Göb­ri­cher Bau­ern wehr­ten sich vor 85 Jah­ren ge­gen die Pfän­dung ei­nes Rinds / Rat­haus ge­stürmt

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS -

Der „Bau­ern­auf­stand“vom 27. Ju­ni 1932, der sich am heu­ti­gen Di­ens­tag zum 85. Mal jährt, be­wies die Ein­heit und den Zu­sam­men­halt der Göb­ri­cher Ein­woh­ner. Da­mals präg­te noch das bäu­er­li­che Le­ben den All­tag der Men­schen. In der schwe­ren Zeit nach der Welt­wirt­schafts­kri­se 1929 konn­te die Fa­mi­lie von Karl Hof­säß I. in der un­te­ren Haupt­stra­ße die Grund­buch­kos­ten nicht zah­len. Sie ließ die Sa­che so­lan­ge „hän­gen“, bis von Amts we­gen ei­ne „kör­per­li­che Pfän­dung“an­ge­ord­net wur­de. Zu je­ner Zeit war Göb­ri­chen mit et­wa 1 200 Ein­woh­nern ei­ne ver­hält­nis­mä­ßig ar­me Ge­mein­de, die über hun­dert Ar­beits­lo­se und ei­ni­ge Wohl­fahrts­er­werb­lo­se zu un­ter­stüt­zen hat­te. Durch das „Schand­ge­bot“ei­nes Pforz­hei­mer Metz­ger­meis­ters von 25 Reich­mark für

31 Per­so­nen fest­ge­nom­men

ein Rind der Bau­ern­fa­mi­lie, das je­doch ei­nen Wert von 140 bis 150 Reichs­mark hat­te, wur­den die sonst fried­li­chen Ein­woh­ner des Dor­fes auf­ge­bracht. So ent­fach­te sich im Lau­fe des hei­ßen Som­mer­ta­ges wäh­rend der Heu­ern­te ein re­gel­rech­ter Auf­ruhr, der schließ­lich es­ka­lier­te, ob­wohl in­zwi­schen dem Land­wirt Geld vor­ge­streckt wur­de und die Ver­stei­ge­rung ver­hin­dert wer­den konn­te. Über den Pforz­hei­mer No­t­ruf alar­mier­te vier Po­li­zei­be­am­te ver­haf­te­ten den Land­wirt, sei­nen Sohn und fünf auf­rüh­re­ri­sche Bau­ern.

Als dann im Ort das Ge­rücht auf­kam, die Ver­haf­te­ten soll­ten nach Pforz­heim ins Ge­fäng­nis ge­bracht wer­den, rot­te­te sich ge­gen Abend ei­ne Men­schen­men­ge vor dem Rat­haus zu­sam­men und mach­te An­stal­ten, das Ge­bäu­de zu stür­men. Ein um 21 Uhr ein­tref­fen­der Be­reit­schafts­wa­gen der Pforz­hei­mer Po­li­zei wur­de mit Pflas­ter­stei­nen und Holz­stü­cken be­wor­fen und es kam zu ei­nem Sturm auf das Rat­haus­ge­bäu­de, wo­bei Fens­ter­schei­ben und auch Zie­gel zer­trüm­mert wur­den. Die Po­li­zei war ge­gen die Men­ge macht­los und muss­te wie­der zu­rück­ge­zo­gen wer­den.

Mitt­ler­wei­le hat­ten die Dorf­be­woh­ner den Orts­ein­gang von Pforz­heim her und die Haupt­stra­ße mit Heu­wa­gen ver­bar­ri­ka­diert und ein ge­gen 22 Uhr ein­tref­fen­des Schutz­po­li­zei­auf­ge­bot wur­de er­neut mit St­ei­nen, Holz­stü­cken und Bret­tern „emp­fan­gen“. Dann fie­len Schüs­se. Die Be­am­ten mach­ten dar­auf­hin eben­falls von der Schuss­waf­fe Ge­brauch, wo­bei ein 62 Jah­re al­ter Land­wirt durch ei­nen Schul­ter­schuss schwer und vier wei­te­re Per­so­nen leicht ver­letzt wur­den. Sie wur­den nach Pforz­heim ins Kran­ken­haus ge­bracht. Auch Po­li­zei­be­am­te sind durch St­ein­wür­fe ver­letzt wor­den. Schließ­lich ge­lang es der Po­li­zei, die Stra­ße zu räu­men, wor­auf die Be­am­ten vor dem Rat­haus vor­fuh­ren und die Ver­haf­te­ten mit­nah­men. Zu spä­ter St­un­de tra­fen zwei Last­wa­gen, voll­be­setzt mit Lan­des­po­li­zei aus Karls­ru­he, ein. Sie wa­ren mit Ma­schi­nen­ge­weh­ren aus­ge­rüs­tet und woll­ten den „Bau­ern­auf­stand“schnell be­en­den. Am Mor­gen da­nach traf die Pforz­hei­mer Staats­an­walt­schaft mit ei­ner schwer­be­waff­ne­ten Po­li­zei­ab­tei­lung in Göb­ri­chen ein, um die Un­ru­hen im Keim zu er­sti­cken. Die mit Ka­ra­bi­nern aus­ge­rüs­te­ten Be­am­ten be- setz­ten sämt­li­che Stra­ßen und Orts­aus­gän­ge und nah­men ei­ne Durch­su­chung nach Waf­fen vor. An­samm­lun­gen von meh­re­ren Per­so­nen wa­ren ver­bo­ten. Es kam zu Fest­nah­men von 31 Per­so­nen, die meh­re­re Wo­chen im Ge­fäng­nis in Pforz­heim auf ih­re Ver­ur­tei­lung war­te­ten. Bei der Ver­hand­lung im Land­ge­richt in Karls­ru­he wur­den fünf Er­wach­se­ne, die in das Lan­des­ge­fäng­nis nach Mann­heim ge­bracht wur­den, zu sechs bis zwölf Mo­na­ten Ge­fäng­nis so­wie zwei Ju­gend­li­che, die in die Ju­gend­voll­zugs­an­stalt nach Frei­burg ka­men, zu Frei­heits­stra­fen von drei und fünf Mo­na­ten ver­ur­teilt. Pe­ter Dietrich

BEIM FE­ST­UM­ZUG des Ju­bi­lä­ums „75 Jah­re Feu­er­wehr Göb­ri­chen“im Jahr 1974 mim­te der ört­li­che Klein­tier­züch­ter­ver­ein den „Bau­ern­auf­stand“vom 27. Ju­ni 1932 in ei­nem Wa­gen­mo­tiv mit Bau­ern, Metz­ger und Ge­richts­voll­zie­her. Fo­to: Dietrich

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