Schleu­sen gel­ten als kri­ti­sche Punk­te

Erst­mals wer­den in Deutsch­land Cas­torbe­häl­ter mit ra­dio­ak­ti­vem Atom­müll per Schiff auf ei­nem Fluss trans­por­tiert

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Mann­heim. Erst­mals soll ra­dio­ak­ti­ver Atom­müll in Deutsch­land auf ei­nem Fluss trans­por­tiert wer­den. Die in die­ser Wo­che er­war­te­te Be­för­de­rung von zu­nächst drei Cas­tor-Be­häl­tern per Schiff auf dem un­te­ren Neckar ist un­ter­des­sen hef­tig um­strit­ten. In der Ver­gan­gen­heit hat­ten Cas­tor­trans­por­te per Zug im Süd­wes­ten die Ge­mü­ter er­hitzt. Die Po­li­zei si­cher­te sol­che Trans­por­te mit dem kos­ten­in­ten­si­ven Ein­satz von vie­len Hun­dert­schaf­ten. Zum Schiffstrans­port von Atom­müll ha­ben unsere Mit­ar­bei­ter Wolf­gang Jung und Tat­ja­na Bo­jic ei­ni­ge Fra­gen und Ant­wor­ten zu­sam­men­ge­stellt. Ist mit Zu­sam­men­stö­ßen zwi­schen Po­li­zei und Geg­nern zu rech­nen?

Aus Si­cher­heits­krei­sen ver­lau­te­te, die Po­li­zei wer­de mit Hun­der­ten Be­am­ten im Ein­satz sein. Der Trans­port wer­de von Boo­ten der Was­ser­schutz­po­li­zei be­glei­tet, Po­li­zei­fahr­zeu­ge sei­en an der Stre­cke pos­tiert. Ein Hub­schrau­ber be­ob­ach­te aus der Luft.

Gibt es be­son­de­re neur­al­gi­sche Punk­te auf dem Stre­cken­ver­lauf?

Als mög­li­che kri­ti­sche Punk­te wer­den sechs Schleu­sen auf dem et­wa 50 Ki­lo­me­ter lan­gen Weg ge­se­hen. Geg­ner ha­ben Pro­tes­te an­ge­kün­digt. „Kon­flik­te ent­ste­hen nur dann, wenn das Ver­samm­lungs­und De­mons­tra­ti­ons­recht an den Trans­port­ta­gen ein­ge­schränkt wer­den soll. Und wenn die Po­li­zei mit un­ver­hält­nis­mä­ßi­gen Mit­teln ge­gen Pro­tes­tie­ren­de vor­geht“, sagt Her­berth Würth vom Ak­ti­ons­bünd­nis „Neckar cas­tor­frei“.

Wann könn­ten die Trans­por­te los­ge­hen?

Die ers­te Be­för­de­rung der drei Cas­torBe­häl­ter er­folgt nach In­for­ma­tio­nen der Nach­rich­ten­agen­tur dpa noch in die­ser Wo­che – kon­kret am mor­gi­gen Mitt­woch. Das da­zu nö­ti­ge Trans­port­schiff ist am gest­ri­gen Mon­tag am still­ge­leg­ten Atom­kraft­werk Obrigheim ein­ge­trof­fen – nach der Ab­fahrt in Neckar­west­heim, wie aus Si­cher­heits­krei­sen ver­lau­tet. Am heu­ti­gen Di­ens­tag soll dem­nach in Obrigheim die Ver­la­dung der drei Cas­tor-Be­häl­ter auf das Trans­port­schiff er­fol­gen. Ins­ge­samt plant der in Karls­ru­he an­säs­si­ge Ener­gie­ver­sor­ger EnBW dem Ver­neh­men nach fünf Trans­por­te mit je drei Cas­to­ren.

War­um soll Atom­müll aus dem ab­ge­schal­te­ten Atom­kraft­werk Obrigheim nach Neckar­west­heim ge­bracht wer­den?

