81. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - Fort­set­zung folgt

Elet­t­ra saß zwar an sei­ner Sei­te, doch so­bald er auch nur ver­such­te, sie zu be­rüh­ren, wür­de sie wie­der ver­schwin­den.

„So ei­ni­ge Din­ge sind nicht gut für mich, aber es wird be­stimmt nicht bes­ser, wenn ich hier rum­hän­ge“, pro­tes­tier­te er.

Sie ver­zog kei­ne Mie­ne. „Kei­ne Angst, ein ver­stauch­ter Fuß ist kein Welt­un­ter­gang. Das ist bald wie­der in Ord­nung.“

„Scha­de nur, dass ich nicht so viel Zeit ha­be. Vin­cent gibt nicht auf, auch wenn er sich mo­men­tan nicht bli­cken lässt. Wenn der Mist­kerl et­was ahnt und ich mit den Ar­bei­ten nicht wie ge­plant vor­an­kom­me, wird er uns übel mit­spie­len. Wenn sich dann auch noch mein Va­ter ein­mischt, kannst du dir si­cher sein, dass sie sich erst recht be­ei­len wer­den“, füg­te er hin­zu. „Es ist schon ein Wun­der, dass sie bis­her noch kei­nen Gut­ach­ter her­ge­schickt ha­ben, der be­stä­tigt, wie bau­fäl­lig das Klos­ter ist, aber das ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit.“Er warf ei­nen Blick auf die Un­ord­nung im Zim­mer, auf die zu Bo­den ge­rutsch­ten De­cken und die auf der frei­en Bett­sei­te ver­streu­ten CDs, dann streck­te er sich nach dem Fuß­bo­den, um ein paar Blät­ter auf­zu­sam­meln.

„Ich hab dir was zu es­sen ge­bracht. Nichts Be­son­de­res, aber es wird hof­fent­lich dei­ne Stim­mung he­ben.“

„Da­für bräuch­te es schon ein Wun­der.“So sehr er es auch woll­te, er konn­te nicht auf­hö­ren, sie zu pro­vo­zie­ren. Elet­t­ra hat­te ihn ver­letzt, und trotz­dem saß sie da, als sei nichts pas­siert, und brach­te ihm Es­sen wie ei­ne wohl­mei­nen­de Nach­ba­rin.

Elet­t­ra ging in die Kü­che, um die Sup­pe und Ge­schirr zu ho­len. Sie rich­te­te al­les auf ei­nem Ta­blett an und hob dann den De­ckel vom Topf. So­gleich ver­ström­te der In­halt sei­nen wei­chen, sam­ti­gen Duft nach ein­ge­koch­tem Ge­mü­se. „Hier, bit­te. Ich hof­fe, sie ist nicht zu sal­zig“, füg­te sie hin­zu und zwang sich zu ei­nem Lä­cheln.

Dann setz­te sie sich ne­ben ihn und sah ihm zu, wie er schwei­gend sein Abend­es­sen ver­zehr­te. Da­bei hob er den Kopf kein ein­zi­ges Mal von sei­nem Tel­ler, und sie wag­te es nicht, sei­nen Blick zu su­chen.

Um die Zeit zu fül­len, goss sie sich Was­ser ein, doch statt zu trin­ken, dreh­te sie das Glas nur hin und her. Schwei­gen war für sie zur Ge­wohn­heit ge­wor­den. Im letz­ten Jahr hat­te sie un­zäh­li­ge Nach­mit­ta­ge an Ed­das Bett ver­bracht, das Ver­rin­nen der Zeit nur vom ste­ti­gen Tröp­feln der Infu­si­on mar­kiert, das an je­de ge­leb­te und ver­lo­re­ne Mi­nu­te, je­den aus Stolz ver­schwen­de­ten Tag er­in­ner­te. „Ist al­les in Ord­nung?“Er frag­te sie min­des­tens vier­mal, aber Elet­t­ra ant­wor­te­te ihm nicht. Isa­bel­les Wor­te gin­gen ihr nicht aus dem Kopf, und auch die Mar­mor­in­schrift quäl­te sie wie­der. Viel­leicht hat­ten sie recht, Isabelle und Mar­te, mit ih­rem blin­den Ver­trau­en in die Lie­be. Es hat­te kei­nen Sinn, ge­gen die Ver­gan­gen­heit an­zu­kämp­fen, das war nicht ihr Le­ben. Sie muss­te end­lich auf­hö­ren, un­ter dem Ein­fluss ih­rer Mut­ter zu le­ben.

