„Er war kein lie­ber Bub“

Pforz­heim Ga­le­rie stellt Aus­stel­lungs­ka­ta­log „Vom Rhyth­mus zum Al­go­rith­mus“vor

Pforzheimer Kurier - - KULTUR IN PFORZHEIM -

Auch wenn die Aus­stel­lung „Vom Rhyth­mus zum Al­go­rith­mus“in der Pforz­heim Ga­le­rie bald zu En­de geht, kommt der Ka­ta­log nicht zu spät – bei zahl­rei­chen Vor­be­stel­lun­gen. „Man­fred Mohr hat sich in­ten­siv mit den Tex­ten und der Bild­aus­wahl be­schäf­tigt“, er­klärt Kul­tur­amts­lei­te­rin An­ge­li­ka Dre­scher die Ver­zö­ge­rung der Her­stel­lung des Ban­des, der sämt­li­che Wer­ke der Pforz­hei­mer Aus­stel­lung be­inhal­tet. Am Sonn­tag war es nun end­lich so­weit, und ne­ben Dre­scher und der Ku­ra­to­rin der Aus­stel­lung, Re­gi­na M. Fi­scher, ka­men auch die bei­den Brü­der von Man­fred Mohr zu der Vor­stel­lung: Her­bert MohrMay­er und Bern­hard Mohr.

Der Künst­ler, der auch Bot­schaf­ter von „Gold­stadt 250“ist und die re­tro­spek­ti­ve Aus­stel­lung zum Ju­bi­lä­ums­pro­gramm zählt, konn­te selbst nicht kom­men: „Er ist heu­te bei der Er­öff­nung ei­ner Aus­stel­lung in Tsche­chi­en“, ent­schul­dig­te Mohr-May­er sei­nen Bru­der mit dem Hin­weis, dass die­ser mit sei­nen 79 Jah­ren noch welt­weit ak­tiv sei.

„Seit der ful­mi­nan­ten Er­öff­nung, die ei­ne Stern­stun­de für Pforz­heim war, ha­ben vie­le Be­su­cher die Aus­stel­lung ge­se­hen“, schick­te An­ge­li­ka Dre­scher der Ka­ta­log­prä­sen­ta­ti­on vor­aus. Mit Schul­klas­sen ha­be die Kunst­his­to­ri­ke­rin Clau­dia Baum­busch in­ten­siv mit den Wer­ken Mohrs ge­ar­bei­tet. „Die Aus­stel­lung muss ver­ewigt wer­den“, war laut Dre­scher deut­lich, als schon vor zwei Jah­ren die Vor­be­rei­tun­gen be­gan­nen. Mit Hil­fe von drei Spon­so­ren wur­de die Hür­de der fi­nan­zi­el­len Not­la­ge der Stadt ge­nom­men. Jetzt ist der 144 Sei­ten um­fas­sen­de Ka­ta­log, der im Mo­do Ver­lag in Frei­burg her­ge­stellt wur­de, für 25 Eu­ro im Buch­han­del, dem Kul­tur­amt und in der noch bis 2. Ju­li lau­fen­den Aus­stel­lung selbst er­hält­lich.

Re­gi­na M. Fi­scher hat die Aus­stel­lung mit Mohr zu­sam­men ge­stal­tet. „Ei­ne be­son­de­re Be­geg­nung“, sagt sie heu­te, denn Di­gi­tal­kunst, als de­ren Pio­nier Mohr gilt, sei Kunst­his­to­ri­kern nicht so ge­läu­fig. Die per­sön­li­che Be­geg­nung mit Mohr ent­wi­ckel­te sich sehr krea­tiv über zwei Jah­re hin­weg. Des­sen En­ga­ge­ment gip­fel­te dar­in, dass er sich in New York, wo Mohr seit vie­len Jah­ren lebt, ein Mo­dell der Aus­stel­lungs­räu­me an­fer­ti­gen ließ, um die op­ti­ma­le Hän­gung sei­ner Ar­bei­ten zu er­kun­den. Der Ka­ta­log folgt ex­akt der Chro­no­lo­gie der Aus­stel­lung, näm­lich ent­ge­gen der Zeit, und be­inhal­tet ne­ben al­len ge­zeig­ten Wer­ken noch ei­ni­ge Ex­tras – his­to­ri­sche Fo­tos des jun­gen Künst­lers et­wa. Den Ein­band ziert die ers­te sei­ner Plot­ter-Auf­nah­men aus dem Jahr 1970. Die Tex­te stam­men von Fi­scher und dem Kul­tur­jour­na­lis­ten Andre­as Rauth.

Mohr-May­er ließ es sich nicht neh­men, Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­se aus dem Le­ben sei­nes Bru­ders zu er­zäh­len, der aus­ge­spro­chen ei­gen­sin­nig ge­we­sen sei. Als Drei­jäh­ri­ger ha­be er vor dem El­tern­haus in der Bleich­stra­ße Blu­men aus­ge­ris­sen und ver­kauft. „Er war kein lie­ber Bub“, sagt Mohr-May­er, was sich auch dar­an ge­zeigt ha­be, dass er ein zu Weih­nach­ten ge­schenk­tes Blech­au­to schreck­lich bunt an­ge­malt ha­be, und es dann, weil es ihm nicht ge­fiel, in die Na­gold warf. „Das war sei­ne ers­te Kunst­ak­ti­on und ein Aus­druck von Re­vo­lu­ti­on.“Spä­ter als Schü­ler ha­be er mit ei­nem Tun­nel­blick nur das ge­lernt, was ihn wirk­lich be­schäf­tig­te und bei­spiels­wei­se end­los Ra­di­os ge­bas­telt. Aus den Lei­ter­bah­nen der Pla­ti­nen ent­stan­den sei­ne ers­ten Gra­fi­ken. Statt Kla­vier lern­te er lie­ber Sa­xo­fon und spiel­te nachts im Jazz­kel­ler, spä­ter in Clubs in Pa­ris und Bar­ce­lo­na. Im Meis­ter­kurs der Gold­schmie­de­schu­le er­kann­te der Schul­lei­ter, dass Mohr kein Fa­b­ri­kant wer­den soll­te: „Der ist Künst­ler.“Jürgen Pe­che

KURZ VOR SCHLUSS kommt die Zu­sam­men­fas­sung: An­ge­li­ka Dre­scher, Her­bert Mohr-May­er mit dem Ka­ta­log zur Aus­stel­lung sei­nes Bru­ders, Man­fred Mohr, Re­gi­na M. Fi­scher und Bern­hard Mohr (von links). Fo­to: Pe­che

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