Rei­se in die Ver­gan­gen­heit

Mam­mut, Ve­nus und Lö­wen­mensch – Eis­zeit­höh­len der Schwä­bi­schen Alb bald Welt­kul­tur­er­be?

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Tho­mas Burmeister

Ulm/Tü­bin­gen. Wenn Ni­cho­las Co­nard er­zählt, scheint sich die Welt rings­her­um in ei­nen Fan­ta­sy-Film zu ver­wan­deln. Mam­muts wüh­len mit gi­gan­ti­schen Stoß­zäh­nen das Gras auf. Lö­wen ja­gen Step­pen­bi­sons, mit Fel­len be­klei­de­te Jä­ger pir­schen sich an Rie­sen­hir­sche her­an. „Bis da­hin reich­te das Glet­scher­eis der Al­pen, es war un­glaub­lich kalt“, sagt Co­nard. Der Lei­ter des In­sti­tuts für Ur- und Früh­ge­schich­te der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen zeigt mit aus­ge­streck­ten Ar­men über Hü­gel der Schwä­bi­schen Alb hin­weg gen Sü­den. „Aber wo wir jetzt ste­hen, auf die­ser Sei­te der

„Die Zeit war ge­prägt von tech­ni­schen Neue­run­gen“

Do­nau, war es warm ge­nug für un­se­ren Vor­fah­ren. Hier wur­den sie zu Men­schen mit Kul­tur, die Kunst­wer­ke schu­fen.“

Et­li­che Be­le­ge da­für sind in den Höh­len der Re­gi­on zwi­schen Ulm, Blau­beu­ren und Hei­den­heim ent­deckt wor­den. Die sechs be­deu­tends­ten „Höh­len der äl­tes­ten Eis­zeit­kunst“könn­ten bei ei­nem Tref­fen der Kul­tur­or­ga­ni­sa­ti­on Unesco in Kra­kau bald zum Welt­kul­tur­er­be der Mensch­heit er­klärt wer­den. Wer die Höh­len be­sucht, be­gibt sich auf ei­ne Tour zu­rück in ei­ne Zeit, da der ana­to­misch mo­der­ne Mensch, der Ho­mo sa­pi­ens sa­pi­ens, den Ne­an­der­ta­ler ab­ge­löst hat­te und sich auf­mach­te, Kunst­wer­ke, Schmuck so­wie Mu­sik­in­stru­men­te zu schaf­fen. Seit sich For­scher Mit­te des 19. Jahr­hun­derts in der Alb ans Gr­a­ben mach­ten, för­der­ten sie et­li­che Zeug­nis­se ei­nes mensch­li­chen Wir­kens zu Ta­ge, das vor rund 40 000 Jah­ren erst­mals klar über Ver­rich­tun­gen zur Le­bens- und Art­er­hal­tung hin­aus­ging: Flö­ten aus Vo­gel­kno­chen, Tier- und Men­schen­fi­gu­ren aus Mam­mu­tel­fen­bein. In der Alt­stein­zeit hat sich der ana­to­misch mo­der­ne Mensch in Eu­ro­pa aus­ge­brei­tet. „Die Zeit war ge­prägt von tech­ni­schen wie kul­tu­rel­len Neue­run­gen“, sagt der aus Cin­cin­na­ti im USBun­des­staat Ohio stam­men­de Co­nard. Seit Jah­ren wirkt der Archäo­lo­ge in Tü­bin­gen. Seit 1995 ist er zu­dem wis­sen­schaft­li­cher Di­rek­tor des Ur­ge­schicht­li­chen Mu­se­ums in Blau­beu­ren.

Eis­zeit­men­schen bau­ten Speer­schleu­dern, mit de­nen sie auf halb­wegs si­che­rer Dis­tanz Groß­tie­re ja­gen konn­ten. Auch stei­ner­ne Nähna­deln wur­den er­fun­den. „Kul­tur­his­to­risch be­deut­sam sind vor al­lem die Kunst­wer­ke aus die­ser Zeit“, sagt Si­byl­le Wolf von der Sencken­berg Ge­sell­schaft für Na­tur­for­schung. Die Archäo­lo­gin gilt als Ko­ry­phäe für Mam­mut-El­fen­bein. Maß­geb­lich war sie an der jüngs­ten Re­stau­ra­ti­on des „Lö­wen­men­schen“, der im Ul­mer Mu­se­um als ei­ne der bei­den be­rühm­tes­ten Eis­zeit­kunst-Fi­gu­ren zu be­wun­dern ist. Als welt­weit äl­tes­te Frau­en­fi­gur gilt die „Ve­nus vom Hoh­le Fels“. Ent­deckt wur­de die rund 40 000 Jah­re al­te Da­me 2008 bei Gra­bun­gen in der Hoh­le­fel­sHöh­le un­ter Lei­tung von Co­nard. „Ve­nus“und „Lö­wen­mensch“, da­zu aus Stoß­zäh­nen ge­fer­tig­te Mi­nia­tu­ren von Tie­ren so­wie Flö­ten aus Vo­gel­kno­chen – sie al­le sind nicht nur Zeug­nis­se ei­ner be­son­ders wich­ti­ge Pha­se der Mensch­heits­ent­wick­lung. Sie sind auch Hoff­nungs­trä­ger ei­nes wich­ti­gen Wirt­schafts­zwei­ges der Alb­re­gi­on: Al­lein schon der An­trag, Fund­stät­ten der Eis­zeit­kunst in die Lis­te des Welt­kul­tur­er­bes auf­zu­neh­men, hat dem Tou­ris­mus ei­nen Schub be­schert. Ent­spre­chend hoch sind die mit dem Unesco-Sie­gel ver­bun­de­nen Er­war­tun­gen. Dass der An­trag durch­kommt, glau­ben Co­nard und sei­ne Mit­strei­ter ganz fest.

HIS­TO­RI­SCHE STÄT­TE: Der Archäo­lo­ge Ni­cho­las Co­nard steht bei Nie­derstot­zin­gen in­mit­ten ei­ner Aus­gra­bungs­stel­le. Bei ar­chäo­lo­gi­schen Gra­bun­gen wur­den an der Schwä­bi­schen Alb die ers­ten Spu­ren von Kunst und Mu­sik der Mensch­heit ge­fun­den. Fo­to: Puch­ner

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