Im­mer in Wür­de

Zum Tod der Karls­ru­her Li­te­ra­tur­freun­din Ve­ra-Ma­ria Wie­land

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Adel ist ein gro­ßes Wort. Gleich­sam gold­blätt­rig schil­lernd steht es heu­te viel­fach für Glanz und Pro­mi­nenz. Wie ein Re­likt aus ver­flos­se­nen Ta­gen oder vi­el­leicht als Er­in­ne­rung an den Ti­tel ei­ner schwar­zen Film­ko­mö­die mag denn auch man­chem das Mot­to „Adel ver­pflich­tet“vor­kom­men. Ver­aMa­ria Wie­land, ge­bo­re­nen Frei­in von Rei­schach-Schef­fel nahm es ernst. Für sie, die klu­ge und hin­ge­bungs­vol­le Li­te­ra­tur­freun­din, be­deu­te­te Adel ei­ne Le­bens­form und tat­säch­lich Ver­pflich­tung – ih­ren Mit­men­schen ge­gen­über, aber auch ge­gen­über de­nen, die vor ihr da wa­ren: Mut­ter, Vater, die gan­ze Rei­he der Ah­nen. So war es denn aus ih­rer Hal­tung her­aus ein­fach nur selbst­ver­ständ­lich, na­he­zu na­tür­lich, dass sie sich über Jahr­zehn­te für die Li­te­ra­ri­sche Ge­sell­schaft Karls­ru­he ein­setz­te. War doch ihr Vater Eck Frei­herr von Rei­schachS­chef­fel der Initia­tor des Schef­fel­bun­des, dem Vor­läu­fer der Li­te­ra­ri­schen Ge­sell­schaft, der im Sep­tem­ber 1924 ge­grün­det wur­de. Sie­ben Wo­chen spä­ter, am 3. No­vem­ber, kam die jun­ge Frei­in zur Welt – im sel­ben Bett wie ihr Ur­groß­va­ter, der Dich­ter Jo­seph Vic­tor von Schef­fel. „Da­bei muss wohl ein Teil von Schef­fels Geist in mich ge­fah­ren sein“, er­klär­te die Uren­ke­lin spä­ter ein­mal.

Bü­cher soll­ten zu Mark­stei­nen ih­res Le­bens­wegs wer­den. Zu­nächst rein be­rufs­prak­tisch: Ve­ra-Ma­ria Wie­land ab­sol­viert ei­ne Leh­re zur Buch­händ­le­rin. Aber ih­re Nei­gung be­schränkt sich nicht auf das Ob­jekt Buch, son­dern ihr In­ter­es­se rich­tet sich auch auf die In­hal­te und nicht zu­letzt auf die Men­schen, de­nen die Tex­te zu ver­dan­ken sind. Wie oft lud sie nach Le­sun­gen, die in der Karls­ru­her Rönt­gen­stra­ße 6, dem ehe­ma­li­gen Do­mi­zil der Li­te­ra­ri­schen Ge­sell­schaft, statt­fan­den, in ihr un­weit ge­le­ge­nes Haus ein – freund­lich un­ter­stützt von ih­rem, in­zwi­schen seit lan­gem ge­stor­be­nen Mann, dem Ar­chi­tek­ten Hans-Pe­ter Wie­land.

Zu Au­to­ren wie Iso Ca­mar­tin, Wal­ter Helmut Fritz oder Mar­tin Wal­ser pfleg­te sie en­ge, ja freund­schaft­li­che Ver­bin­dun­gen, wie Ve­ra-Ma­ria Wie­land über­haupt ei­ne Frau war, die es ver­stand, Men­schen für sich zu ge­win­nen – schon al­lein, weil sie auf­merk­sam An­teil nahm an der Be­find­lich­keit ih­res Ge­gen­übers. Die­se Ei­gen­schaft, die zu­gleich Hal­tung war, kam in ho­hem Ma­ße der Li­te­ra­ri­schen Ge­sell­schaft zu­gu­te. Ihr hielt sie durch­gän­gig die Treue, ge­ra­de auch, als die mit an­nä­hernd 7 000 Mit­glie­dern heu­te größ­te li­te­ra­ri­sche Ver­ei­ni­gung Mit­tel­eu­ro­pas An­fang der 1990er Jah­re in ei­ne schwe­re Kri­se ge­riet. Der Ver­ein wür­dig­te das En­ga­ge­ment von Ver­aMa­ria Wie­land, in­dem er sie zur Eh­ren­vor­sit­zen­den er­nann­te. Dar­über hin­aus wur­de sie 1995 mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz ge­ehrt. Als be­son­de­re Freu­de emp­fand sie drei Jah­re spä­ter die Ver­lei­hung der Me­dail­le für Ver­diens­te um die Hei­mat Ba­den-Würt­tem­berg – der deut­sche Süd­wes­ten lag ihr be­son­ders am Her­zen. Was sich un­ter an­de­rem dar­in zeig­te, dass sie all die Or­te auf­such­te, die im Werk des Ju­ris­ten und Poe­ten Schef­fel ei­ne Rol­le spiel­ten.

Wür­de war ne­ben der Fä­hig­keit zum Stau­nen ein grund­le­gen­des We­sens­merk­mal von Ve­ra-Ma­ria Wie­land. Was das hieß, war bei der Bei­set­zung ih­res jung ver­stor­be­nen Soh­nes Jo­han­nes zu er­le­ben, bei der sie, wie wäh­rend ih­rer ge­sam­ten letz­ten Le­bens­jah­re, auf ei­nen Roll­stuhl an­ge­wie­sen war. Mit an­rüh­ren­der Fas­sung be­zwang sie da­mals den Schmerz über den Ver­lust des Kin­des. Jetzt ist sie ihm und ih­rem Mann im Al­ter von 92 Jah­ren nach­ge­folgt. Micha­el Hübl

SCHEF­FELS UREN­KE­LIN: Ve­ra-Ma­ria Wie­land, Frei­in von Rei­schach-Schef­fel, ist 92-jäh­rig ge­stor­ben. Fo­to: Artis

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