Ent­spannt im Ge­nuss-Sta­di­um

Zeit­fahr-Welt­meis­ter Mar­tin ist vor dem Grand Dé­part die Ru­he in Per­son

Pforzheimer Kurier - - SPORT -

Düsseldorf (sid). To­ny Mar­tins größ­ter Ru­he­pol ist erst ei­ni­ge Mo­na­te alt und heißt Mia. „Mei­ne Toch­ter lenkt mich ma­xi­mal ab, das hat­te ich in der Ver­gan­gen­heit nicht“, sag­te der Zeit­fahr-Welt­meis­ter vor sei­nem gro­ßen Sai­son­high­light. Am mor­gi­gen Sams­tag beim Auf­takt der Tour de Fran­ce will Mar­tin Gelb tra­gen, das hat er klar und deut­lich for­mu­liert. Und den­noch wirkt der 32-Jäh­ri­ge, als kön­ne ihm die enor­me Er­war­tungs­hal­tung nichts an­ha­ben: „Ich bin kom­plett re­la­xed.“

Mar­tin gibt sich nicht, als schaue die Rad­sport-Welt beim Grand Dé­part vor al­lem auf ihn. Der ge­bür­ti­ge Lau­sit­zer macht sich nicht ver­rückt, denn er will die­ses be­son­de­re Er­eig­nis in Düsseldorf, das er auch als Be­loh­nung für den Kampf um Ver­trau­en emp­fin­det, als Er­leb­nis wahr­neh­men. „Ich bin wirk­lich im Ge­nuss-Sta­di­um, das über­rascht mich selbst“, sag­te Mar­tin. Der gan­ze Tru­bel bringt ihn an­schei­nend nicht aus der Ba­lan­ce. „Ich freue mich un­heim­lich dar­auf. Für mich ist es das High­light“, mein­te er ges­tern bei der Prä­sen­ta­ti­on der 198 Rad­pro­fis auf dem Burg­platz in Düsseldorf vor mehr als 10 000 Zu­schau­ern.

Auch die eher schlech­te Wet­ter­pro­gno­se macht Mar­tin nicht viel aus. „Das Wet­ter spielt ein biss­chen rus­sisch Rou­let­te, ich bin schon zu­frie­den, wenn al­le die glei­chen Be­din­gun­gen ha­ben“, sag­te Mar­tin, der sich auch mit Startsze­na­ri­en be­fasst. Viel­leicht ent­schei­det er sich für ei­ne frü­he Start­zeit, viel­leicht legt aber auch der Ver­an­stal­ter ASO we­gen der Dra­ma­tur­gie Wert dar­auf, dass Mar­tin ganz spät ins Ren­nen geht. „Es kann sein, dass der Ver­an­stal­ter sich das vor­be­hält“, sag­te der vier­ma­li­ge Welt­meis­ter, der den 14-Ki­lo­me­ter-Kurs als „tü­ckisch und ge­fähr­lich“be­zeich­net, soll­te es reg­nen. Das Traum­sze­na­rio hat er tau­send­fach im Kopf durch­ge­spielt. Wie er oben auf der Start­ram­pe noch ein­mal tief ein­at­met. Wie er ein­taucht in die­sen Tun­nel aus Kon­zen­tra­ti­on. Wie links und rechts al­les an ihm vor­bei­fliegt. Wie sich das Lak­tat in der Mus­ku­la­tur sam­melt, das Blut pul­siert, der Schmerz in den Kör­per kriecht und schließ­lich dem Tri­umph­ge­fühl weicht. „Viel­leicht haut mich die At­mo­sphä­re so um, dass ich mer­ke, es ist der schöns­te Mo­ment für mich.“

Die Frank­reich-Rund­fahrt in Deutsch­land und Mar­tin als Gelb-An­wär­ter, das hat auch Sym­bol­kraft, nach­dem sich das Pu­bli­kum nach dem Jan-Ull­rich-Ab­sturz, nach all den Jah­ren der Do­ping­skan­da­le an­ge­wi­dert ab­ge­wen­det hat­te. Mar­tin hat zu­sam­men mit Mar­cel Kit­tel, John De­gen­kolb und An­dré Grei­pel viel Ener­gie in­ves­tiert, um ei­nen Image­wan­del zu be­wir­ken. „Wer hät­te vor zehn Jah­ren ge­dacht, dass wir ir­gend­wann mal wie­der ei­nen Tour-Start in Deutsch­land ha­ben wer­den? Ich se­he das als die Krö­nung“, sag­te Mar­tin, der oft ge­nug dar­an er­in­nert hat, wie viel Ab­leh­nung ihm noch zu Be­ginn sei­ner Pro­fi­kar­rie­re ent­ge­gen­schlug. Und jetzt al­so die­ses High­light. Mar­tins Fa­mi­lie wird da­bei sein und dem fünf­ma­li­gen Tour-Etap­pen­sie­ger die Dau­men drü­cken.

AM DÜS­SEL­DOR­FER RHEIN­UFER ent­lang rollt sich To­ny Mar­tin ein für das Zeit­fah­ren in der NRW-Lan­des­haupt­stadt am Sams­tag zum Auf­takt der Tour de Fran­ce. Fo­to: dpa

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