„Re­det Ta­che­les mit mir!“

Blick hin­ter die Ku­lis­sen: Der Opern­re­gis­seur Ste­fan Her­heim ar­bei­tet mit Stu­die­ren­den in Karls­ru­he

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wo­her? Wo­hin? Für Ste­fan Her­heim sind das die Kern­fra­gen ei­ner je­den Oper, ei­nes je­den Stü­ckes, das auf die Büh­ne kommt. „Wir er­ken­nen uns dar­in, fra­gen uns, wo­her wir kom­men, wo­hin wir ge­hen, was jetzt ist. Und wie wir mit der Un­er­träg­lich­keit der Sterb­lich­keit um­ge­hen“, er­klärt der be­rühm­te Opern­re­gis­seur aus Nor­we­gen die Tat­sa­che, dass Fi­gu­ren wie Ilia, Toch­ter des Pria­mos aus Mo­zarts Oper „Ido­me­neo“, seit 1781 in im­mer neu­en Sze­ne­ri­en, Klei­dern, Kon­zep­ten Ori­en­tie­rung sucht in ih­rem neu ge­wür­fel­ten Schick­sal. Kurz­um: war­um al­te Stü­cke noch heu­te wir­ken.

Wo­her? Wo­hin? Ilia ist am Schei­de­weg. „Oh Ilia! Oh ge­ni­tor! Oh prence! Oh sor­te! Oh vi­ta sven­tura­ta! Oh dol­ce mor­te!“Ma­ri­ann Gries­ha­ber ist im Mar­stall von Schloss Got­te­saue in ih­re Rol­le ge­schlüpft. An­ge­lei­tet wird die Ge­s­angs­stu­den­tin von Mag­da­le­na Ry­bi­cka, die im Mas­ter­stu­di­en­gang Mu­sik­thea­ter-Re­gie stu­diert. Sie und zwei wei­te­re Kom­mi­li­to­nin­nen ha­ben für ei­ne fünf Ta­ge dau­ern­de Meis­ter­klas­se mit dem er­fah­re­nen Re­gis­seur Ste­fan Her­heim je­weils ein Kon­zept für ei­ne Ins­ze­nie­rung der Mo­zart-Oper vor­be­rei­tet. Die­se Deu­tun­gen wer­den am Bei­spiel ge­wähl­ter Sze­nen ein­stu­diert. Her­heim be­ob­ach­tet und be­rät. Am Kla­vier im­mer be­reit: Sig­mar Sted­din, Stu­di­en­lei­ter des In­sti­tuts für Mu­sik­thea­ter.

Ry­bick­as Idee für den an­ti­ken Stoff um den kre­ti­schen Kö­nig Ido­me­neo: Flücht­lin­ge stran­den auf Kre­ta, wo die über­dreh­te Welt des TUI-Tou­ris­mus flo­riert. Die vom Krieg trau­ma­ti­sier­te Ilia soll ver­wirrt aus ei­nem Alb­traum er­wa­chen, lei­tet Ry­bi­cka Gries­ha­ber auf der mit ei­ni­gen Re­qui­si­ten aus­ge­stat­te­ten Büh­ne an. Ry­bi­cka könn­te in die­sem Au­gen­blick wohl kei­ne bes­se­re Schu­le er­fah­ren. Aber auch kei­ne här­te­re. Ilia! Vater! Prinz! Schick­sal! Qual­vol­les Le­ben! Sü­ßer Tod! „Da hast du den gan­zen Sa­lat“, er­klärt Her­heim. Er möch­te ihn aber ge­wis­ser­ma­ßen bes­ser zer­pflückt ha­ben. Die Idee Ry­bick­as sei gut, aber in der Um­set­zung auf der Büh­ne noch nicht kon­se­quent, nicht kör­per­lich ge­nug. „Wir wol­len ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len“, ap­pel­liert Her­heim, der spä­tes­tens seit sei­ner Ins­ze­nie­rung von Wa­g­ners „Par­si­fal“bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len (2008) ei­ner der ge­frag­tes­ten Opern­re­gis­seu­re ist. „Seid nicht abs­trakt. Et­was Fleisch­li­che­res gibt es nicht. Al­so re­det Ta­che­les mit mir! Wor­um geht’s?“