„Adri­an“, flüs­ter­te sie nach lan­gem Schwei­gen müh­sam. Sie hob die Hand, um sein Ge­sicht zu be­rüh­ren, und in ih­ren Au­gen lag die Sanft­mut, die sie sich bis­her ver­sagt hat­te. Ihr Blick ver­riet ihm, was die Wor­te, die ihr im Hals ste­cken ge­blie­ben wa­ren, nicht zu sa­gen ver­moch­ten.

Wahr­hei­ten, die Adri­an ahn­te, als er sich zu ihr beug­te, auf der Su­che nach Haut­kon­takt. „Elet­t­ra, ich …“, flüs­ter­te er.

Doch ih­re Lip­pen brach­ten ihn zum Schwei­gen, und ih­re war­me Hand zog ihn an sich.

Ein tie­fer Kuss, vol­ler Le­ben, vol­ler Be­deu­tung, vol­ler Ängs­te, die all­mäh­lich schwan­den. So­fort schmieg­ten ih­re Kör­per sich in ei­ner in­stink­ti­ven Umar­mung an­ein­an­der, ver­lang­ten nach je­nen Be­rüh­run­gen, die sie schon so lan­ge her­bei­ge­sehnt hat­ten, wäh­rend ih­re Lip­pen an de­nen des an­de­ren ih­ren Durst still­ten, in ei­nem Pakt, der für im­mer mit der Ver­gan­gen­heit brach.

Elet­t­ra spür­te, wie ihr Kör­per un­ter Adrians Hän­den er­beb­te, wie ihr im­mer neue Schauer über die Haut lie­fen und ihr Atem ging schnel­ler.

„Je­des Mal, wenn ich dein Ge­sicht in den St­ein ge­hau­en ha­be, stell­te ich mir vor, dass ich dich be­rüh­re, wie es sein wür­de, dich an mich zu drü­cken, dei­ne Haut zu strei­cheln, aber es jetzt wirk­lich zu tun und dich zu spü­ren, ist ganz et­was an­de­res“, flüs­ter­te er. „Du bist bes­ser als je­des Kunst­werk, das ich mir je aus­ge­dacht ha­be.“Sei­ne Hand wan­der­te lang­sam un­ter Elett­ras Blu­se, ver­schmolz mit ih­rer glü­hen­den Haut, doch just als er sie auf sich zie­hen woll­te, wur­de die Haus­tür auf­ge­ris­sen.

So­fort er­füll­te ei­si­ge Luft das Zim­mer. Der Wind fuhr durch ih­re Klei­der und trenn­te sie.

„Was zum Teu­fel ist hier los?“Adri­an sprang auf, doch nach nur ei­nem Schritt be­gann sich der Raum um ihn zu dre­hen, und er ließ sich so­fort wie­der aufs Bett sin­ken, ei­ne Hand ge­gen die Stirn ge­presst, um das Ka­rus­sell in sei­nem Kopf an­zu­hal­ten.

Elet­t­ra tas­te­te nach dem Licht­schal­ter ne­ben der Tür, und als die Glüh­bir­ne den Flur er­hell­te, setz­te ihr Herz für ei­nen Schlag aus. Mit­ten im Flur, zwi­schen den kalk­wei­ßen Wän­den, stand Lea, mit ver­stör­tem Blick und Pa­nik in den Au­gen. Die dün­nen Bei­ne, die un­ter dem mit Er­de be­schmutz­ten Kleid her­vor­lug­ten, zit­ter­ten wie Espen­laub. Sie at­me­te schwer, als wür­den die Wor­te sie er­sti­cken.

Reg­los und mit an­ge­hal­te­nem Atem blieb Elet­t­ra ste­hen, da füll­ten sich die Au­gen ih­rer Schwes­ter mit Trä­nen. „Mei­ne Mut­ter“, flüs­ter­te sie. „Dei­ne Mut­ter?“, wie­der­hol­te Adri­an, sicht­bar über­rascht, wor­auf­hin Elet­t­ra ei­ne Hand nach der sei­nen aus­streck­te und sie fest drück­te.

„Was ist mit Jo­sé­phi­ne?“, frag­te sie.

„Sie ist ge­ra­de ins Ko­ma ge­fal­len“, sag­te Lea, dann schlug sie die Hän­de vors Ge­sicht und be­gann halt­los zu schluch­zen.

Elet­t­ra ball­te die Hän­de zu Fäus­ten und schloss die Au­gen.

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