„Wir ha­ben Fähr­ten im Wald ge­sucht“

Re­gie­team Kroesin­ger/Du­ra am Staats­thea­ter: Chi­na-Gast­spiel und neu­es Stück

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Was vor zwei Jah­ren als Bei­trag des Staats­thea­ters zum Karls­ru­her Stadt­ge­burts­tag ent­stand, zog wei­te Krei­se über die Fä­cher­stadt hin­aus. Nun ist das Re­cher­che­stück „Stol­per­stei­ne Karls­ru­he“von Hans-Wer­ner Kroesin­ger und Re­gi­ne Du­ra nach Gast­spie­len in Dan­zig, Prag, beim Ber­li­ner Thea­ter­tref­fen und in Te­mes­war auch nach Chi­na ein­ge­la­den. In der kom­men­den Wo­che er­lebt das Stück über die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung jü­di­scher Mit­ar­bei­ter des Staats­thea­ters in der Na­zi-Zeit zwei Auf­füh­run­gen im Ti­an­quiao Per­for­ming Arts Cen­ter in Pe­king. Das Gast­spiel ist Teil der Ko­ope­ra­ti­on „Thea­ter­tref­fen in Kroesin­ger: Zum ei­nen in­halt­lich – das Stück er­zählt ja vom Um­bau ei­ner Ge­sell­schaft und da­von, wie schnell man in den Ver­wal­tungs­wahn­sinn ge­ra­ten kann. Aber auch for­mal, zum Bei­spiel dass das Ma­te­ri­al für das Pu­bli­kum zu­gäng­lich ge­macht wird. Am Schluss ver­wan­delt sich die Büh­ne ja in ei­nen Le­se­saal mit den Do­ku­men­ten, auf de­nen „Stol­per­stei­ne Staats­thea­ter“be­ruht – es wer­den al­so die Pro­duk­ti­ons­me­tho­den of­fen­ge­legt.

Du­ra: Wir sind sehr ge­spannt, wie die Raum­si­tua­ti­on auf­ge­nom­men wird. Bei uns sitzt das Pu­bli­kum ja mit den Darstel­lern an ei­nem Tisch, und dass die räum­li­che Tren­nung von Büh­ne und Zu­schau­er­raum auf­ge­ho­ben wird, ist in Chi­na of­fen­bar ein ab­so­lu­tes No­vum.

Das Stück ist ei­gent­lich sehr lo­kal kon­zi­piert, wur­de dann aber schon bald an an­de­re Thea­ter ein­ge­la­den. Wel­che Er­fah­run­gen ha­ben Sie da ge­sam­melt?

Kroesin­ger: Mit in­ter­na­tio­na­len Gast­spie­len hat­ten wir nicht ge­rech­net – ich war ja schon vor der ers­ten Ein­la­dung nach Düsseldorf ner­vös, ob das Stück dort über­haupt funk­tio­nie­ren wür­de. Aber es hat sich ge­zeigt, dass ge­ra­de durch den ge­nau­en Blick auf Karls­ru­he und die vie­len kon­kre­ten De­tails, die das Stück ent­hält, die Mecha­nis­men die­ser Bü­ro­kra­tie deut­lich wer­den.

Du­ra: Durch die De­tail­fül­le gibt es im­mer Mög­lich­kei­ten für Zu­schau­er, ein­zu­ha­ken. In Dan­zig hat­ten wir ein Ge­spräch mit ei­nem Ar­chi­var, der sag­te: „Was ihr be­schreibt, ist ge­nau das, was ge­ra­de bei uns pas­siert.“Oder in Te­mes­war: Da wa­ren zwei Mäd­chen, nicht äl­ter als 15, die auf ei­ge­ne Faust ins Thea­ter ge­gan­gen sind. Die frag­ten mich nach der Vor­stel­lung als ers­tes, ob das al­les tat­säch­lich statt­ge­fun­den ha­be. Dass man so et­was auf die Büh­ne bringt, hat sie sehr be­rührt, und auch, dass man so über die Ver­gan­gen­heit der ei­ge­nen Ge­sell­schaft spre­chen kann.

Für Ihr neu­es Stück „Now­he­re Out“über die Si­tua­ti­on mus­li­mi­scher Flücht­lin­ge, die ho­mo­se­xu­ell oder trans­gen­der sind, konn­ten Sie nicht auf Ar­chiv­ma­te­ri­al zu­rück­grei­fen – wie war hier der Ar­beits­pro­zess?

Kroesin­ger: Das Thea­ter hat uns die­ses The­ma an­ge­bo­ten und vie­le der zu­grun­de lie­gen­den In­ter­views hat Chef­dra­ma­turg Jan Lin­ders ge­führt. Wir ha­ben dann ge­schaut: Wel­che Kom­po­nen­ten kom­men in die­sem The­ma zu­sam­men? Es war wie in ei­nem Wald: Der ist ziem­lich groß und ziem­lich dun­kel und man ver­läuft sich auch ganz schnell. Wir ha­ben ver­sucht, mög­lichst vie­le un­ter­schied­li­che Fähr­ten da hin­ein­zu­le­gen. Durch die­sen Fall ei­nes Bun­des­wehr­of­fi­ziers, der sich als sy­ri­scher Flücht­ling aus­ge­ge­ben hat, sind wir auf das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flucht (BAMF) ge­kom­men – und das ist in in die­ser Ge­men­ge­la­ge der in­ter­es­san­tes­te Punkt. Denn das BAMF ist der Ort, wo die Flücht­lin­ge ih­re Ge­schich­te er­zäh­len, und da stellt sich die Fra­ge: Wie viel kann man von sich preis­ge­ben? Fas­zi­nie­rend für uns war: Der Fall die­ses Sol­da­ten wä­re nicht pas­siert, wenn nicht McKin­sey im Auf­trag der Po­li­tik die Be­fra­gun­gen be­schleu­nigt hät­te, so dass nicht mehr der Be­fra­ger über den Fall ent­schei­det, son­dern je­mand an­ders, der nur die Ak­ten vor­ge­legt be­kommt.

Du­ra: Hier stellt sich für die Flücht­lin­ge auch die Fra­ge, durch wel­che Fil­ter ih­re Ge­schich­te geht: Erst der Dol­met­scher, bei dem man dar­auf an­ge­wie­sen ist, dass er prä­zi­se über­setzt und rich­tig in­ter­pre­tiert, was man aus­drü­cken will, und dann die schrift­li­che Fi­xie­rung. Wir ha­ben ei­ner Schu­lung zu­ge­se­hen und da­durch er­fah­ren, dass es, wie bei al­len be­hörd­li­chen Vor­gän­gen, auch hier Text­bau­stei­ne gibt. Egal wie dif­fe­ren­ziert die Ge­schich­te sein mag, am En­de gibt es nur Ja oder Nein, schwarz oder weiß.

Al­so be­han­delt auch die­ses Stück bü­ro­kra­ti­sche Mecha­nis­men?

Kroesin­ger: Das kann man so sa­gen. Es mag auch dar­an lie­gen, dass wir in der Pro­ben­pha­se mit den Schau­spie­lern un­ter­sucht ha­ben, wie wir die­ses The­ma für uns greif­bar ma­chen und wel­che Fra­gen für uns re­le­vant sind.

Fo­to: Balt­zer

HEU­TE PRE­MIE­RE, NÄCHS­TE WO­CHE CHI­NA: Re­gi­ne Du­ra und Hans-Wer­ner Kroesin­ger er­ar­bei­ten Re­cher­che­stü­cke am Ba­di­schen Staats­thea­ter Karls­ru­he.

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