Grün­dungs­schmie­de im Her­zen Karls­ru­hes

KIT setzt auf In­no­va­tio­nen und Ko­ope­ra­tio­nen

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Ju­li­us Sand­mann

Karls­ru­he. Al­le ha­ben ein­mal klein an­ge­fan­gen: So könn­te das Mot­to für den In­no­va­ti­ons­tag am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) lau­ten, der mor­gen am Cam­pus Süd be­ginnt. Die Ver­an­stal­tung soll als Platt­form die­nen, um sich über Ide­en aus­zu­tau­schen oder sol­che zu ent­wi­ckeln. Ei­ner der Hö­he­punk­te ist der Vor­trag von Micha­el Kasch­ke, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Carl Zeiss AG, zum The­ma „Je­der Kon­zern war ein­mal ein Start-up – was bleibt da­von er­hal­ten?“Das KIT legt gro­ßen Wert auf den Be­reich Grün­dun­gen, tan­giert die­ser doch di­rekt das Selbst­ver­ständ­nis der Hoch­schu­le.

KIT-Prä­si­dent Hol­ger Han­sel­ka griff die­sen Um­stand schon bei der Jah­res­fei­er der Uni­ver­si­tät auf: „Im Grün­dungs­ra­dar 2016 des Stif­ter­ver­ban­des für die Deut­sche Wis­sen­schaft plat­ziert sich das KIT auf Platz zwei in der Ka­te­go­rie Grün­dungs­för­de­rung.“Für die Lö­sung drän­gen­der Zu­kunfts­fra­gen sei die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen For­schung und Wirt­schaft es­sen­zi­ell, er­klärt er ge­gen­über den BNN. Ge­sell­schaft­li­che Her­aus­for­de­run­gen wie die Ener­gie­wen­de lie­ßen sich nur im in­ten­si­ven Dia­log die­ser bei­den Part­ner meis­tern. „Da­her ha­ben In­dus­trie­ko­ope­ra­tio­nen und Aus­grün­dun­gen am KIT ei­nen ho­hen Stel­len­wert, und die In­no­va­ti­on ist bei uns als drit­te Säu­le ne­ben For­schung und Leh­re fest eta­bliert und so­gar im Prä­si­di­um ver­an­kert“, er­läu­tert Han­sel­ka. Ei­ner der Ver­ant­wort­li­chen für die­sen Be­reich ist Tho­mas Ne­u­mann. Er lei­tet den Be­reich Grün­dun­gen in der An­fang 2017 neu struk­tu­rier­ten Di­enst­leis­tungs­ein­heit In­no­va­tions- und Re­la­ti­ons­ma­nage­ment (IRM). Das IRM hat die Auf­ga­be, „po­ten­zi­el­le In­no­va­tio­nen zu­sam­men mit der Wis­sen­schaft zu iden­ti­fi­zie­ren, zu si­chern und de­ren wirt­schaft­li­che Ver­wer­tung zu in­iti­ie­ren und zu be­glei­ten“. Kern sei das geis­ti­ge Ei­gen­tum – im Hoch­schul­jar­gon „In­tel­lec­tu­al Pro­per­ty“(IP) ge­nannt –, das in den rund 130 wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­ten des KIT ent­steht. Die Ein­nah­men aus IP-ba­sier­ten Li­zen­zen be­lie­fen sich im ver­gan­ge­nen Jahr nach An­ga­ben der Hoch­schu­le auf 1,7 Mil­lio­nen Eu­ro. Ins­ge­samt ha­be es 2016 genau 21 Grün­dun­gen am KIT ge­ge­ben.

