Ed­das Mar­zi­pan

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Ed­da­sZu­ta­ten

480 g ge­schäl­te Man­deln, 20 g Bit­ter­man­deln, 500 g Zu­cker, 100 g Ei­weiß, 1 Schnaps­glas Ro­sen­was­ser, Le­bens­mit­tel­far­ben

Zu­be­rei­tung

Die bei­den Sor­ten Man­deln mit dem Zu­cker im Mi­xer zer­klei­nern, bis Man­del­mehl ent­steht. Das Ei­weiß und ein paar Trop­fen Ro­sen­was­ser zu­fü­gen und al­les kräf­tig durch­kne­ten, bis ei­ne glat­te, kom­pak­te Mas­se ent­steht. Nach Be­lie­ben ein­fär­ben und die ge­wünsch­ten For­men mo­del­lie­ren.

27.

Als der Arzt spät­nachts das Klos­ter ver­ließ, über­kam Lea schreck­li­che Übel­keit.

Sie selbst hat­te ih­re Mut­ter be­wusst­los im Bett vor­ge­fun­den. Der Kör­per der Frau, die sie so vie­le Jah­re ge­liebt und be­schützt hat­te, hat­te auf­ge­ge­ben. Kein Krampf, kei­ne Re­ak­ti­on, nicht ein­mal auf ih­re Stim­me, mit der sie ih­re Mut­ter im­mer wie­der lie­be­voll rief. Auch von der Sanft­mut in ih­ren Zü­gen war kei­ne Spur mehr, al­les war von der Ver­zweif­lung des Her­zens, das jah­re­lang im Schat­ten des Klos­ters ge­lit­ten hat­te, ver­tilgt wor­den.

Ge­gen­über dem Arzt, der sich stets zu­ver­läs­sig um die Kran­ke ge­küm­mert hat­te, hat­te Lea dar­auf be­stan­den, ih­re Mut­ter im Klos­ter zu be­hal­ten und dort wei­ter zu be­han­deln. Als er sei­nen Kof­fer zu­klapp­te, sag­te er ihr dann, dass kei­ne The­ra­pie den de­ge­ne­ra­ti­ven Pro­zess auf­hal­ten kön­ne und die Äb­tis­sin sei­ner Er­fah­rung nach nicht mehr lan­ge le­ben wür­de. Bei die­sem Ur­teil wur­de Lea schwarz vor Au­gen, und in ih­rer See­le tat sich ein Ab­grund auf. Ihr Ge­sicht war von Trau­er über­schat­tet.

Von dem Au­gen­blick an, als die Au­gen der Äb­tis­sin sich dem wei­ßen Schlaf er­ge­ben hat­ten, war Lea nicht ei­ne Mi­nu­te von ih­rer Sei­te ge­wi­chen, vol­ler Ent­set­zen bei dem Ge­dan­ken, ih­re Mut­ter für im­mer zu ver­lie­ren.

Elet­t­ra da­ge­gen such­te seit­dem je­den Tag den Fels der Hoff­nung auf, um dort zu be­ten. Von je­nem dem Meer ab­ge­run­ge­nen fel­si­gen Stück­chen Land aus hat­ten die Frau­en der Fi­scher laut Isa­bel­le jahr­hun­der­te­lang den Ho­ri­zont nach den Boo­ten ih­rer Liebs­ten ab­ge­sucht und strah­len­de Bräu­te ih­re zu­rück­keh­ren­den Ehe­män­ner be­grüßt. Die ins Meer ra­gen­de Fels­na­se war über Jah­re hin­weg ein Ort der Hoff­nung und der Trä­nen ge­we­sen. Elet­t­ra konn­te sich kei­nen bes­se­ren Platz vor­stel­len, um für Jo­sé­phi­nes Hei­lung zu be­ten.

Sie moch­te es sich kaum ein­ge­ste­hen, schon gar nicht in Leas Ge­gen­wart, dass sie zu­gleich dar­über er­leich­tert war, dass die Äb­tis­sin jetzt in Frie­den ru­hen konn­te. Ihr Zu­stand hat­te sich in den letz­ten Ta­gen dra­ma­tisch ver­schlech­tert, und sie war im­mer häu­fi­ger von hef­ti­gen Krämp­fen ge­schüt­telt wor­den.

