Wur­zel der Me­di­en­kunst

ZKM Karls­ru­he zeigt ab heu­te „Ra­di­cal Soft­ware“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Es ist ei­ne je­ner Aus­stel­lun­gen, die vom Be­su­cher das heu­te wohl rars­te Gut ein­for­dern: Zeit. Die soll­te man sich neh­men, um im ZKM Karls­ru­he den Qu­er­ver­bin­dun­gen und ge­gen­sei­ti­gen Be­ein­flus­sun­gen zwi­schen Künst­lern, Künst­ler­grup­pen und Theo­re­ti­kern in den spä­ten 60er und frü­hen 70er Jah­ren nach­zu­spü­ren. „Ra­di­cal Soft­ware. The Ra­indance Foun­da­ti­on, Me­dia Eco­lo­gy and Vi­deo Art“fo­kus­siert mit Be­stän­den aus dem haus­ei­ge­nen Vi­deo­ar­chiv auf je­ne Jah­re, in de­nen Al­do Tam­bel­li­ni am CAVS tä­tig war, das mit „Center­beam“eben­so mo­men­tan in den Licht­hö­fen ge­zeigt wird wie Wer­ke von Tam­bel­li­ni selbst („Black Mat­ters“).

„Ra­di­cal Soft­ware“kann ge­le­sen wer­den als ein An­fangs­punkt, denn hier ist wohl der la­tei­ni­sche Ur­sprung von „Ra­dix“, der Wur­zel, ge­meint: Am An­fang steht ei­ne neue Tech­no­lo­gie, das Vi­deo. Die Künst­ler war­te­ten, bis die Ka­me­ras hand­li­che For­ma­te auf­wie­sen, um sie dann für ih­re Zwe­cke ein­zu­set­zen: Zur Do­ku­men­ta­ti­on, aber auch für die mög­li­che Par­ti­zi­pa­ti­on des Be­trach­ters, wo­bei da­hin­ter die uto­pi­sche Vi­si­on stand, mit­hil­fe der neu­en Me­di­en ei­ne neue Ge­sell­schaft zu kre­ieren, in­ner­halb de­rer der Be­trach­ter Sen­der und Emp­fän­ger zu­gleich sein soll­te. Da­mit grif­fen die Vi­deo­künst­ler, dar­un­ter auch das Kol­lek­tiv „Ra­indance Foun­da­ti­on“, weit in un­se­re Ge­gen­wart vor­aus, nah­men ak­tu­el­le Fra­ge­stel­lun­gen um die Be­ar­bei­tung von In­for­ma­ti­ons­struk­tu­ren vor­weg und kön­nen in­so­fern als Vor­läu­fer der so­zia­len Me­di­en ver­stan­den wer­den.

Die Ge­schich­te der Vi­deo­kunst, die mit „TV as a Crea­ti­ve Me­di­um“in der Ho­ward Wi­se Gal­le­ry in New York 1969 ih­ren An­fang nimmt, wird sub­ku­tan im ZKM nach­er­zählt. Denn mit da­bei wa­ren da­mals ne­ben Tam­bel­li­ni auch die spä­te­ren Ra­indance-Mit­glie­der Frank Gil­let­te, Paul Ryan und Ira Schnei­der. Ihr ab 1970 er­schei­nen­der Newsletter, die ers­te Zeit­schrift zum The­ma über­haupt, trägt den Ti­tel „Ra­di­cal Soft­ware“und bringt phi­lo­so­phi­sche Ab­hand­lun­gen, die Dis­kus­si­on tech­ni­scher Pro­ble­me und so­zia­le Im­pli­ka­tio­nen des Me­di­ums Vi­deo zu­sam­men. Die gleich­na­mi­ge Web­site, auf der sämt­li­che Aus­ga­ben online ge­stellt sind, macht deut­lich, wie sehr sich die dar­an da­mals Be­tei­lig­ten mit den de­mo­kra­ti­schen Ide­en des Me­di­ums bis heu­te iden­ti­fi­zie­ren. In der Aus­stel­lung ist sie ein wich­ti­ger Mei­len­stein, um die Ge­schich­te der Vi­deo­kunst als ein de­mo­kra­ti­sches und de­mo­kra­ti­sie­ren­des Me­di­um zu be­grei­fen, des­sen me­di­en­taug­li­ches Er­geb­nis in der Sen­dung „Night Light TV“mün­de­te, von der ei­ne „Best of“-Aus­wahl prä­sen­tiert wird. Eher ver­stö­rend ist da­ge­gen die Mehr­ka­nal-Ar­beit von Be­ryl Ko­rot „Dach­au 1974“, bei der sie aus der Tou­ris­ten-Per­spek­ti­ve das KZ auf­nimmt – samt Glo­cken­ge­läut und Ge­läch­ter im An­ge­sicht des Kre­ma­to­ri­ums. Da­ge­gen wei­sen die bei­den Fern­se­her-In­stal­la­tio­nen ein­drück­lich auf die Mög­lich­kei­ten des da­mals jun­gen Me­di­ums hin. Ins­be­son­de­re „Track Tra­ce“von Frank Gil­let­te ver­deut­licht das Aus­lo­ten der Tech­no­lo­gie­po­ten­zia­le durch das un­be­ab­sich­tig­te Ent­ste­hen ei­nes Selbst­por­traits, bei dem Zeit­ver­zö­ge­run­gen und räum­li­che Ver­la­ge­run­gen ein an­de­res Ver­ständ­nis von Vi­deo im­pli­zie­ren. Chris Ger­bing

Uto­pi­sche Vi­si­on ei­ner de­mo­kra­ti­schen Kunst

Fo­to: Onuk

FERN­SE­HEN ALS KREA­TI­VES ME­DI­UM: Mit ei­ner so be­ti­tel­ten Aus­stel­lung in New York be­gann 1969 ge­wis­ser­ma­ßen die Ge­schich­te der Me­di­en­kunst.

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