Ne­u­mann und sein Team be­ra­ten die In­ter­es­sier­ten un­ter den mehr als 25 000 Stu­die­ren­den und rund 9 300 Mit­ar­bei­tern, die mit ei­ner Idee zu ih­nen kom­men: Sie hel­fen da­bei, För­der­mit­tel zu er­hal­ten oder ein Ge­schäfts­mo­dell zu ent­wi­ckeln, aber sie sen­si­bi­li­sie­ren auch für das The­ma Grün­den. „Karls­ru­he ist nicht so groß wie Ber­lin, aber wir sit­zen als Part­ner al­le an ei­nem Tisch, bei­spiels­wei­se in der Grün­de­r­al­li­anz Karls­ru­he“, zeigt sich der 35-Jäh­ri­ge zu­frie­den. Wich­tig da­für sei­en auch die kur­zen, gut aus­ge­schil­der­ten Pfa­de in der Fä­cher­stadt. „Wir ha­ben vie­le Teams, die sich durch ei­ne För­de­rung sehr gut ent­wi­ckeln. Dann ge­hen die­se oft ins Cy­ber­lab, von dort in die Tech­no­lo­gie­fa­brik schräg ge­gen­über und wenn es gut läuft an­schlie­ßend in den Tech­no­lo­gie­park“, er­klärt Ne­u­mann. „Wir ar­bei­ten im Grün­dungs­be­reich

Ver­net­zung in der Stadt ist ein wich­ti­ges The­ma

ge­ra­de sehr viel am The­ma Ver­net­zung. Das tut dem KIT auch gut, weil es das frü­her so nicht gab.“Ei­ne Er­folgs­ge­schich­te ha­be et­wa die Fir­ma Am­cu­re ge­schrie­ben, die aus dem In­sti­tut für To­xi­ko­lo­gie und Ge­ne­tik her­vor­ge­gan­gen ist und dar­an ar­bei­tet, Krebs­er­kran­kun­gen ef­fi­zi­en­ter be­kämp­fen zu kön­nen. Das KIT, das ein Jah­res­bud­get von rund 850 Mil­lio­nen Eu­ro hat, ist an Am­cu­re be­tei­ligt. Je­doch gibt es auch Bei­spie­le für ver­pass­te Ge­le­gen­hei­ten.

Mar­tin Her­mat­schwei­ler, Ge­schäfts­füh­rer von Na­no­scri­be, emp­fängt Be­su­cher in der Zweig­stel­le in Stu­ten­see. Die Fir­ma mit Haupt­sitz auf dem Cam­pus Nord des KIT ist nach ei­ge­nen An­ga­ben „Tech­no­lo­gie- und Welt­markt­füh­rer auf dem Ge­biet der ad­di­ti­ven Mi­kro­fa­bri­ka­ti­on“. Her­mat­schwei­ler er­läu­tert, was sich da­hin­ter ver­birgt: „Wir här­ten mit­hil­fe ei­nes fo­kus­sier­ten La­sers ei­nen flüs­si­gen Fo­to­lack aus. Hoch­prä­zi­se Op­ti­ken er­lau­ben es uns, Baustei­ne zu schaf­fen, die klei­ner sind als ein Mi­kro­me­ter.“Durch die 3-D-Dru­cker von Na­no­scri­be lie­ßen sich drei­di­men­sio­na­le Ob­jek­te in na­he­zu je­der be­lie­bi­gen Form her­stel­len – bis zu tau­send Mal klei­ner als ein men­sch­li­ches Haar dick ist. Zur Ver­an­schau­li­chung prä­sen­tiert Her­mat­schwei­ler ei­ne Mi­nia­tur des Karls­ru­her Schlos­ses. Al­ler­dings hat der Di­plomPhy­si­ker ganz an­de­re An­wen­dungs­be­rei­che im Blick. Bio­lo­gen et­wa könn­ten über­prü­fen, wie sich mensch­li­che Zel­len in ei­ner maß­ge­schnei­der­ten drei­di­men­sio­na­len Um­ge­bung ver­hal­ten, nicht nur in ei­ner fla­chen Pe­tri­scha­le. „Unsere Ziel­kund­schaft sind mo­men­tan zum größ­ten Teil For­schungs­ein­rich­tun­gen und Uni­ver­si­tä­ten welt­weit, aber auch suk­zes­si­ve die In­dus­trie“, sagt Her­mat­schwei­ler.