Ei­gent­lich wä­re für die La­ge­rung der 342 aus­ge­dien­ten Brenn­ele­men­te ein ei­ge­nes Zwi­schen­la­ger in Obrigheim nö­tig. Al­ler­dings ist in Neckar­west­heim noch Platz: Von den dor­ti­gen 151 La­ger­stel­len sol­len nur 125 für Cas­tor-Be­häl­ter ver­plant sein, der Rest wä­re dem­nach frei, heißt es – et­wa für die 15 Be­häl­ter mit Brenn­ele­men­ten aus Obrigheim. Die Ge­neh­mi­gung für ei­ne Auf­be­wah­rung der Brenn­ele­men­te im Zwi­schen­la­ger am Kern­kraft­werk Neckar­west­heim war der EnBW be­reits im ver­gan­ge­nen Jahr er­teilt wor­den. Atom­kraft­geg­ner kri­ti­sie­ren die Ent­schei­dung.

Ein vor­han­de­nes Zwi­schen­la­ger nut­zen statt ein neu­es zu bau­en – was ist dar­an so um­strit­ten?

Ex­per­ten wie der Phy­si­ker Wolf­gang Ne­u­mann kri­ti­sie­ren, dass wohl nicht ge­prüft wur­de, ob in Obrigheim ein Zwi­schen­la­ger mög­lich wä­re, das in punc­to Si­cher­heit bes­ser wä­re als an­de­re Zwi­schen­la­ger im Süd­wes­ten – ein­schließ­lich Neckar­west­heim. „Ist das nicht so, muss ei­ne Si­cher­heits­ab­wä­gung ge­macht wer­den zwi­schen der La­ge­rung in Obrigheim und ei­nem Trans­port nach Neckar­west­heim“, sagt der Strah­len­ex­per­te aus Han­no­ver. „Lei­der hat Ent­spre­chen­des auch un­ter ei­nem Grü­nen-Um­welt­mi­nis­ter nicht statt­ge­fun­den“, sagt Ne­u­mann.

War­um soll der Atom­müll auf dem Neckar trans­por­tiert wor­den?

EnBW und Po­li­zei ar­gu­men­tie­ren, dass ei­ne Be­för­de­rung auf der Schie­ne oder auf der Stra­ße auf­wen­di­ger sei. Die Si­cher­heit sieht das Un­ter­neh­men nicht ge­fähr­det. Der Chef der Kern­kraft Gm­bH von EnBW, Jörg Mi­chels, nennt das Trans­port­schiff so­gar „prak­tisch un­sink­bar“. Hin­ge­gen be­zeich­net die Lan­des­vor­sit­zen­de des BUND, Bri­git­te Dahl­ben­der, den Trans­port als „ris­kan­tes­te Va­ri­an­te“. Es wä­re die ers­te Ver­frach­tung von Atom­müll auf ei­nem Fluss in Deutsch­land. In der Ver­gan­gen­heit wa­ren ver­brauch­te Brenn­ele­men­te aber auf dem Was­ser et­wa nach Groß­bri­tan­ni­en ge­bracht wor­den.

Was lässt sich sonst noch über po­ten­zi­el­le Ge­fah­ren sa­gen?

Der Fluss­ver­lauf ent­hält zahl­rei­che Kur­ven, so dass sorg­fäl­ti­ges Ma­nö­vrie­ren er­for­der­lich ist. Tech­ni­sche Her­aus­for­de­run­gen gibt es auch bei der Pas­sa­ge der Schleu­sen auf der Stre­cke. An­de­rer­seits ist die sta­tis­ti­sche Un­fall­häu­fig­keit den­noch nicht hö­her als auf der Schie­ne.

DER CAS­TORTRANS­PORT auf dem Neckar ist nicht un­um­strit­ten. Wäh­rend der Ener­gie­ver­sor­ger EnBW die Un­be­denk­lich­keit des Ver­fah­rens be­tont, be­trach­ten Kri­ti­ker die neue Pra­xis mit Sor­ge. Fo­to: dpa

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