Hir­sche zwi­schen Ho­ckern und Gur­kenglas

Re­cher­che­stück „In­schrift Hei­mat“als Bei­trag des Ba­di­schen Staats­thea­ters Karls­ru­he zu den Hei­mat­ta­gen

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

„Erst Rück­sei­te le­sen, dann Hirsch bas­teln!“Ein Hin­weis für Ei­li­ge auf dem Pro­gramm­heft, das als Aus­schnei­de­bo­gen ge­stal­tet ist. Mit dem Hirsch, Kli­schee schlecht­hin ei­nes an Land­schaft und Brauch­tum ge­bun­de­nen Hei­mat­be­griffs, spiel­te das Pro­jekt „In­schrift Hei­mat“des Ba­di­schen Staats­thea­ters von An­fang an: Ein röh­ren­der Hirsch aus dem Fun­dus be­glei­te­te ein Team der Spar­te Volks­thea­ter im Ok­to­ber 2016 zum Wer­der­platz in der Süd­stadt, der ers­ten Sta­ti­on ei­ner Re­cher­cher­ei­se durch Karls­ru­he. Und er ist auch in dem nun im Gro­ßen Haus ur­auf­ge­führ­ten Stück prä­sent. Mit weiß glän­zen­den Hir­sch­mas­ken emp­fan­gen die Darstel­ler die Zu­schau­er auf der Büh­ne, wo die Sta­tio­nen der Rei­se durch Karls­ru­he, wie­der­ge­ge­ben in be­weg­li­chen Büh­nen­bild­ele­men­ten, zu­nächst von Na­hem zu be­trach­ten sind.

Ei­ne Land­schaft aus gel­ben Ho­ckern steht für den Wer­der­platz, ein rie­si­ges Gur­kenglas für den Ju­li­us-Le­ber-Platz in Ober­reut, ein Hoch­sitz für den Al­ten Schlacht­hof in der Ost­stadt, ei­ne Py­ra­mi­de aus Pflanz­bee­ten für den Schloss­platz in Dur­lach, ein blau­es Kir­chen­ge­bäu­de für die Wal­dens­er­kir­che in Palm­bach. Die Ele­men­te grei­fen Mo­ti­ve aus Ge­sprä­chen mit Men­schen an den ein­zel­nen Sta­tio­nen auf – so spra­chen die An­woh­ner in Ober­reut viel von hei­mi­schen Ge­rich­ten. Hei­mat als sinn­li­che Er­fah­rung, als Wahr­neh­mung von Lich­tern, Ge­räu­schen, Ge­rü­chen und Ge­schmä­ckern, von Mu­sik oder von laut­los fal­len­dem Schnee kehrt im­mer wie­der im Text von „In­schrift Hei­mat“, den Chris­to­pher Krie­se auf der Ba­sis der an­ony­mi­sier­ten In­ter­views ver­fasst hat.

Ist Hei­mat an ei­nen Ort ge­bun­den, an mu­sea­le Ob­jek­te, an Pflan­zen, Tie­re oder viel­mehr an Men­schen? Lässt sich Hei­mat ein­pa­cken und mit­neh­men? Was be­deu­tet Hei­mat für Ge­flüch­te­te? Die Re­gis­seu­re Bea­ta An­na Schmutz und Eric Ni­ko­dym las­sen das Pu­bli­kum in ein wah­res Kalei­do­skop von Hei­mat­be­grif­fen bli­cken: bunt, wech­selnd, mehr­fach ge­spie­gelt, ver­an­schau­licht durch ei­ne kom­ple­xe Cho­reo­gra­fie, in der Dreh­be­we­gun­gen do­mi­nie­ren.

Für das Büh­nen­bild, das sich zwi­schen sch­lich­ter Sym­bo­lik und rausch­haf­ter Jahr­marktat­mo­sphä­re be­wegt, zeich­nen Su­san­ne Hil­ler und Ni­co­las Rauch ver­ant­wort­lich, eben­so wie für die Ko­s­tü­me, die his­to­ri­sche Kom­po­nen­ten und Trach­ten­ele­men­te mit Tüll und Glim­mer kom­bi­nie­ren. Der deutsch-ja­pa­ni­sche Chor Karls­ru­he „Der Flü­gel“be­rei­chert die Pro­duk­ti­on mit fei­nen Klän­gen. Die 29 Darstel­ler, Bür­ge­rin­nen und Bür­ger aus Karls­ru­he, sind mit viel En­ga­ge­ment da­bei, ge­ben kri­ti­sche Fra­gen wie­der (et­wa ob sich Men­schen nicht bes­ser ken­nen­ler­nen wür­den, wenn sie sich nicht so­fort geo­gra­fisch zu­zu­ord­nen ver­such­ten), aber auch ver­stö­ren­de Stamm­tisch­pa­ro­len, die nach Ab­gren­zung schrei­en. Ei­ne iro­ni­sche Pas­sa­ge hin­ter­fragt die Au­then­ti­zi­tät des Thea­ters mit Lai­en, um sich dann von der Fra­ge selbst zu dis­tan­zie­ren. „Aber dar­um geht es ja gar nicht.“

Der Be­griff Hei­mat ist, wie das Stück zeigt, schwer zu fas­sen – um­so span­nen­der ist es, sich da­mit zu be­schäf­ti­gen. Nach der Pre­mie­re von „In­schrift Hei­mat“wür­dig­te Karls­ru­hes Ober­bür­ger­meis­ter Frank Men­trup das Pro­jekt als „ech­ten Hö­he­punkt“der Hei­mat­ta­ge 2017. Si­byl­le Or­gel­din­ger

Ter­min

Wei­te­re Vor­stel­lung: 13. Ju­li, 20 Uhr; Wie­der­auf­nah­me in der Spiel­zeit 2017/ 18. www.staats­thea­ter.karls­ru­he.de

EN­GA­GIER­TES BÜRGERENSEMBLE: An­ne-Gaë­le Wul­kow, Mar­cel See­kir­cher, Kat­ha­ri­na Wolf in ei­ner Sze­ne des Stücks „In­schrift Hei­mat“, das auf In­ter­views aus dem Karls­ru­her Stadt­raum ba­siert. Fo­to: Grün­schloß

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