„Jetzt bist du ihr ganz nah“, flüs­ter­te sie und dach­te an ih­re Mut­ter. „So nah, wie ihr euch frü­her im­mer wart, du und dei­ne bes­te Freun­din.“Sie un­ter­drück­te die Trä­nen, als sie Leas schmerz­er­füll­tes Ge­sicht vor sich sah.

Mit ei­nem Mal ver­spür­te sie das drin­gen­de Be­dürf­nis, sich zu ver­ge­wis­sern, dass es ih­rer Mut­ter gut ging. Es hät­te ihr schon ge­nügt, wenn je­mand ihr ver­si­chert hät­te, dass ihr Zu­stand un­ver­än­dert sei, denn al­lein die Vor­stel­lung von Ed­da auf ei­nem Bett aus wei­ßem At­las, den Ro­sen­kranz in den Hän­den, raub­te ihr den Schlaf. Sie wand­te sich zum Ge­hen.

Zu­rück im Klos­ter, leg­te sie die vor­be­rei­te­ten Man­deln auf das Schnei­de­brett und zer­klei­ner­te sie so lan­ge, bis nur noch Mehl üb­rig blieb. Sie wuss­te, dass es kei­nen Sinn hat­te, Mit­tag­es­sen zu ko­chen, es hät­te oh­ne­hin nie­mand ge­ges­sen, da­her be­schloss sie, mit den Vor­be­rei­tun­gen für die Er­öff­nungs­fei­er wei­ter­zu­ma­chen. Lea und die an­de­ren Frau­en aßen nur so viel wie nö­tig, um sich auf den Bei­nen hal­ten zu kön­nen, und der mor­gend­li­che Blick auf den Ka­len­der hat­te Elet­t­ra dar­an er­in­nert, dass sie kei­ne Zeit mehr ver­lie­ren durf­te.

Sie starr­te lan­ge auf die lee­re Schüs­sel vor ihr, wäh­rend aus der Fer­ne Adri­ans Häm­mern her­über­drang. Ein paar Ta­ge, nach­dem die Äb­tis­sin ins Ko­ma ge­fal­len war, hat­te er die Ar­beit im Klos­ter wie­der auf­ge­nom­men, doch mehr als ein­mal hat­te Elet­t­ra be­ob­ach­tet, wie er sich an der Lei­ter fest­klam­mer­te, um nicht zu stür­zen, und sich die Stirn hielt. Er war noch nicht wie­der auf dem Damm, trotz­dem war er her­ge­kom­men, um ge­mein­sam mit ihr und ih­rer er­bit­terts­ten Mit­strei­te­rin Isa­bel­le zu kämp­fen. Die Heb­am­me hat­te Jo­sé­phi­nes Zu­stand eben­falls schwer ge­trof­fen, sie hat­te ge­weint wie ein Kind, aber sie hat­te Elet­t­ra nicht im Stich ge­las­sen.

Elet­t­ra nahm die Schüs­sel mit dem Zu­cker, gab die ge­mah­le­nen Man­deln hin­ein und ver­misch­te al­les mit der Hand. Es fühl­te sich an­ge­nehm an, wenn das Man­del­mehl nach und nach sein duf­ten­des Öl ab­gab, aber sie er­schau­er­te, als sie das kleb­rig kal­te Ei­weiß hin­zu­fü­gen muss­te, das ihr durch die Fin­ger glitt. Sie kne­te­te wei­ter und ließ das Ei den Zu­cker durch­feuch­ten. Frü­her war das Ed­das Auf­ga­be ge­we­sen, aber nun muss­te sie das Mar­zi­pan wohl oder übel selbst ma­chen.

Sie tauch­te die Hand in die stroh­gel­be Mas­se, und wäh­rend sie ar­bei­te­te, wan­der­ten ih­re Ge­dan­ken zu den un­be­schwer­ten Fei­er­ta­gen, an de­nen sich das Schau­fens­ter der

Bot­te­ga dei So­gni mit klei­nen, bun­ten Früch­ten ge­füllt hat­te. Elet­t­ra er­in­ner­te sich noch gut an die Eta­ge­ren, auf de­nen die win­zi­gen Mar­zi­pan­fi­gu­ren la­gen.

Für ih­re Schöp­fun­gen hat­te Ed­da da­mals gan­ze Näch­te durch­ge­ar­bei­tet, die di­cke Bril­le auf der Na­se, den fei­nen Pin­sel fest zwi­schen Dau­men und Zei­ge­fin­ger ge­klemmt. Fort­set­zung folgt

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