Die ro­te Li­nie

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - MAR­TIN FER­BER

Al­lein schon der Ge­dan­ke ist un­er­träg­lich und lässt ei­nen schau­dern: Re­cep Tay­yip Er­do­gan, der star­ke Mann der Tür­kei, for­dert bei ei­nem öf­fent­li­chen Auf­tritt auf dem Bo­den der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor ju­beln­den An­hän­gern die Ein­füh­rung der To­des­stra­fe in der Tür­kei und ver­tei­digt die Ver­haf­tung deut­scher Staats­bür­ger oh­ne Vor­lie­gen ei­ner An­kla­ge­schrift als Bei­trag im Kampf ge­gen den Ter­ro­ris­mus.

Da­mit es so weit nicht kommt, gibt die Bun­des­re­gie­rung ih­re bis­lang eher to­le­ran­te Li­nie auf und zieht ei­ne kla­re ro­te Li­nie. Ei­nen öf­fent­li­chen Auf­tritt Er­do­gans am Ran­de des G-20-Gip­fels in Ham­burg wird es nicht ge­ben, ein ent­spre­chen­der An­trag des selbst er­nann­ten Sul­tans von Bo­spo­rus wird ab­ge­lehnt.

Das ka­te­go­ri­sche Nein der Bun­des­re­gie­rung ist un­miss­ver­ständ­lich und kon­se­quent, vor al­lem aber nimmt es die Kom­mu­nen aus der Ver­ant­wor­tung, die bis­lang al­lei­ne im Re­gen stan­den und – wie im Früh­jahr in Gag­ge­nau oder in Ham­burg – al­len­falls mit dem He­bel des Brand­schut­zes ei­nen Auf­tritt ver­hin­dern

konn­ten. Der tür­ki­sche Prä­si­dent Er­do­gan wird wie­der ein­mal to­ben. Aber es wird nichts nüt­zen. Denn er hat sich die­se Ent­schei­dung Ber­lins sel­ber zu­zu­schrei­ben. Mit sei­nen maß­lo­sen Auf­trit­ten im Wahl­kampf um das Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum in der Tür­kei, mit sei­nen un­säg­li­chen Na­zi-Ver­glei­chen und dem Be­suchs­ver­bot für Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te auf dem Flug­ha­fen In­cir­lik hat er sein An­se­hen be­schä­digt, di­plo­ma­ti­sches Por­zel­lan zer­schla­gen und für ei­nen Wahl­sieg die Ver­schlech­te­rung des Ver­hält­nis­ses zu Deutsch­land bil­li­gend in Kauf ge­nom­men. Schon aus Grün­den der Selbst­ach­tung kann sich Deutsch­land das nicht bie­ten las­sen, die kla­re An­sa­ge ist die ein­zi­ge Spra­che, die der Au­to­krat ver­steht.

Ei­ne Mög­lich­keit bleibt Er­do­gan: Ei­nen Auf­tritt in der tür­ki­schen Bot­schaft in Ber­lin oder im Ham­bur­ger Ge­ne­ral­kon­su­lat kann ihm nie­mand ver­weh­ren, das ist nach in­ter­na­tio­na­lem Recht tür­ki­sches Staats­ge­biet. Doch da blie­be der tür­ki­sche Prä­si­dent Er­do­gan mit sei­nen Lands­leu­ten un­ter sich. Klei­ne Ku­lis­se statt gro­ßem Ge­tö­se.

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