Her­heim über­nimmt kurz die Re­gie. Gries­ha­ber soll zu­cken, be­vor sie auf­wacht. „Wei­ter! Wei­ter!“ani­miert er sie, wäh­rend die Ou­ver­tü­re aus­klingt. Gries­ha­ber be­ginnt, weit kommt sie nicht. Bei „Mis­to col san­gue il san­gue…“geht Her­heim ans Ein­ge­mach­te, for­dert Be­to­nun­gen auf Sil­ben. Und wei­ter: „A qu­al sor­te più rea/Ti ri­ser­ba­no i Nu­mi?“Her­heim schreit: „Ha!“Es kommt Be­we­gung ins Spiel, Fleisch und Blut. Was Her­heim de­mons­trie­ren will am Bei­spiel des ers­ten Re­zi­ta­ti­ves: „Geht an den Text! Ilia ist kei­ne Lei­den­de. Sie hat Hoff­nung. Da ge­schieht et­was in ih­rem Kopf. Es könn­te ja längst die Arie be­gin­nen, aber nein, sie denkt nach. Das muss kör­per­lich ar­ran­giert wer­den“, for­dert er, oh­ne et­was än­dern zu wol­len an der Idee. „Wir könn­ten die Sze­ne auch als Ma­ra­thon nach Rom lau­fen las­sen, al­les ist mög­lich, aber es muss stim­men.“

Schnell wird klar: Die Oper „Ido­me­neo“ist ers­tens für ei­nen Re­gis­seur ei­ne har­te Nuss. Zwei­tens hat Her­heim Ah­nung und schaut genau in den No­ten­text. Als Cel­list und Sohn ei­nes Di­ri­gen­ten ha­be ihn die Oper als „Vi­rus in­fi­ziert“, er­klärt Her­heim beim Ge­spräch in der Pau­se. Sein Stu­di­um bei Götz Fried­rich liegt bald 20 Jah­re zu­rück. Mehr als 30 Opern hat er in­sze­niert. Der „Ido­me­neo“be­schäf­tigt auch ihn ak­tu­ell. Sei­ne ers­te Ins­ze­nie­rung ist 2019 in Salz­burg mit Teo­dor Curr­ent­zis ge­plant. Re­gel­mä­ßig gibt Her­heim wie jetzt in Karls­ru­he sei­ne Er­fah­run­gen an jun­ge Re­gis­seu­re wei­ter. „Das tut gut. Ich er­in­ne­re mich an die ei­ge­ne Un­si­cher­heit am An­fang und se­he das jetzt als Pay-back-Time. Ich ge­be zu­rück, was ich ge­lernt ha­be“, sagt Her­heim, der im Herbst ei­ne Pro­fes­sur für Re­gie in Os­lo über­nimmt. Lei­der bö­ten Opern­häu­ser kaum den Rah­men, um op­ti­mal zu ar­bei­ten. Des­halb su­che er ei­nen Ha­fen. Ein Haus, an dem er Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen schafft, die sei­ner Ar­beit ent­spre­chen. Sein Traum al­so: ein ei­ge­nes Opern­haus? „Ja, ich hof­fe, dem­nächst geht es dort­hin. Mal schau­en.“Isa­bel Step­peler

Ter­mi­ne

ZEIGT, WIE MAN ES RICH­TIG ZEIGT: Ste­fan Her­heim be­rät die Re­gis­seu­rin Mag­da­le­na Ry­bi­cka (Mit­te) und die So­pra­nis­tin Ma­ri­ann Gries­ha­ber (rechts) bei der Ein­stu­die­rung der ers­ten Sze­ne von „Ido­me­neo“. Fo­to: Artis

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