Den Blick ge­öff­net für ge­bau­te Schmuck­stü­cke

Am Tag der Ar­chi­tek­tur ge­hen ge­la­de­ne Gäs­te auf Zei­t­rei­se zu be­deu­ten­den Bau­ten der 50er-Jah­re

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Birgit Metz­baur

Pforz­heim kann auch mit Schmuck­stü­cken glän­zen, die nicht aus Gold, Sil­ber oder Edel­stei­nen sind. Mit der Rund­fahrt am Tag der Ar­chi­tek­tur am Sams­tag woll­te der Vor­sit­zen­de der Ar­chi­tek­ten­kam­mer Pforz­heim, Hans Göz, im Jahr des Ju­bi­lä­ums der Gold­stadt den Blick der Be­su­cher für ge­bau­te Schmuck­stü­cke öff­nen. „Schmuck und Uh­ren“war der ro­te Fa­den.

Im Bus ging die Fahrt von der Aus­bil­dungs­stät­te über Pro­duk­tio­nen und Ver­sand­han­del bis hin zum Mu­se­um auf ei­ne klei­ne Zei­t­rei­se zur Ar­chi­tek­tur der 50er- und 60er-Jah­re. Vor Ort öff­ne­te Kunst­his­to­ri­ke­rin Tan­ja So­lom­bri­no die Au­gen für De­tails. Ein Hö­he­punkt war ein Blick in die Emp­fangs­hal­le des Ver­wal­tungs­ge­bäu­des von Ba­der. 1929 ge­grün­det, ver­trieb das Ver­sand­haus an­fangs nur Ar­ti­kel der Pforz­hei­mer In­dus­trie: Schmuck, Uh­ren, Ta­fel­be­steck. Nach der Zer­stö­rung der Stadt fing Ba­der 1945 mit zwölf Mit­ar­bei­tern neu an. 1949 wur­de das Sor­ti­ment er­wei­tert, 1977 zähl­te das Haus zu den zehn be­deu­tends­ten Ver­sand­häu­sern Deutsch­lands. 1956 wur­de das drei­stö­cki­ge, schub­la­den­ge­schos­si­ge Ver­wal­tungs­ge­bäu­de an der Ma­xi­mi­li­an­stra­ße nach Plä­nen von Eber­hard Geiss er­rich­tet.

Gold elo­xier­te Alu­mi­ni­um­pro­fi­le rah­men die groß­zü­gi­gen Fens­ter des zu­rück­ge­setz­ten Ein­gangs­be­reichs ein und öff­nen das Ge­bäu­de zur Stra­ße. „Licht, Luft und Son­ne für al­le war ein Merk­mal der 50er-Jah­re-Bau­ten“eben­so wie die durch die Fens­ter­an­ord­nung ent­ste­hen­de Ras­ter­fas­sa­de und die trans­pa­ren­te Gestal­tung, die op­tisch ge­gen die his­to­ri­schen Bau­for­men des to­ta­li­tä­ren Re­gimes der Kriegs­jah­re an­kämpf­ten, er­klär­te So­lom­bri­no. Die dop­pel­flü­ge­li­ge Tür greift den gol­de­nen Farb­ton auf, der sich auch in den Mo­sa­ik­stei­nen der Wand­ge­stal­tung wie­der­holt. In der Emp­fangs­hal­le be­fin­det sich ei­ne der best­er­hal­te­nen Ori­gi­nal­ein­rich­tun­gen aus den 50er-Jah­ren. Ed­ler Fuß­bo­den in Schach­brett­mus­ter, ei­ne Wen­del­trep­pe mit Glas­flü­geln am Ge­län­der und ei­nem Li­n­ole­um­be­lag, der Schrit­te dämpft und so für ein Schwe­be­ge­fühl beim Run­ter­stei­gen sorgt. Ein Wand­mo­sa­ik mit was­ser­spei­en­den Fi­schen und klei­nem Brun­nen­be­cken. Tü­ten­lam­pen und nie­ren­för­mi­ge Tür­grif­fe kom­plet­tie­ren den Ein­druck von der Lie­be zum De­tail.

Ein Bei­spiel für Ob­jek­te, de­ren Aus­se­hen im Lau­fe der Jah­re durch den Struk­tur­wan­del und die dar­aus fol­gen­de Nut­zungs­än­de­rung ge­lit­ten ha­ben, ist PUW (Pforz­hei­mer Uh­ren­roh­wer­ke) in der Ma­xi­mi­li­an­stra­ße, wo einst das größ­te Uh­ren­roh­werk Deutsch­lands und die Uh­ren­fa­brik Por­ta be­hei­ma­tet wa­ren. Ein Trep­pen­haus­an­bau lässt die ur­sprüng­lich fein pro­por­tio­nier­te Ras­ter­fas­sa­de op­tisch in den Hin­ter­grund tre­ten. Lau­ben­gang und ei­ne Wen­del­trep­pe sind in ur­sprüng­li­cher Form er­hal­ten. Ar­chi­tekt des 1950 er­stell­ten Ge­bäu­des ist Hans Paul Sch­mohl, der auch das Stutt­gar­ter Rat­haus ent­wor­fen hat. 1967 wur­de an der Ho­hen­zol­lern­stra­ße das Ge­bäu­de der Dia­ment­schmuck­fa­brik Emil Ha­sen­fratz (Ha­si-Schmuck) nach Plä­nen von Eber­hard Geiss er­rich­tet. Im Erd­ge­schoss durch­bre­chen re­li­e­far­ti­ge Sicht­be­ton­plat­ten mit zer­furch­ter Ober­flä­chen­struk­tur die für die Ent­ste­hungs­zeit ty­pi­sche Stren­ge und Or­na­ment­lo­sig­keit des Baus. Ein Gestal­tungs­ele­ment, das vom Pforz­hei­mer Wolf­gang Kap­pis auch an der süd­li­chen Stirn­wand des Neu­en Rat­hau­ses an­ge­wandt wur­de.

Wei­te­re Be­sich­ti­gungs­ob­jek­te wa­ren die frü­her als „Pforz­hei­mer Akro­po­lis“be­zeich­ne­te Gold­schmie­de­schu­le mit Uhr­ma­cher­schu­le, die Gold­ket­ten­fa­brik Ar­tur Bos­sert an der Pfäl­zer­stra­ße und das Reuch­lin­haus mit Schmuck­mu­se­um.

Licht, Luft und Son­ne als ty­pi­sche Bau­merk­ma­le

DIE EINST ALS „PFORZ­HEI­MER AKRO­PO­LIS“be­zeich­ne­te Gold­schmie­de­schu­le mit Uhr­ma­cher­schu­le war ei­ne Sta­ti­on bei der Rund­fahrt am Tag der Ar­chi­tek­tur. Fo­to: Eh­mann

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