­ro­pas Er­fol­ge, so Mühl­mann, grün­den in der Waf­fen­tech­nik, de­ren blu­ti­ge Ef­fi­zi­enz in fort­wäh­ren­den in­ner­eu­ro­päi­schen Kon­flik­ten im­mer wie­der neu „ge­tes­tet“ wur­de. In die­sen Zu­sam­men­hang pass­te auch das Re­fe­rat von Efraín Kris­tal. Der Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia, Los An­ge­les (UCLA), nahm Slo­ter­di­jks Be­mer­kun­gen zu Wil­li­am Sha­ke­speares „Kauf­mann von Ve­ne­dig“und des töd­li­chen Aus­gang zum An­lass, auf die Thy­mos-Theo­rie des Phi­lo­so­phen­ein­zu­ge­hen.

Micha­el Mön­nin­ger, Braun­schweig, und Sieg­fried Mau­ser, Mün­chen, nä­her­ten sich in ih­ren Vor­trä­gen dem Ver­hält­nis zum Raum und zur Mu­sik im Werk des Karls­ru­hers an, wo­bei es Mön­nin­ger vor­be­hal­ten blieb, auf die „Glücks­hyp­no­se“hin­zu­wei­sen, die der mensch­li­che Fö­tus im Klang­raum Mut­ter­leib er­lebt – in ei­nem Zu­stand, der dem Mot­to des Sym­po­si­ums ent­spricht. Ist doch auch das Un­ge­bo­re­ne in Er­war­tung „Von Mor­gen­rö­ten, die noch nicht ge­leuch­tet ha­ben“. Micha­el Hübl

DEM WERK PETER SLO­TER­DI­JKS GE­WID­MET war ein drei­tä­gi­ges Sym­po­si­on im ZKM Karls­ru­he an­läss­lich des heu­ti­gen 70. Ge­burts­tags des in­ter­na­tio­nal be­deu­ten­den Phi­lo­so­phen. Fo­to: Micha­el M. Roth

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