In über 30 Län­dern wür­de mit Ap­pa­ra­ten sei­ner Fir­ma ge­druckt, auch an re­nom­mier­ten Uni­ver­si­tä­ten wie Har­vard oder dem Ca­li­for­nia In­sti­tu­te of Tech­no­lo­gy – be­kannt aus der Se­rie „The Big Bang Theo­ry“. Die Um­sät­ze von Na­no­scri­be lie­gen nach ei­ge­nen An­ga­ben im zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich. Die Fir­ma ha­be fast 50 Mit­ar­bei­ter, von de­nen rund die Hälf­te am KIT aus­ge­bil­det wor­den sei.

Der 39-jäh­ri­ge Her­mat­schwei­ler grün­de­te das Un­ter­neh­men 2007 zu­sam­men mit drei Kol­le­gen, es ist so­zu­sa­gen ein Kind des In­sti­tuts für An­ge­wand­te Phy­sik. „Das KIT hat uns sehr stark un­ter­stützt. Wir hat­ten et­wa Kom­pe­tenz­män­gel, was den kom­mer­zi­el­len Aspekt an­geht:

Tech­no­lo­gie aus Ba­den in Har­vard und Ka­li­for­ni­en

Wie kommt man über­haupt an Mit­tel her­an, um so ei­ne Fir­ma zu grün­den? Das heu­ti­ge IRM hat uns zu­dem ge­hol­fen, den ers­ten Bu­si­ness­plan zu schrei­ben“, be­rich­tet Her­mat­schwei­ler. Für den Phy­si­ker ist die Hoch­schu­le ei­ner der zen­tra­len Grün­de da­für, dass sich rund um die Fä­cher­stadt vie­le TopUn­ter­neh­men an­ge­sie­delt hät­ten und ei­ne rich­ti­ge Star­tup-Kul­tur ent­ste­he. „Ich be­kom­me mit, dass das KIT im Aus­land wahr­ge­nom­men wird. Auch die gro­ßen Da­ten­kra­ken die­ser Welt rich­ten ih­ren Blick be­son­ders in­ten­siv auf Karls­ru­he“, er­zählt der 39-Jäh­ri­ge.

Im Ge­spräch mit Her­mat­schwei­ler fällt ein Satz, den die Ver­ant­wort­li­chen der Hoch­schu­le wahr­schein­lich nicht ger­ne hö­ren: „Das KIT ist nicht an Na­no­scri­be be­tei­ligt.“Im Ge­gen­satz zum Un­ter­neh­men von Micha­el Kasch­ke: Carl Zeiss ist seit 2008 Ge­sell­schaf­ter von Na­no­scri­be. Tho­mas Ne­u­mann und sein Team ar­bei­ten dar­an, dass sich ein sol­ches Ver­säum­nis nicht wie­der­holt. Je­den Tag ge­be es et­was zu ver­bes­sern und zu ler­nen, er­zählt der 35-Jäh­ri­ge. „Wir sind qua­si selbst ein klei­nes Start-up.“

INNOVATIONSQUELLE MIT­TEN IN KARLS­RU­HE: In­dus­trie­ko­ope­ra­tio­nen und Aus­grün­dun­gen ha­ben für KIT-Prä­si­dent Hol­ger Han­sel­ka ei­nen ho­hen Stel­len­wert. Für die Ver­ant­wort­li­chen des IRM sind die kur­zen We­ge in­ner­halb der Stadt wich­tig. Fo­to: KIT

MI­KRO-SCHLOSS: Die Mi­nia­tur ist zehn Mil­li­me­ter breit, 2,5 hoch und sechs tief. Fo­to: Na­no­scri­be/Lie­gen­schafts­amt Karls­ru­he

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