Fah­ren­des Volk zieht durch Maul­bronn

Ablass­händ­ler, Min­ne­sän­ger und Rit­ter mach­ten am Wo­che­n­en­de die Klos­ter­stadt un­si­cher

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Isa­bel Han­sen

Maul­bronn. Al­le zwei Jah­re am letz­ten Ju­ni-Wo­che­n­en­de bie­tet der zu­meist eher be­schau­li­che da­lie­gen­de In­nen­hof des Unesco-Welt­kul­tur­er­bes die per­fek­te Ku­lis­se für ein tur­bu­len­tes Mit­tel­al­ter-Spek­ta­kel, auf das heu­er be­reits am Frei­tag­abend die Seán Tra­cy Band, Gar­den of De­light und Ra­pal­je ein­ge­stimmt ha­ben. Das ei­gent­li­che Klos­ter­fest star­te­te dann am Sams­tag mit dem Ein­zug der Spiel­leu­te und Gauk­ler.

„Sie kom­men, sie kom­men“: Mit ei­ner Vor­hut aus auf­ge­reg­ten Kin­dern, viel Ju­bel, kräf­ti­gem Hand­ge­klap­per, Trom­mel­wir­bel und Blas­mu­sik kün­digt sich

30-jäh­ri­ge Part­ner­schaft mit Val­da­hon ge­fei­ert

ge­gen 15 Uhr der Festein­zug der 20 teil­neh­men­den Grup­pen an. Der Reit- und Fahr­ver­ein kommt hoch zu Ross, der Ver­ein für Sport­schie­ßen trägt schwer an dem er­leg­ten Kunst­stoff­wild­schwein, die per­fekt ge­klei­de­ten Da­men und Her­ren vom Ge­schichts- und Hei­mat­ver­ein for­dern Ju­bel von der Men­ge und die Part­ner­stadt Val­da­hon prä­sen­tiert sich im Jahr des 30-jäh­ri­gen Be­ste­hens der deutsch-fran­zö­si­schen Part­ner­schaft mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Iro­nie. Ba­guette un­ter dem Arm, Rot­wein in der Ta­sche, Bas­ken­müt­ze auf dem Kopf, Schnauz­bart und Bril­le im Ge­sicht, und ein Kalb der Ras­se Mont­bé­li­ard am Führ­seil hin­ter sich zie­hend – Mi­chel Par­ren­in klap­pert in viel zu klei­nen Holz­pan­tof­feln als Kli­schee des fran­zö­si­schen Bau­ern über das Kopf­stein­pflas­ter und geizt da­bei nicht mit Kom­pli­men­ten an die Ma­da­mes.

Das Ge­ständ­nis des Schot­ten Da­ni­el Ma­cho vom Sän­ger­bund Zai­sers­wei­her löst der­weil ei­nen Sturm der Hei­ter­keit bei al­len Frau­en in Hör­wei­te aus. Der Wahr­heits­ge­halt der Be­haup­tung wird in­des nicht nä­her un­ter die Lu­pe ge­nom­men. Auf ein­mal ist Schluss mit lus­tig: Gun­ter von der Rhein­aue er­tappt sei­ne Ehe­weib Silke von der Rhein­aue da­bei, wie sie schmach­tend am Arm ei­nes an­de­ren Rit­ters hängt. Da mag Rit­ter Alex mit den blau­en Au­gen sei­ne Un­schuld be­teu­ern wie er will, zwei wei­te­re Mai­den, mit de­nen er an­ge­bän­delt hat, be­sie­geln sein Schick­sal: Un­ter dem Ge­joh­le der Men­ge und dem Ge­kreisch der ver­schmäh­ten und rach­süch­ti­gen Ge­lieb­ten kommt er auf die Streck­bank, wo er ge­teert und ge­fe­dert wird. Schlag auf Schlag im Takt folgt ei­ne Vor­füh­rung auf die an­de­re, wech­seln sich Gau­ke­lei­en, Tanz, Trom­mel-Ein­la­gen, Live­Mu­sik, Ma­gie-Show und Schwert­kämp­fe ab. Da­zwi­schen gibt es Thea­ter um Viel­wei­be­rei und Zwangs­t­au­fen. Ei­ner der Pu­bli­kums­lieb­lin­ge ist das Wa­gen­rad­zie­hen mit dem gro­ßen Fi­na­le am Sonn­tag, bei der pro Run­de je vier Teams ge­gen­ein­an­der an­tre­ten und ver­su­chen, das Wa­gen­rad in ih­re Rich­tung zu zie­hen. „War­um ist denn da ei­ner zu viel am Seil? Ist der fünf­te Mann ein Be­treu­er? Klar, Fuß­ball­mann­schaft, da gibt auch in den nied­ri­ge­ren Klas­sen mehr Be­treu­er als Spie­ler“, ahn­de­te Bür­ger­meis­ter Andre­as Felch­le den Re­gel­ver­stoß mit ei­ner ge­pfleg­ten Läs­te­rei.

RACHSÜCHTIGE WEIBSBILDER: Un­ter dem Joh­len der Men­ge tee­ren und fe­dern die be­tro­ge­nen Frau­en ge­nüss­lich den un­treu­en Rit­ter Alex mit den blau­en Au­gen. Fo­to: Han­sen

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