Die Da­ckel er­obern Ber­lin

Ein Hund für Spie­ßer? Nein! El­la ist die Kö­ni­gin ei­ner hip­pen Kn­ei­pe

Pforzheimer Kurier - - SPEKTRUM -

Ber­lin. Wer hier re­giert, ist auf den ers­ten Blick klar: Bil­der von El­la hän­gen über­all. Drau­ßen am Ein­gang, auf der Krei­de­ta­fel mit den Ge­trän­ken und in ge­rahm­ten Por­traits an der Wand. Da­ckel El­la ist die Kö­ni­gin, die Kn­ei­pe „Posh Te­ckel“ihr Reich. Im hip­pen Ber­lin-Kreuz­berg ge­hö­ren Hun­de nicht nur zum Stadt­bild, son­dern auch zum links-al­ter­na­ti­ven Le­bens­ent­wurf vie­ler Leu­te. Aber Da­ckel?

Da gab es Wal­di, das Mas­kott­chen der Olym­pi­schen Spie­le von Mün­chen 1972. Da gab es die Come­dy-Se­rie „Haus­meis­ter Krau­se“mit dem mi­li­tä­risch or­ga­ni­sier­ten Da­ckel-Club. Da gibt es schnauz­bär­ti­ge Filz­hut­trä­ger mit dem Dachs­hund an der Lei­ne. Der Da­ckel ist out. Oder? Ganz und gar nicht. Je­den Mo­nat tref­fen sich Da­ckel­be­sit­zer aus Ber­lin vor dem „Posh Te­ckel“und zie­hen ge­mein­sam los in ei­nen na­he ge­le­ge­nen Park. Bis zu 30 Tie­re sind dann ge­mein­sam un­ter­wegs. „Die Rü­den plär­ren die gan­ze Stra­ße zu­sam­men“, be­rich­tet Bernd Eh­nes.

Eh­nes, ein hoch­auf­ge­schlos­se­ner 38-Jäh­ri­ger, ist in Nürnberg auf­ge­wach­sen, kommt aus der Mu­sik­bran­che und be­treibt ge­mein­sam mit sei­ner vier Jah­re äl­te­ren Le­bens­ge­fähr­tin Ju­dith Sch­mitt das „Posh Te­ckel“– ei­ne Kn­ei­pe nach eng­li­schem Vor­bild, in der vor al­lem Brit­pop ge­spielt wird. Die Bar liegt in der Nä­he des Land­wehr­ka­nals im Ber­li­ner Be­zirk Neu­kölln, di­rekt an der Gren­ze zu Kreuz­berg. Te­ckel ist ein nord­deut­sches Syn­onym für Da­ckel, posh heißt auf Eng­lisch so viel wie schick. Im „Posh Te­ckel“sind Da­ckel all­ge­gen­wär­tig. Als Lam­pe, Bank, Fi­gür­chen oder Fla­schen­stöp­sel. Zu sei­nem Ge­burts­tag hat Eh­nes wie­der neue Da­ckel-Ac­ces­soires ge­schenkt be­kom­men. Zum Bei­spiel ein höl­zer­nes Ding, bei dem nicht ganz klar ist, ob es ein Aschen­be­cher sein soll oder ein Ker­zen­stän­der. Mas­kott­chen und Aus­hän­ge­schild der Kn­ei­pe ist El­la, der Pfle­ge­hund von Eh­nes und Sch­mitt. Das zehn Jah­re al­te Da­ckel­weib­chen hat ihr Körb­chen un­ter dem Tre­sen. An ru­hi­gen Aben­den oder wenn an­de­re Da­ckel zu Be­such sind, ist El­la im Gast­raum, zu­meist aber in der Woh­nung von Eh­nes und Sch­mitt gleich über der Bar.

El­la ist nicht al­lein. Vor et­wa ein­ein­halb Jah­ren leg­ten Stamm­gäs­te der Kn­ei­pe zu­sam­men und schenk­ten dem Paar ei­nen zwei­ten Da­ckel, Bon­nie. Mit Bon­nie be­gan­nen die mo­nat­li­chen Da­ckel-Tref­fen, zu­nächst ka­men sechs oder sie­ben Hun­de. Als sich der Treff her­um­sprach und in der Pres­se auf­tauch­te, wuchs die Grup­pe wei­ter und wei­ter. Ob auch die Zahl der Da­ckel in Ber­lin steigt, will Bernd Eh­nes nicht ein­schät­zen. „Wir sind jetzt ei­ne An­lauf­stel­le“, sagt er nur schul­ter­zu­ckend.

Tat­säch­lich sind die Ge­bur­ten­zah­len der Da­ckel seit Jah­ren sta­bil, nach dem Schä­fer­hund liegt der Dachs­hund in die­ser Sta­tis­tik auf Rang zwei der Zucht­hun­de in Deutsch­land. Ge­zählt wer­den nur Da­ckel von Züch­tern, die dem Deut­schen Te­ckel­klub 1888 an­ge­hö­ren. Des­sen Ge­schäfts­füh­rer Jan Schü­rings er­kennt ein In­diz für den Trend: Die Wel­pen­zah­len sind in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren ge­stie­gen. Klei­ne Hun­de kom­men in Städ­ten an, sie pas­sen zum Li­fe­style: Ein biss­chen ei­gen­wil­lig, aber freund­lich und fröh­lich. Doch Bernd Eh­nes sagt: „Wir wol­len nicht da­für ver­ant­wort­lich sein, dass Hips­ter sich ei­nen Da­ckel kau­fen.“Sei­ne Freun­din Ju­dith Sch­mitt er­gänzt: „Hun­de sind kein Ac­ces­soire, Jagd­hun­de schon gar nicht.“Da­ckel gel­ten als ei­gen­sin­nig und schwie­rig in der Er­zie­hung. Kein Wun­der: Sie sind für die Jagd im Dachs­bau ge­züch­tet und müs­sen dort an­ders als Hun­de an­de­rer Ras­sen vie­le Ent­schei­dun­gen ei­gen­stän­dig tref­fen. „Der Hips­ter wird da­mit nicht glück­lich wer­den“, sagt Eh­nes und er­gänzt: „Der Da­ckel macht, was du möch­test – wenn er Bock drauf hat.“Te­ckel­klub-Ge­schäfts­füh­rer Jan Schü­rings re­la­ti­viert das, zu­min­dest ein biss­chen: „Al­le Hun­de brau­chen Kon­se­quenz. Dem Da­ckel muss man es viel­leicht ein klein we­nig deut­li­cher sa­gen.“Se­bas­ti­an Mayr

„Die Rü­den plär­ren die gan­ze Stra­ße zu­sam­men“ „Hun­de sind kein Ac­ces­soire“

KULTIG: In der Ber­li­ner Kn­ei­pe „Posh Te­ckel“sind Da­ckel all­ge­gen­wär­tig – ob als Lam­pe, Bank, Fi­gür­chen oder Fla­schen­stöp­sel. Ein­mal im Mo­nat gibt es auch ein Da­ckel­tref­fen. Fo­to: Mayr

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.